Hwang Dong-hyuk: Missständen die Zähne zeigen
Der südkoreanische Regisseur Hwang Dong-hyuk hat mit der sozialkritischen Serie „Squid Game“ einen Welterfolg gelandet.

Der Tod ist institutionalisiert, kaum ein „Tatort“, der nicht zum Tatort wird. Wer vor dem Bildschirm sitzt, der hat sich an das Morden gewöhnt. Auch, weil das Umfeld meist passt: eine aggressive Stimmung, ein dunkles Umfeld, ein Raubüberfall. Doch wenn das Umfeld kitschig pastellfarben ist und überdimensionierte Spielplatzgeräte herumstehen, dann zucken selbst die Hartgesottenen zusammen: ein Kopfschuss, ein zweiter Kopfschuss, ein dritter Kopfschuss. Gestorben wird hier im Akkord. Die Netflixserie „Squid Game“ des südkoreanischen Regisseurs Hwang Dong-hyuk hat ab September die Karten auf der Suche nach dem nächsten Serienhit neu gemischt. Allein in den ersten vier Wochen nach dem Staffelstart haben weltweit 142 Millionen Haushalte zumindest reingeschaut.
465 Menschen von Jung bis Alt sind so hoch verschuldet, dass sie keinen anderen Ausweg sehen, außer in umfunktionierten Kinderspielen um 33 Millionen Euro Preisgeld zu spielen. „The Winner Takes It All“ wussten schon Abba zu singen, was am Ende des Tages auch heißt: Der Rest verliert sein Leben. Da hilft kein Bitten und Betteln, die Wettschuld wird im Stakkato eingelöst. Hinzu kommt: Eine Handvoll gut Betuchter schaut gegen ein gutes Entgeld dem Treiben zu – ein moderner Kampf der Gladiatoren. Das Wort Verteilungsgerechtigkeit klingt hier so hohl wie das Flehen um Gnade.
Es mag auf den ersten Blick wie eine Dystopie anmuten, doch Hwang Dong-hyuk, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, hat eine sehr reale gesellschaftliche Entwicklung nachgezeichnet: Die Auswüchse einer Konkurrenzgesellschaft, die keine Verlierer duldet. „Was ich zeigen will, ist die Idee, dass wir uns auch an die Verlierer erinnern sollten“, sagte Hwang gegenüber südkoreanischen Medien. „Die Gewinner unserer Gesellschaft stehen symbolisch auf den Körpern der Verlierer.“ Gerade in Südkorea, wo Privatschulden an der Tagesordnung sind und der Sozialstaat im ehemaligen Wirtschaftswunderland durch Abwesenheit glänzt, wird gewerkschaftlicher Protest mit Argusaugen und drakonischen Strafen bedacht.
Kein Wunder, dass sich die Kritik an gesellschaftlichen Missständen ein anderes Ventil gesucht hat: Film- und Fernsehen. Der Oscargewinner „Parasite“ mag herausstechen, aber Hwang Dong-hyuk hat schon seit Beginn seiner Karriere den Fokus auf die brennenden Fragen der Gesellschaft gerichtet. Er leuchtet jene Schatten aus, die die schrillen Skylines der Megacitys automatisch werfen. Es sind die leeren Heilsversprechen des Kapitalismus, die man nicht nur in Südkorea kennt, sondern deren Folgen man weltweit spürt. Das Leben, ein Hamsterrad und Überlebenskampf inmitten einer Wohlstandsgesellschaft.
Doch die Serie fokussiert immer wieder auf jene menschlichen Stärken, dank derer eine Gesellschaft auch die schlimmsten Krisen überwinden kann: Mitgefühl, Hilfsbereitschaft, Freundschaft, Empathie. Der 50-Jährige, der sein Handwerk unter anderen an der University of Southern California perfektioniert hat, widmete sich lange vor „Squid Game“ Themen, die alles andere als leicht bekömmlich sind. Sein Film „Silenced“ handelt etwa von Schülern einer Gehörlosenschule, die von ihren Lehrern misshandelt und vergewaltigt wurden – eine reale Geschichte.
„Squid Game“ ist aber auch ein Beispiel dafür, dass die Streamingindustrie nicht nur Unterhaltung zum Abschalten bietet, sondern mit vielen Produktionen längst ein Seismograf gesellschaftspolitischer Entwicklungen ist.
Hwang Dong-hyuk hingegen hätte gegen eine zweite Staffel von „Squid Game“ nichts einzuwenden, wie er der AP sagte: „Ich glaube fast, Ihr lasst uns keine Wahl. Es gibt einen so großen Druck, eine so große Nachfrage und so große Leidenschaft dafür, eine zweite Staffel zu drehen.“ Auch wenn sich Netflix noch zurückhält. Doch in einer Welt, die von Algorithmen und anderen Zahlen lebt, ist der Verzicht auf einen kalkulierbaren Erfolg nicht vorgesehen. Das zeigt die Welt, wie sie auch ist – ein Haufen Widersprüche. Die Serie hat Hwang Dong-hyuk übrigens mit einem Schlag berühmt gemacht, aber auch um sechs Zähne ärmer – das lag nicht am Biss für die Sache, sondern am Stress.
Autorin: Susanne Rakowitz