Milch ohne AbnehmerMilchkrimi: 37 kritische Milchbauern in der Krise

Milchvermarkter Alpenmilch Logistik stellt Milchsammlung mit Ende April endgültig ein. Milchbauern bangen um Existenz, Kritik an Molkereien.

© Helmuth Weichselbraun
 

Die von "Milchrebellen" rund um die IG-Milch im Jahr 2008 ins Leben gerufene alternative Milchhandelsgesellschaft "Freie Milch Austria" (Alpenmilch Logistik GmbH) stellt aus wirtschaftlichen Gründen per Ende April ihren Betrieb endgültig ein. 37 Milchbauern stehen ohne Liefervertrag da und bangen um ihre Existenz. Bisher wurden rund 130 Alpenmilch-Lieferanten von anderen Molkereien übernommen.

Die "Freie Milch Austria" wanderte im Frühjahr 2016 unter das Dach der Bio-Molkerei Lembach, die dann im Oktober 2016 ihren Betrieb einstellte. Die "Freie Milch Austria" wollte eigentlich einen besseren Milchpreis bieten als die genossenschaftlich geführten Molkereien in Österreich, zahlte aber dann zum Teil wegen wirtschaftlicher Turbulenzen in ihrem Hauptabsatzgebiet Italien niedrigere Milchpreise aus. In ihrer Hochzeit zählte die "Freie Milch" rund 600 Milchlieferanten. Als Freie-Milch-Geschäftsführer und Eigentümer fungierte vor der Übernahme der ehemalige IG-Milch-Chef Ernst Halbmayr.

Die Alpenmilch Logistik hatte im September 2016 die Milchlieferanten informiert, dass der Betrieb mit Ende März 2017 eingestellt wird. Seitdem versuchen die betroffenen Milchbauern einen Abnahmevertrag mit in der Region tätigen Molkereien zu bekommen. Im April lief bisher ein Notbetrieb zur Milchabholung. Die NÖM hat ehemalige Lieferanten zu schlechteren Konditionen (drei Cent weniger pro Kilogramm) im Vergleich zu bestehenden Milchlieferanten aufgenommen. Die Berglandmilch habe nur ausgewählten Milchbauern einen Liefervertrag angeboten, sagte Johann Furtmüller, Geschäftsführer der Alpenmilch Logistik, am Mittwoch vor Journalisten in Wien.

27 Milchbauern befinden sich laut Furtmüller im Abholgebiet der Berglandmilch, acht Bauern im Gebiet der Gmundner Milch und zwei Milchlieferanten im Sammelgebiet der NÖM. Die Molkerei-Lkw müssten für die 37 Alpenmilch-Lieferanten nur wenige Kilometer mehr fahren. Die Entfernung zur bestehenden Molkereisammeltour beträgt laut Furtmüller insgesamt nur 15 Kilometer. Derzeit müssen Alpenmilch-Tankwägen mehr als 1.000 Kilometer abfahren, um die Milch einzusammeln. Sollten die Alpenmilch-Bauern bis Ende April keine Molkerei finden, müssen sie ihre Milch dann wegschütten oder ihre Kühe verkaufen.

"37 Betrieben wurde neuer Vertrag verwehrt"

"Man hat den Eindruck, dass an den 37 Bauern ein Exempel statuiert werden soll", kritisierte der Alpenmilch-Logistik-Chef die Geschäftspolitik der Molkereien. Die größte österreichische Molkerei Berglandmilch sei nicht an Gesprächen interessiert gewesen, obwohl die zusätzliche Milchmenge weniger als die Anliefer-Tagesschwankung ausmache.

Furtmüller hat am Donnerstag einen Brief an Landwirtschaftskammer Präsident Hermann Schultes und Bauernbund-Chef Jakob Auer geschickt. "Trotz monatelanger Verhandlungen und auch Zusagen mir gegenüber, wurde es im Endeffekt 37 Betrieben verwehrt einen neuen Vertrag abzuschließen", schreibt der Alpenmilch-Logistik-Chef. "Als höchster Repräsentant der gesetzlichen Interessensvertretung mit Pflichtmitgliedsbeiträgen, ersuche ich Sie auf Ihre ebenfalls in der Landwirtschaftskammer organisierten Genossenschaften einzuwirken, einen neuen Liefervertrag abzuschließen. "

Die betroffenen Milchbauern wollen noch nicht aufgeben: "Wir sind nächste Woche noch zu Verhandlungen und konstruktiven Gesprächen bereit. Sollten diese keine brauchbaren Ergebnisse im Sinne der vor dem Ruin stehenden Familien bringen, werden wir uns öffentlichkeitswirksame Aktionen vorbehalten", so der ehemalige Geschäftsführer der Freie Milch Austria Ernst Halbmayr.

Während die Betroffenen den Grund nun darin sehen, dass sie als Kritiker der EU-Milch-Politik immer wieder öffentlich präsent gewesen seien, deuten innerhalb der Milchbranche viele die Situation so: Dass jene Molkereien, bei denen die "Milch-Rebellen" damals freiwillig abgesprungen sind, die Betroffenen nun nicht mehr mit offenen Armen zurückholen - zumal sie in den letzten Jahren von ihren Ex-Lierferanten auch lautstark öffentlich kritisiert worden seien.

 

Kommentare (9)

Kommentieren
scionescio
0
8
Lesenswert?

Wenn einer meiner MA zum Mitbewerber wechselt ...

... meine Firma schlecht macht und dann plötzlich wieder bei mir angestellt werden möchte, weil seine Firma dicht gemacht hat - warum sollte ich ihn anstellen, wenn ich gar keine neuen MA suche?
Aber wahrscheinlich verstehe ich nicht, warum bei Milchbauern alles anders ist ...

Antworten
pesosope
5
13
Lesenswert?

So ist es doch immer und überall

Warum hier wieder die Bauern als unschuldige, arme Verlierer hervorgehoben werden ist mir nicht ganz klar. Wenn ein Unternehmer mit seinem Abnehmer oder Käufer sich nicht einigen kan oder nicht klar kommt, dann wird der auf eine Zusammenarbeit verzichten und die Ware wo anders kaufen, so "einfach" ist die Wirtschaftswelt

Antworten
Cirdan
3
15
Lesenswert?

Das ist der freie Markt,

den vorher alle Bauern lautstark gefordert haben. Nach Ende der Kontigentierung war klar, dass es so weit kommt.

Antworten
alsoalso
6
6
Lesenswert?

Das ist kein freier Markt

in Österreich wird er zu 95% von Raiffeisen dominiert

Antworten
max13
7
12
Lesenswert?

Zuerst wird gegen das System gearbeitet.

Wenn das schiefgeht soll das System wieder einspringen.
Die schlitzohrichkeit mancher Bauern stinkt zum Himmel.

Antworten
Spitzer Walter
3
14
Lesenswert?

In

den Baltischen Staaten betreiben Österreicher Milchkuhfarmen mit zu teil über 1000 Tieren!Diese wollen die Milch ja auch in Österreich verkaufen,aber zu Preisen um 19-22 Cents je Liter.
Wozu dann noch Österreichische Milch um bis zu 35 Cent?

Antworten
alsoalso
7
23
Lesenswert?

Nomenklatura

Bei den Molkereigenossenschaften (Raiffeisen) werden Führungs- und Einflusspositionen nur mit Personen besetzt , die der entsprechenden Nomenklatur entsprechen , also linientreu und parteiergeben sind . Jetzt wird Milch auch nur mehr dort abgeholt , wo die Bauern untertänig und systemtreu sind . Vielleicht wird diesmal mein Kommentar nicht gelöscht . Er stammt aus der Praxis und entspricht der Wahrheit b

Antworten
alsoalso
5
14
Lesenswert?

Nomenklatura

So funktionieren die Raiffeisengenossenschaften (Molkereien ) : Führungs- und Einflusspositionen werden nur mit Personen besetzt wurden, die in der entsprechenden Nomenklatur als linientreu und parteiergeben gelistet sind . Jetzt wird auch Milch nur mehr von denen abgeholt , die sich unterwerfen .

Antworten
Dirk12
4
23
Lesenswert?

Daß das ein Zufall ist,glauben nicht einmal die Milchkühe der betreffenen Bauern!

.

Antworten

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.