Christoph Wenisch: "Die Impfung hat gemacht, was sie machen sollte"
Christoph Wenisch war einer der ersten Menschen, die vor zwei Jahren in Österreich gegen Sars-CoV-2 geimpft wurden. Das Foto mit seiner empor gestreckten Faust ging um die Welt. Wie die Impfung seine Arbeit beeinflusst hat und welche Lehren er aus fast drei Jahren Pandemie zieht.

Wie gestaltet sich die Lage auf Ihrer Spitalsstation in diesen Tagen?
CHRISTOPH WENISCH: Aktuell ist die Grippe das führende Thema. Die Anzahl der Isolationsbetten ist endlich, das ist ein enormer Aufwand im Moment. Für die Pflege ist das mühsam und zum Teil müssen auf anderen Stationen Grippe-Patientinnen und -Patienten behandelt werden. Wir haben so viele Fälle, wie selten zuvor. In 30 Jahren kann ich mich nicht erinnern, dass es schon einmal 30.000 Kranke mit grippeartigen Infekten pro Woche in Wien gab.
Zwei Jahre ist Ihre erste Covid-19-Impfung her, das Foto mit der geballten Faust ging damals um die Welt. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?
Ich hatte im Herbst selbst Covid-19, nach meiner fünften Impfung. Ich war drei Tage krank, wie ein normaler grippaler Infekt. Nachdem ich mich freigetestet hatte, war ich am sechsten Tag wieder aktiv, hatte körperlich keinerlei Einschränkungen. Die Impfung hat gemacht, was sie machen sollte, und das war auch genau diese Dankbarkeit, die ich vor zwei Jahren mit der Faust auf dem Bild ausdrücken wollte. Die Dankbarkeit und den großen Respekt vor dieser schnellen wissenschaftlichen Entwicklung. Wir waren damals täglich mit den infektiösen Patientinnen und Patienten zusammen und drei von zehn sind zu Beginn verstorben. Das war fürchterlich. Wir haben schnell dazugelernt, dann ist die Sterblichkeitsrate gesunken. Dennoch: So viele Todesfälle hatte ich nach 30 Jahren Erfahrung mit Infektionspatientinnen und -patienten noch nie gesehen.
Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Coronaimpfung verändert?
Sie ist sicherer geworden und für uns hat sich das Risiko in der Arbeit auf der Infektionsabteilung durch die Impfung normalisiert, das wurde lebbar. Das war es vorher nicht, die Art und Weise, wie wir uns im ersten Jahr schützen mussten, das wäre auf Dauer nicht möglich gewesen.
Verabreichte Dosen
Mehr als 13 Milliarden Dosen an Covid-19-Impfstoffen wurden weltweit bislang verabreicht. In Österreich waren es mit Anfang Februar 2023 über 20 Millionen Dosen, 56 Prozent der österreichischen Bevölkerung gelten als grundimmunisiert, das bedeutet, sie haben jeweils drei Dosen erhalten.
Hat die Impfung gehalten, was zu Beginn von ihr erwartet wurde?
Wir sehen, dass die Impfung schwere Verläufe, Krankenhauseinweisungen und Tod verhindern kann. Das hat sie gehalten und diese Wirkung ist robust. Auch bei mir selbst: Ich bin nicht gestorben und war auch nicht im Krankenhaus, obwohl ich Risikopatient bin. Was nicht funktioniert hat, ist die sterilisierende Immunität, das war immer das Argument der Impfgegner. Aber das haben wir erwartet und das schafft die Grippeimpfung auch nicht. Es geht darum, dass man einen leichteren Verlauf hat und nicht ins Krankenhaus muss.
Sie haben mit Drohungen gegen Ihre Person erlebt, wie extrem die Diskussion um die Impfung geführt wurde. Hat Sie das überrascht?
Nein, überhaupt nicht. Das ist ein Nebengeräusch von Medienarbeit. Das hängt auch nicht mit meiner beruflichen Tätigkeit zusammen. Wenn man sich öffentlich in Medien äußert, hat man eine andere Reichweite und erreicht Menschen, die gekränkt sind, durch das, was man sagt, und dann äußert sich das in dieser Art und Weise. Ich sehe das sehr gelassen mittlerweile.
Welche Lehren ziehen Sie aus den fast drei vergangenen Jahren mit der Pandemie?
Dass es bei sich so rasch verändernden Rahmenbedingungen Innovationen und Kreativität braucht, um Freude und Sicherheit im Job zu haben. Das ist unabdingbar und da ist es auch egal, wie alt man ist oder in welcher Lebensphase man sich befindet. Und was mich am meisten fasziniert hat und immer noch fasziniert, ist die Geschwindigkeit, mit der sich die medizinische Auseinandersetzung mit diesen Virusinfektionen ändert. Das ist sensationell – all diese Therapien, die entwickelt wurden und die es zuvor nicht gab.

