„Das Problem der Mode ist, dass wir den Preis, aber nicht den Wert kennen“
JMB-Fashion in Rohr an der Raab ist eine der wenigen Textilfabriken, die noch in Österreich produzieren. Geschäftsführer Gert Rücker setzt auf ökologisch und ethisch einwandfreie Produktion.
Das Rattern der Nähmaschinen erfüllt den Raum, wohin man sieht emsige Näherinnen, die an Stoffzuschnitten sitzen und den Berg an bereits fertigen Kleidern, Blazern und Sakkos wachsen lassen. Das Textilunternehmen JMB Fashion in Rohr an der Raab ist eine der wenigen verbliebenen Textilfabriken in Österreich, die von der Schnitterstellung über die Musterfertigung bis hin zur Abwicklung der gesamten Bekleidungsproduktion alles aus einer Hand anbieten.
In vierter Generation
„Mein Urgroßvater baute gemeinsam mit meinem Großvater in der Tschechoslowakei die Weberei ‚Regner&Rücker‘ auf. Sie ging nach dem Krieg verloren, aber eine Zweigstelle in Ebreichsdorf blieb erhalten. 1967 gründeten meine Eltern eine Bekleidungsproduktion in Rohr an der Raab, um hier die eigenen Stoffe zu verarbeiten. 1977 musste die Weberei aufgegeben werden, die Konfektion blieb bestehen“, erzählt Geschäftsführer Gert Rücker von den Anfängen des Familienunternehmens. Damals noch unter dem Namen „Jedermann Bekleidung“ bekannt, war das Textilunternehmen vor allem auf die Produktion von Herren- und Knabenanzügen spezialisiert.
Heute werden verschiedene Produkte, etwa Damen- und Herrenbekleidung, Bühnenkostüme oder Corporate Fashion (Dienstbekleidung), in exklusiven Stückzahlen hergestellt. Rund 18.000 Kleidungsstücke entstehen pro Jahr – etwa 90 Prozent davon werden an österreichische Kunden verkauft. Exportiert wird aber auch in das europäische Ausland, etwa nach Frankreich, und in die ganze Welt, zum Beispiel nach Asien und Amerika.
Handgemacht im Steirischen Vulkanland
Während über viele Jahrzehnte immer mehr Textilbetriebe aus Österreich ins Ausland abwanderten, entschied sich Rücker gegen diesen Schritt: „Mir war klar, dass eine Verlagerung der Produktion ins Ausland für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet hätte. Aber auch den Wegfall des handwerklichen Know-hows. Ich wollte beweisen, dass eine Bekleidungsproduktion in Österreich nicht nur möglich, sondern auch volkswirtschaftlich sinnvoll ist“, so Rücker. Das Unternehmen beschäftigt heute mehr als 40 Mitarbeiter.
Ökologisch und menschlich einwandfrei
Mit der hohen Qualität der produzierten Ware, Verlässlichkeit gegenüber den Kundinnen und Kunden sowie der guten Ausbildung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kann er den großen Modegiganten wie H&M, Zara und Co. Paroli bieten. „Der Preis eines Kleidungsstücks definiert sich über den Zeit- und Materialaufwand. Das Problem in der Mode ist, dass wir von allem den Preis, aber nicht den Wert kennen. Jeder, der sich über ein Schnäppchen freut, muss sich bewusst sein, dass die Differenz von jemand anderem bezahlt werden muss. Ich nenne nur die Umweltverschmutzung oder unzumutbare Arbeitsverhältnisse“, so Rücker, der sich für eine ökologisch und menschlich einwandfreie Produktion in der Textilbranche einsetzt.
Kurze Transportwege, aber auch geregelte Arbeitszeiten und faire Entlohnung der Beschäftigten sowie die Rücksichtnahme auf deren familiäre Situation sind in seinem Unternehmen daher selbstverständlich. Trotzdem sei es derzeit schwierig, Lehrlinge zu finden. „Im Moment suchen wir einen Schnittentwickler oder eine Schnittentwicklerin. Leider hat der vielseitige Beruf der Modemacherin eines Bekleidungsgestalters nicht das Image, das er haben sollte“, so Rücker. Er stellt aber fest, dass sich wieder mehr Jugendliche für eine Ausbildung interessieren.