Ski-Nation Nummer eins darf sich Österreich jetzt nicht mehr nennen
Österreich blickt in eine sorgenvolle Ski-Zukunft. Darum müssen auch sieben Medaillen ein Arbeitsauftrag sein.

Ist das Glas nun halb voll? Oder doch schon halb leer? Man kann es, wie so oft, von beiden Seiten sehen. Die Ski-Weltmeisterschaften in Courchevel und Méribel endete mit sieben Medaillen für Österreich – und das sind immerhin ebenso viele wie für die Schweiz. Das Problem: Die Eidgenossen stehen im Medaillenspiegel ganz vorne, die Österreicher ganz hinten – weil Gold fehlte. Selbst der Hinweis, dass Rot-Weiß-Rot die beliebte Rangliste der vierten Plätze mit Respektabstand für sich entschieden hat, hilft da wenig. So sehr man sich bemüht, die Zahl der Medaillen als Erfolg zu verkaufen, so klar ist: Diese WM war ein Arbeitsauftrag für den Österreichischen Skiverband und dessen Präsidentin Roswitha Stadlober.
Zurück zum Positiven: Ja, diese WM hätte für Österreich weit schlimmer ausgehen können. Natürlich sind sieben Medaillen so gesehen ein Erfolg, Schadensbegrenzung. Weil man auf den Punkt die besten Leistungen des Jahres abgeliefert hat, obwohl der einzige Saisonsieger, Vincent Kriechmayr, mit der WM-Strecke nicht warm geworden ist. Dafür wurde Marco Schwarz bei der Sonnen-WM beinahe zum Sonnenkönig; allein er hatte den absoluten Erfolg in den Beinen. Seine zwei Medaillen haben damit auch den Beigeschmack der vergebenen Chancen.
Schweiz fand ein erfolgreiches Modell
Der größte Fehler aber wäre es, sich von Medaillenzahl dazu verleiten zu lassen, dass ohnehin alles in Ordnung sei. Das ist es im österreichischen Skirennsport nämlich nicht. Der Verband hat im Bemühen um die Spitze den Blick auf die Breite verloren. Der selbstverständliche Fluss an Nachwuchstalenten droht damit zu versiegen, die Junioren-WM im eigenen Land war im Jänner bestes Beispiel. In St. Anton gab es gerade einmal zwei Bronzemedaillen, nur einmal gab es weniger. Wenngleich auch das nur eine Momentaufnahme war, gab es auch dort eine Parallele: Die Schweiz fuhr allen um die Ohren und tut das auch auf der zweiten Ebene des Skisports, dem Europacup. Ein Jahrzehnt nach seiner größten Krise hat Swiss Ski nicht nur den Turnaround geschafft, sondern offenbar auch ein Modell gefunden, wie der Nachwuchs gefördert und gefordert wird, um an der Spitze zu bestehen.
Genau dieser Weg fehlt in Österreich (noch); und es ist fünf Minuten vor zwölf. "Machen wir zwei Jahre was falsch, baden wir das vier bis sechs Jahre aus", erklärte der Schweizer Alpinchef Walter Reusser den Beweggrund, warum man finanzielle Mittel vermehrt in die Nachwuchskader umleitet. Es wäre höchst an der Zeit, dass das auch in Österreich geschieht. Zusatz: Will die Nation den Skirennsport weiter als Kulturgut, Identifikationsgrundlage und Medaillenlieferant behalten, braucht es mehr als nur guten Willen.
Man muss das System überdenken und nach vielen erfolgreichen Jahrzehnten adaptieren und die gegenwärtigen Gegebenheiten anpassen. Geschieht das nicht, drohen Österreich in Saalbach und auch danach nicht nur die Goldenen, sondern auch die Medaillen zu fehlen.


