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Das Frauenhaus klärt auf: Wo beginnt Gewalt in Beziehungen?

22 Mal wurden 2023 Frauen bereits Opfer eines Femizids, davon fallen neun allein auf die Steiermark. Wie sich Gewalt in Beziehungen äußert und wie Außenstehende eingreifen und reagieren können.

Gewaltbeziehungen äußern sich nicht immer automatisch mit physischer Gewalt | Gewalt gegen Frauen
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Gewaltbeziehungen äußern sich nicht immer automatisch mit physischer Gewalt|Gewalt gegen Frauen
Simone Rendl
Redakteurin Bundesland Steiermark

1 Ab welchem Zeitpunkt spricht man von einer Gewaltbeziehung?

ANTWORT: Gewalt in einer Beziehung beginnt dort, wo sich ein Machtgefälle befindet, sagt Michaela Gosch, Geschäftsführerin des Vereins Frauenhäuser Steiermark. „Egal ob es sich um ein ökonomisches oder emotionales Machtgefälle handelt: Sobald ich das Gefühl habe, meine Empfindungen nicht mehr sorglos äußern zu können, weil ich echte Angst vor der Reaktion des Partners habe, dann hat sich das Gefüge in der Partnerschaft so verschoben, dass es Richtung Beziehungsgewalt geht.“ Zu diesem Zeitpunkt sollte man sich das erste Mal Hilfe holen, es bedeutet allerdings noch nicht, dass man sich bereits auf einer Beziehungsebene befindet, die ungesund ist. „Aber Angst hat in einer Beziehung nichts verloren“, so Gosch.

2 Wie sollen Außenstehende beim Verdacht auf eine Gewaltbeziehung reagieren?

Auf keinen Fall sollte das Bauchgefühl ignoriert werden, wichtig ist, Anreize zu geben und Betroffenen die Möglichkeit zu geben, über die geäußerten Befürchtungen nachzudenken. „Mit Gesprächseinstiegen wie ,Mir fällt auf, dass...‘ und ,Ich habe das Gefühl, dass...‘ kann sensibel auf das Thema eingegangen werden“, so Gosch. „Man kann niemanden zwingen, sich Hilfe zu holen, aber zumindest sollte man Sorgen nicht unausgesprochen lassen.“

3 Wo können Betroffene bei Bedarf andocken und sich Hilfe suchen?

Auch unterhalb der Gewaltschwelle können Frauen und Mädchen in der Steiermark kostenlose, niederschwellige Beratung in Anspruch nehmen. „Das Problem ist immer noch, dass viele Menschen nicht wissen, dass es in der Steiermark ein umfangreiches Beratungsangebot gibt“, so Gosch. Neben den Frauenhäusern in Graz und Kapfenberg gibt es das Gewaltschutzzentrum Graz mit seinen sechs Zweigstellen in Liezen, Bruck an der Mur, Leoben, Leibnitz, Hartberg und Feldbach. Auch an Frauen- und Mädchenberatungsstellen können sich Betroffene mit ihren Fragen wenden. „Das geht auch immer anonym und all diese Angebote spielen in den so wichtigen Präventionsbereich hinein, der viel mehr forciert werden muss“, sagt Gosch. 13 Frauen- und Mädchenberatungsstellen gibt es in der Steiermark, dazu fünf weitere Außenstellen. Wer sich nicht persönlich in eine Beratungsstelle begeben möchte, kann die angebotene Internetberatung in Anspruch nehmen, der Verein Frauenhäuser Steiermark bietet zudem Beratung via WhatsApp an. „Sich melden und nachfragen ist immer besser, als nichts zu tun“, betont Gosch. Für Männer gibt es unter anderem die Männerinfo und den Verein für Männerberatung und Geschlechterthemen.

Michaela Gosch ist Geschäftsführerin des Vereins der Frauenhäuser Steiermark | Michaela Gosch arbeitet seit 30 Jahren im feministischen Bereich
© (c) Mario Gimel
Michaela Gosch ist Geschäftsführerin des Vereins der Frauenhäuser Steiermark|Michaela Gosch arbeitet seit 30 Jahren im feministischen Bereich

4 Wie viele Frauen werden pro Jahr in Frauenhäusern untergebracht?

Durchschnittlich sind es in der Steiermark jedes Jahr 200 Frauen und ebenso viele Kinder. 500 Beratungen werden pro Jahr ambulant, telefonisch oder via Social Media pro Jahr durchgeführt. Im Frauenhaus Kapfenberg stehen Frauen 27 Plätze zur Verfügung, am Standort Graz sind es 45.

5 Zahlreiche Femizide in der Steiermark wurden mit Waffen verübt, vermindern diese die Hemmschwelle?

„Eine der wesentlichen Fragen bei jedem Risikoeinschätzungsinstrumentarium ist, ob der Partner Zugang zu Waffen hat, und es ist nachhaltig erwiesen, dass Waffen im Haushalt das Risiko massiv erhöhen“, sagt Gosch. Wenn Betroffene nicht mehr aussprechen können, dass sie sich mit einer Waffe im Haus unwohl fühlen, sei die Situation schon viel zu gefährlich, um dortzubleiben, so die Expertin.

6 Woran liegt es, dass vor allem Frauen von Gewalt betroffen sind?

Das Ungleichgewicht zwischen Mann und Frau in der Gesellschaft spiegelt sich auch in der emotionalen Ebene wider. „Frauen sind mit einem ganz anderen Rüstzeug für emotionale Ausnahmesituationen ausgestattet wie Männer.“ Burschen wird, laut Expertin, immer noch nicht beigebracht, wie sie Emotionen zulassen können und wie man sich in Notsituationen verhält. „Wir haben immer noch das Bild, dass Buben hart sein müssen und nicht weinen dürfen und all diese traditionellen Männlichkeitsbilder erfüllen müssen.“

7 Wie können Betroffene ihre Kinder schützen?

Der größte Trugschluss ist, dass Kinder nicht mitbekommen, wenn es Gewalt in der Familie gibt. „Auch wenn sie nicht direkt betroffen sind, muss man sie als Betroffene wahrnehmen und in die Aufarbeitung miteinbeziehen“, so Gosch. „Denn Kinder kriegen die Dynamik immer mit und nehmen diese auf.“ In weiterer Folge kann dies das Risiko in der Zukunft erhöhen, dass die Kinder selbst in Gewaltbeziehungen landen. Aus diesem Grund müssen Geschehnisse mit Kindern besprochen werden. „Schützen kann man sie aber nur, wenn man die Gewalt aus der Familie entfernt.“ Inzwischen arbeiten Frauen- und Männerberatungsstellen gemeinsam mit dem Kinderschutz an Täterarbeit und Opferschutz.

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