Anna Veith: „Der Skisport muss mutiger werden“
Die Ski-Legende spricht über ihrer Ansicht nach nötige Änderungen für den Weltcup, ihre Verantwortung als „Influencerin“ und die Zukunft des Wintersports.
Vergangenen Donnerstag haben Sie Ihre Partnerschaft mit Kästle offiziell publik gemacht und dabei mit einem Comeback-Gedanken aufhorchen lassen. Ernsthafte Gedanken?
Anna Veith: Im Moment ist das kein Thema, da müsste man sich herantasten. Was ich schon sagen muss: Ich finde, dass die Wildcard eine Megaidee ist, woher auch immer sie kam. Es ist super fürs Produkt – und natürlich auch für die Athleten, die es betrifft. Ich denke, da macht sich jeder Gedanken, der dafür infrage kommt. Ich auch.
Wie oft fahren Sie denn Ski?
Im letzten Winter gar nicht aufgrund der Schwangerschaft. Deshalb freue ich mich sehr auf den kommenden Winter, darauf, dass ich mit meinem Sohn fahren darf. Ich will aber auch das gesamte Material von Kästle testen, auch die Rennski. Und da werden auch Tore dabei sein.
Zur Person
Anna Veith (geb. Fenninger), geboren am 18. Juni 1989 in Hallein.
Familienstand: Verheiratet mit Manuel, 2 Kinder (Henry und Lotte)
Wohnort: Schladming-Rohrmoos (Manuel Veith betreibt dort das „ARX Guesthouse“)
Größte Erfolge: Olympiasiegerin 2014 (Super-G), Zwei Mal Olympia-Silber (2014 RTL, 2018 Super-G), Gesamtweltcupsiegerin 2013/14, 2014/15), dreifache Weltmeisterin, 15 Weltcupsiege. Rücktritt 2020.
Die Ankündigung des „Materialwechsels“ interessiert in Ihrem Fall nach wie vor überproportional. Überrascht Sie das Interesse an Ihrer Person?
Schon immer wieder. Ganz erklären kann ich mir das nicht, aber um ehrlich zu sein: So viele Gedanken mache ich mir auch nicht darüber.
Liegt das an dem „Kampf“, den Sie sich einst mit Ex-ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel geliefert haben?
Das hat mein Persönlichkeitsbild nach außen geprägt – und auch mich. Ich bin nie den einfachen Weg gegangen. In diesem Fall habe ich dem Gerechtigkeitssinn, der in meinem Leben stark verankert ist, Folge geleistet. Ich bin nie mitgeschwommen, immer meinen Weg gegangen.
Sie gelten aufgrund Ihrer vielen Follower auf Social Media auch als „Influencerin“. Sehen Sie sich als eine?
Ich sehe die Verantwortung schon, aber nicht wegen der Hunderttausenden Follower. Ich bin als Sportlerin in der Öffentlichkeit gestanden, habe schon da gemerkt, was das alles für eine Bedeutung hat. In gewissen Phasen meiner Karriere hat es Druck auf mich ausgeübt, so beobachtet zu werden, Vorbild zu sein. Ich will nach wie vor Vorbild sein, aber nur in dem Sinn, meine Werte weiterzugeben.
Wie sieht es bei Ihnen aus, wenn Sie in der Öffentlichkeit unterwegs sind? Ähnlich wie bei Marcel Hirscher?
Nein, aber ich habe das auch immer anders gelebt als er, auch wenn der Hype um ihn noch größer war. Bei mir gab es so eine Phase, dann wurde es ruhiger. Aber ich habe mich auch nie versteckt, versucht, damit umzugehen. Wenn es gerade nicht okay für mich war, bin ich nicht hinausgegangen. Das Hotel hier hat mir da geholfen.
Inwiefern?
Ich habe hier sieben Jahre im Penthouse gewohnt, war jeden Tag da, habe auch im Winter hier im Lokal gegessen. Da haben sich viele gedacht: Was macht die da? Aber man darf ja Gespräche führen, es muss auch nur Grenzen geben. Und wenn ich nicht so gut drauf war, war ich halt nicht herunten.
Sie meinten auch, dass der Skirennsport mutig sein muss, um die Zukunft zu sichern. Wie soll das gehen?
Man muss herausarbeiten, was die Stärken des Sports sind und die pushen. Meiner Meinung nach sind es die Geschichten der Athleten. So wie die Geschichten von Marcel Hirscher und Lucas Braathen in Sölden. Mir ist schon klar, dass diese Individualität in Verbandsstrukturen nicht so gerne gesehen wird. Aber da muss man mutig sein und sagen: Vielleicht funktioniert es ja so nicht mehr, wie es bisher war. Das muss ja jede Firma auch machen. Die Formel 1 hat es mit Netflix vorgemacht, durch Einblicke, die es davor so nicht gab. Wir haben einen actionreichen Sport, der gehört viel näher an den Konsumenten.
Aber nicht alle wollen so viel von sich hergeben, oder?
Wenn die Protagonisten davon auch profitieren, schon, glaube ich. Man kann aber auch nicht etwas verkaufen, ohne dass die Protagonisten, also die Sportlerinnen und Sportler, etwas davon haben. Es hat auch bei mir Situationen gegeben, in denen nicht alles angenehm war, aber ich habe mir kein Blatt vor den Mund genommen. Der Verband beruft sich darauf, dass die Erfolgreichen das System am Laufen halten, den Nachwuchs finanzieren. Wenn das aber nicht mehr funktioniert, muss man adaptieren, besser entlohnen. Und zwar die Athleten.
Sie waren Skisportlerin, Sie haben mit ihrem Mann ein Hotel. Wie sehen Sie die Zukunft des Skisports?
Er verändert sich, alles wird teurer, die Schneetage weniger. Leichter wird es nicht. Wir kämpfen hier alle um die Gäste. Jeder muss sich überlegen: Was kann ich mir mit meinem Produkt überlegen, damit der Gast zu mir kommt? So funktioniert die freie Marktwirtschaft eben. Höhergelegene Orte werden künftig sicher einen Vorteil haben, von dem her haben wir hier in Schladming-Rohrmoos auf 1000 Meter Seehöhe eh noch eine halbwegs gute Lage.
Was muss sonst noch passieren?
Man muss sich mehr einfallen lassen. Für mich das Wichtigste wäre, Kinder gratis Skifahren zu lassen vonseiten der Bergbahnen. Die Eltern sind ja eh dabei und zahlen, die Kinder sind dann die gewonnenen Kunden der Zukunft.
