"Squid Game": Warum man die Serie in Südkorea ganz anders wahrnimmt
„Squid Game“, die erfolgreichste Serie der Welt, bildet das ab, was in Südkorea Alltag ist: Privatschulden und Ungleichheit. Reales Vorbild für den Hauptdarsteller ist ein Gewerkschafter. Einblicke in eine Welt, die aus den Fugen geraten ist.

Seong Gi-hun bleibt keine andere Wahl mehr, als zu spielen. Zu hoch sind seine Schulden, zu bedrohlich seine gewalttätigen Gläubiger, als dass er noch mit herkömmlichen Mitteln reinen Tisch machen könnte. Also geht er einen Pakt mit dem Teufel ein: Er lässt sich dabei filmen, wie er gegen 455 andere Erwachsene mit ähnlichen Problemen in simplen Spielen antritt, die jeder von ihnen noch aus der Kindheit kennt. Wer alle Runden gewinnt, dem werden alle privaten Schulden beglichen. Wer verliert, wird erschossen. Seong Gi-hun ist der Protagonist von „Squid Game“, der erfolgreichsten Serie in der Geschichte der boomenden Online-Filmplattform Netflix.
Das weltweite Publikum begeistert die blutrünstigen Bilder und die starken Emotionen, die die Serie zeigt. In Südkorea selbst, dem Schauplatz des Dramas, ist die Rezeption etwas anders. Der Titel der Serie bezieht sich auf eine im Land bekannte Spielplatzwette, bei der sich Kinder hüpfend und ringend aus auf den Boden gemalten Feldern verdrängen. Gewinnen kann am Ende nur einer.
Mit dieser Erinnerung aus seinen eigenen jungen Jahren hat Drehbuchautor Hwang Dong-hyuk eine Metapher auf Südkoreas Konkurrenzgesellschaft formuliert. „Was ich zeigen will, ist die Idee, dass wir uns auch an die Verlierer erinnern sollten“, sagte Hwang zuletzt gegenüber südkoreanischen Medien. „Die Gewinner unserer Gesellschaft stehen symbolisch auf den Körpern der Verlierer.“ So funktioniere der Wettbewerb.
International hat Südkorea den Ruf eines einzigartigen Wirtschaftswunderlandes. 1953, als nach drei Jahren ein verheerender Stellvertreterkrieg zwischen Nord und Süd sowie den Supermächten Sowjetunion und USA beendet war, gehörten die zwei Koreas zu den ärmsten Ländern der Welt. Mit kluger Industrie- und Bildungspolitik, einer strengen Arbeitsmoral sowie einem starken Fokus auf Marktwirtschaft in diversen sozialen Sphären gelang es Südkorea, über die folgenden drei Jahrzehnte zu einem Industriestaat aufzusteigen. Doch nach einigen Spekulations- und Wirtschaftskrisen sowie einer gewachsenen Übermacht einiger Konzerne hat dieses Wunder seine einstige Strahlkraft verloren. Mehr als ein Viertel der Arbeitsbevölkerung ist heute prekär beschäftigt und kann kaum Geld ansparen. Für einen der mittlerweile raren Vollzeitjobs in einem Großunternehmen müssen Familien in der Regel Zehntausende Euro auf dem weitgehend privaten Bildungsmarkt investieren. Und da sich die Ökonomie größtenteils in Seoul konzentriert, sind die Immobilienpreise hier über die Jahre stark gestiegen. Auch das Wohnen im Stadtzentrum wird zusehends zum Luxus.
Diese Faktoren und eine eklatante Abwesenheit des Sozialstaats führen dazu, dass Südkorea seit Jahren unter einer wachsenden Krise leidet: Privatschulden. Mit kollektiv 1,5 Billionen US-Dollar betragen die Verbindlichkeiten privater Haushalte schon mehr als die jährliche Wirtschaftsleistung des Landes. Zugleich verkündete die Zentralbank zuletzt, dass sechs Prozent der Menschen schon ein „kritisches Level“ an Verschuldung erreicht haben, bei dem sie ihre Einnahmen vor allem auf die Tilgung und kaum mehr für persönliche Ausgaben verwenden. Es ist eine Situation, die verdächtig an den Konflikt in „Squid Game“ erinnert.

So kam es auch Han Sang-gyun vor, als er die Serie diese Tage zum ersten Mal sah. „Ich konnte beim Zuschauen keinen Moment wegsehen, weil die Realität so klar und brutal dargestellt wird.“ Zwar werden in der Realität die sozialen Verlierer nicht einfach erschossen. Aber auch im demokratischen Südkorea kommt es etwa vor, dass wer sich innerbetrieblich organisiert oder Proteste anzettelt, schon bei relativ kleinen Regelüberschreitungen für Jahre ins Gefängnis muss.
Als Arbeiter beim Automobilkonzern Ssangyong wurde Han Sang-gyun selbst für zwei Jahre hinter Gitter gebracht, weil es bei Demonstrationen zu Ausschreitungen gekommen war. Als Vorsitzender der innerbetrieblichen Gewerkschaft hatte Han, der die offensichtliche Vorlage für Seong Gi-hun, dem Protagonisten in „Squid Game“, ist, im Jahr 2009 gegen Massenentlassungen im Zuge von Rationalisierungsmaßnahmen protestiert. „Han Sang-gyun ähnelt der Hauptrolle aus der Serie sehr“, sagt Claire Ham, eine Menschenrechtsaktivistin aus Seoul. „Beide setzen sich ein für Solidarität und Menschlichkeit in einem nicht immer menschenfreundlichem System.“
Menschenrechtsorganisationen kritisieren in Südkorea immer wieder den schwachen Schutz von Arbeitnehmern sowie die Schrankenlosigkeit des Marktes. Für das südkoreanische Publikum von „Squid Game“ sind die entsprechenden Bezüge auf die Konflikte aus der wahren Welt offensichtlich. Da sind nicht nur die Kämpfe allzu schnell kriminalisierter Gewerkschafter. Auch die Arbeitsmigranten aus ärmeren Ländern Asiens, denen von Arbeitgebern die Lohnzahlungen verweigert wurden, gibt es nicht nur im TV-Drama.