Glut, Schweiß und Tränen
Der tägliche Morgenpost-Kommentar aus der Chefredaktion.
Nur Naive werden überrascht davon sein, dass nun die Handynachrichten aus der berüchtigten FPÖ-ORF-Chatgruppe öffentlich werden. Der parteiinterne blaue Austausch stammt aus der kurzen Regierungszeit der FPÖ im Kabinett Kurz/Strache von 2017 bis 2019. Und irgendwie ist es fast rührend, was sich der damalige Vizekanzler Heinz-Christian Strache wünscht: Seinen privaten Fitnesstrainer als Entertainer im Fernsehen. Und ein bisserl mehr Andreas Gabalier auf Ö3, bitte. Glut, Schweiß und Tränen.
Man könnte Strache fast zugutehalten, dass er statt harter Machtpolitik mehr Persönlich-Geschmäcklerisches auf seinen ORF-Wunschzettel schrieb. Doch der Hintergrund ist ernst. Im ORF, wo jahrzehntelang rote und schwarze Seilschaften die Personalpolitik machten, hatten deklarierte „Blaue“ meist keine Chance. Deshalb wusste der plötzlich mächtige Strache 2017 gar nicht, wen er fördern soll. Die aktuellen „Entpolitisierungs“-Rufe der heutigen Oppositions-FPÖ muss man auch vor dieser Folie lesen.
In Wahrheit haben noch alle Regierungen – mehr oder weniger patschert - den parteilichen Zugriff auf den Staatsfunk versucht. Die Begehrlichkeiten sind heute nicht kleiner als früher. Nur ist der Parteieneinfluss schwächer geworden, weil Eingriffe verpönt sind und die ORF-Redaktionen selbstbewusst auftreten. Das ist gut. Leider gibt es inzwischen neue Fehlentwicklungen. Das sprachliche Niveau ist inzwischen auch auf Ö1 erschreckend. Und manche führende ORF-Leute fungieren nicht als Dienstleister, sondern als (meist linksgrüne) Volkserzieher aus willkürlichem Gutdünken.
Das würde nur dann besser, wenn sich der ORF in seiner Finanzierung mehr dem Markt – und damit dem Publikum – unterwerfen müsste. Dass die Regierung dem Sender mit der Haushaltsabgabe eine leistungsentkoppelte Goldader erschloss, war einer ihrer größten politischen Fehler. Die künftig transparent zu machenden ORF-Gehälter sind auffallend hoch. Darüber wird noch viel diskutiert werden. Von einem ohnmächtigen Publikum, das zahlen muss, ohne Einfluss (oder wenigstens eine Austritts-Option) zu haben.
Rauchfreie Osterfreuden wünscht
Ernst Sittinger
ernst.sittinger@kleinezeitung.at