Geständnis von Benjamin Karl: „Vor zehn Jahren wollte ich gar nicht mehr“
Olympiasieger und Fünffach-Weltmeister Benjamin Karl (38) will noch einmal auf die große Kristallkugel losgehen. Die Vorbereitung glich einer Achterbahnfahrt. „Da war ich schon richtig zwider.“

Der Begriff Erfolgskarriere und Benjamin Karl haben sich praktisch gesucht und gefunden. Der 38-Jährige hat alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Spätestens mit seinem Olympiasieg 2022 in Peking bekam der Parallelboarder den Legendenstatus aufgedrückt. Dabei wollte er gar nicht antreten, wie er jetzt offenbarte: „Dieses Gold war so präsent, aber kurz davor wollte ich nicht starten. Da haben Engelchen und Teufelchen gleichzeitig verrückt gespielt.“
Gerade große Ziele wecken im gebürtigen Niederösterreicher noch mehr Akribie. Sein Antrieb ist nach wie vor nicht enden wollend, Motivationslöcher lassen sich aber nicht vermeiden. „Früher war es leicht. Ich hatte nichts erreicht, die Ziele haben sich gestapelt, so hoch wie der Eiffelturm, und dann ging es ans abarbeiten.“ Inzwischen kann er stolz behaupten, dass er alle gesteckten Ziele erreicht hat.
Was vermutlich die allerwenigsten wissen, ist, dass der Osttiroler vor zehn Jahren einen Schlussstrich ziehen wollte.
Da hat wirklich nicht viel gefehlt, da wollte ich gar nicht mehr. Das war nach meiner schlechtesten Saison. Ich war so extrem müde, konnte mich aber einmal mehr aufrappeln.
— Benjamin Karl
In der heurigen Vorbereitungsphase sei der Wurm drinnen gewesen. Nach optimalen Trainingstagen am Stelvio erwischte ihn Mitte Oktober Corona, und zwar ordentlich: „Die zwei Wochen waren wild. Ich war nicht fähig, mich anzustrengen, musste Trainings abbrechen, und dann hat der EKG-Wert ewig nicht gestimmt.“
Und wer Karl kennt, weiß, dass Geduld nicht gerade zu seinen größten Stärken zählt. „Ich habe während der Vorbereitung sechs Wochen auf Schnee verpasst. Da war ich schon richtig zwider“, gesteht der Fünffach-Weltmeister, der im Sommer mehr als 11.300 Radkilometer abgespult hat.
„Seelenmassage“
Das anschließende Camp in Schweden schildert er als „durchwachsen. Nur der letzte Tag war gut“. Doch der Aufenthalt sorgte auf eine andere Art für eine „Seelenmassage“. „Das war das Beste, was mir passieren konnte.“ Der Paradeathlet ist ein absoluter Winterfreak, der die Kälte und die Schneemassen liebt. „Das waren unglaublich schöne Eindrücke, auch fürs Teamklima war es perfekt. Wir sind noch mehr zusammengewachsen.“
Diesbezüglich verriet er, „dass ich ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt eine Auszeit von daheim gebraucht habe, da ich davor so lange daheim gewesen bin. Meine Frau Nina und ich hatten ziemlichen Stress. Und natürlich werde auch ich unrund, wenn die Vorbereitung einer Achterbahnfahrt gleicht“.
Er wollte sogar den Familienurlaub nach Ägypten absagen, „weil ich es mir nicht leisten kann, nichts zu tun. Aber ich bin letztlich mitgeflogen und da das Wetter daheim dermaßen schlecht gewesen ist, habe ich nichts versäumt.“ Dementsprechend habe sich auch die Stimmung beruhigt.
„Schulterklopfer bringen einen ja nicht weiter“
Viel Zeit wurde neuerlich ins Material investiert. So setzt der zweifache Familienvater heuer auf Damen-Bindungsplatten. „Mein Brettlbauer hat wieder gewaltig gezaubert, sodass ich mir viel Zeit beim Testen gespart habe“, meint Karl, der sich am Kreuzbergpass den letzten Feinschliff geholt hat.
Kommenden Donnerstag fällt in Carezza (Finale der Top 16, 13.15 Uhr) der Startschuss in die Weltcupsaison. Der italienische Schauplatz ist auf den Dreifachsieger nahezu zugeschnitten. „Je schwerer der Hang und die Verhältnisse, desto besser für mich.“ Und wenn jemand nach Ansagen brilliert, ist es Karl, wie er eindrucksvoll in China mit Gold demonstriert hat.
„Ein guter Freund hat mir eingeredet, dass ich heuer jedes Weltcuprennen gewinnen sollte, damit ich endgültig in die Geschichte eingehe. Aber so jemand taugt mir total. Ich brauche kritische Freunde, denn Schulterklopfer und nur Ja-Sager bringen einen ja nicht weiter. Aber jedes Rennen zu gewinnen, ist ziemlich unrealistisch, doch ich versuche mein Bestes“, grinst der mehrfache Gesamtweltcupsieger, der auf die große Kristallkugel losgehen will. Sein letzter Coup ist bereits eine halbe Ewigkeit her, nämlich zwölf Jahre.
Ich verspüre den Drang nach diesem Kristall. Der Wunsch wird jedes Jahr größer.
— Benjamin Karl
Sich zum womöglich zweiten Olympiasieg hin zu konditionieren, ist zu früh. „Aber es sieht tatsächlich so aus, dass ich in Cortina 2026 angreifen werde.“




