Conny Hütter im Interview: „Reiß dir den Arsch auf!“
In Saalbach-Hinterglemm krönte sich Conny Hütter zur Siegerin im Abfahrtsweltcup. Die Steirerin sprach über den größten Erfolg ihrer Karriere, die lange Leidenszeit und den besonderen Platz für die Kugel.
Auf dramatische Art und Weise sicherte sich Conny Hütter in der letzten Abfahrt der Saison doch noch die kleine Kristallkugel für die Abfahrt. Mit einem Traumlauf auf schwierigen Verhältnissen holte sie sich den Tagessieg. Ihre Konkurrentin Lara Gut-Behrami fiel nach verpatzter Fahrt aus den Punkten, weshalb die erste Kugel nach langem Zittern im Ziel fixiert war.
In einem verrückten Saisonfinale stand der Gewinn der Kristallkugel erst nach der vorletzten Läuferin fest. Wie sieht es nach dem großen Zittern in Ihnen aus?
Conny Hütter: Es ist schon ein bisschen komisch, aber so soll es auch sein. Es ist gut, verwirrt zu sein und das alles zu genießen, wenn man auf die Kugel schauen kann und sagt, das ist echt, das gehört mir. Im Ziel war ich gemeinsam mit der Schmidi (Nicole Schmidhofer, Anm.) am Anfang völlig planlos. Dann sind wir gemeinsam mit der Nina Ortlieb alles durchgegangen, die kennt alle FIS-Statuten. Die haben mir dann versichert, dass es sich auch ausgeht, wenn Lara aus den Punkten fällt und ich Zweite werde. Dann habe ich nur mehr gehofft, dass die letzten Läuferinnen langsamer sind als ich.
Hat sich dieser Erfolg in dieser Saison bereits abgezeichnet?
Nein. Mein großes Saisonziel war, dass ich in Saalbach noch um etwas mitfahre. Das ist mir im Super-G gelungen, wenn es auch nicht gereicht hat. Mein Servicemann hat dann schon gesagt, wir schauen im nächsten Jahr nicht mehr von Rennen zu Rennen, sondern greifen vom ersten an und schauen, dass es sich ausgeht. Dass das jetzt schon in dieser Saison passiert ist, ist natürlich noch eine Extramotivation für den Sommer.
Im Super-G hatten Sie sich ja größere Chancen ausgerechnet. Ein Fehler mit Torkollision verbaute aber die Siegchancen. Haben Sie das in der Abfahrt noch gespürt?
Unsere Physio hat einen super Job gemacht. Am Ende war ich glücklich, dass ich im Kurs geblieben bin und die Schulter drinnen geblieben ist. Natürlich habe ich eine Schmerztablette genommen, aber es ist nichts Tragisches. Das Stemmen der Kugel geht sich da schon noch aus.
Über die Jahre hinweg hat sich Ihre Rolle im Team verändert. Wie fühlen Sie sich als Anführerin einer starken österreichischen Speed-Mannschaft?
Jeder hat seine Rolle und ich bin eben eine, die sagt, was ich mir denke und mich nicht kleinreden lasse. Jeder muss mich auch nicht mögen, das ist überall so. Wichtig ist einfach, dass wir alle an einem Strang ziehen und das tun wir.
Video: 3 Fakten über Conny Hütter
Wird die Erwartungshaltung für die Ski-WM 2025 hier in Saalbach-Hinterglemm mit diesem Erfolg automatisch größer?
Ja, das brauchen wir gar nicht kleinzureden. Wir sollten uns zwar keine unrealistischen Ziele für den Sommer setzen, die uns nervös machen. Aber es ist eine Tatsache, dass wir als Mannschaft gut waren. Und es ist eine Tatsache, dass die Konkurrentinnen zurückschlagen und noch eines drauflegen werden. Die WM nächstes Jahr wird keine „g‘mahte Wiesn“. Hoffentlich wird es aber gleich spannend wie der heutige Kampf auf der Piste.
Auch technisch haben Sie eine Entwicklung hingelegt. Was macht Sie auf der Piste mittlerweile aus?
Ich habe gelernt, das Risiko besser zu kalkulieren. Früher bin ich immer auf Anschlag gefahren und habe gedacht, wenn es sich nicht ausgeht, dann geht es sich eben nicht aus. Dann habe ich gelernt, dass es richtig wehtut, wenn es sich nicht ausgeht und ich mir das zweimal überlegen muss. Ich kenne meine Qualitäten und weiß, dass ich nicht auf allen Passagen 110 Prozent riskieren muss. Die Kombination aus Grundspeed und Risiko ist mir gut gelungen, vielleicht bin ich einfach ein bisschen erwachsen geworden.
Das hohe Risiko mussten Sie in Ihrer Karriere oft teuer bezahlen. Wie sehr denken Sie an so einem Erfolgstag an ihre Leidenszeit nach Ihren Verletzungen?
Das gehört einfach zu meiner Geschichte, zu meiner Karriere dazu. Ich bin damit im Reinen. Mittlerweile bin ich konstant und stark, auch im Kopf. Und ich schmeiße nicht mehr die Nerven weg, wenn mir der Kopf einen Strich durch die Rechnung macht, das ist kein Weltuntergang. Es gehört einfach zu mir dazu und ich lerne daraus. Das Ganze hat einfach eine große Rolle in meinem Leben gespielt.
Zur Person
Conny Hütter, geboren am 29. Oktober 1992 in Graz
Wohnort: Kumberg/Steiermark
Familienstand: ledig
Hobbies: Motorsport, Reiten, Tennis
Verein: SV St. Radegund
Weltcup-Debüt: 2. Dezember 2011 (Abfahrt) in Lake Louise (CAN)
Größte Erfolge:
WM: Bronze Super-G 2023 Meribel, 4. Super-G 2015 Vail/Beaver Creek
Olympia: 7. Abfahrt und 8. Super-G 2022 Peking
Weltcup: Abfahrtsweltcup-Siegerin 2023/24, 6 Einzelsiege (4 Super-G, 2 Abfahrt)
Junioren-WM: Bronze Abfahrt und Super-G 2011 Crans Montana
2 Olympia-Teilnahmen
Auch Ihr Fanklub und die Familie waren hier in Saalbach. Gibt es einen schöneren Ort für diesen Erfolg?
Nein! Es passt genauso, wie es ist.
Und es hat auch jeder bis Sonntag gebucht?
Alle, also hoffe ich zumindest.
Steht schon fest, wo die Kristallkugel ihre Heimat findet?
Den Platz habe ich schon im Stall (lacht). Nein, Spaß. Ich weiß ganz genau, wo sie hinkommt. Es wird ein Platz, wo ich mir jeden Tag, wenn ich ins Training gehe, denke: „Reiß dir den Arsch auf!“.
Dramatisches Finale, Premieren-Abfahrtssieg in der Heimat, erste Kristallkugel. Ist das der größte Tag in Ihrer Karriere?
Es ist sicher der Tag, den ich am meisten genießen kann. Die größten Tage sind aber die, die man nicht sieht, die nicht so schön sind. So wie in Zauchensee, wo ich in 48 Stunden von ganz oben nach ganz unten gefallen bin, das war ein echtes Karussell. Aber genau diese Tage haben mich jetzt hierher gebracht.