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Welt-Alzheimertag: Die Krankheit des Vergessens

Alzheimer ist eine Krankheit, die große Ängste auslöst und Forscher noch immer vor viele Rätsel stellt. Zum heutigen Welt-Alzheimertag gibt dieses Dossier Antworten auf die wichtigsten Fragen und beleuchtet die Situation von Betroffenen.

Es ist eine der Krankheiten, die die größten Ängste auslöst: Morbus Alzheimer. Der Name, der auf den Entdecker der Erkrankung, Alois Alzheimer, zurückgeht, steht für den Verlust der Dinge, die den Menschen ausmachen: Die eigenen Erinnerungen werden unerreichbar, Tätigkeiten, die man schon als Kind erlernt hat, gehen verloren, am Ende steht der Verlust des Ichs. 

"Ich habe mich sozusagen verloren." Diese Worte murmelte Auguste Deter, die eine Patientin von Alois Alzheimer war und zur Patientin seines Lebens werden sollte. An ihr beschrieb der Neurologe Alzheimer jene Erkrankung, die er die "Krankheit des Vergessens" nannte erstmals. Auguste Deter war damit der erste beschriebene Fall der Alzheimer'schen Erkrankung.

 

Foto © Alois Alzheimer

Im Film "Still Alice" (2015) spielt Julianne Moore eine Wissenschaftlerin, die an früh einsetzendem Alzheimer leidet.

Seit dem Jahr 1910 ist die Krankheit, die die häufigste Form der Demenz darstellt, bereits bekannt - die Medizin stellt sie aber bis heute vor große Rätsel. Die Suche nach einer ursächlichen Behandlung, nach einer Impfung, die die krankmachende Ablagerungen im Gehirn verhindert, verlief bislang erfolglos. Immer wieder musste die Forschung Rückschläge einstecken, doch nun gehen Wissenschaftler davon aus, dass es bis zum Jahr 2025 neue Therapien, die lange erhoffte Alzheimer-Impfung, die vor den gefährlichen Ablagerungen schützen soll, geben wird.

Im Folgenden beantworten wir die wichtigsten Fragen zur Erkrankung, erklären, was im Gehirn passiert und sprechen mit Betroffenen und Angehörigen über die immensen Belastungen in der Pflege.

 

10 Fragen, 10 Antworten

Alzheimer: Von der Vorsorge bis zu neuen Therapien

Was man weiß, woran geforscht wird und was man selbst tun kann, um sein Demenzrisiko zu senken: 10 Antworten auf 10 wichtige Fragen.

1. Demenz, Alzheimer - was ist der Unterschied?

Demenz ist der Überbegriff: Demenz bedeutet, dass die intelektuellen Fähigkeiten nachlassen. Die häufigste Ursache dafür ist Alzheimer, die daher auch Alzheimer-Demenz genannt wird. Andere Ursachen für Demenz können zum Beispiel Durchblutungsstörungen im Gehirn sein oder sogenannte Levy-Körperchen, die sich als Veränderungen im Gehirn zeigen.

2. Was ist die Ursache für die Alzheimer-Erkrankung?

Durch Alzheimer passieren Veränderungen im Gehirn. In und zwischen den Nervenzellen lagert sich Eiweiß ab, in Form von Plaques und Fibrillen. Dadurch sterben Gehirnzellen ab, die Weiterleitung der Signale zwischen den Nervenzellen funktioniert nicht mehr. Die Folge ist, dass im Verlauf der Erkrankung sehr viel Hirngewebe verloren geht.

3. Was sind erste Symptome der Erkrankung?

Das erste Zeichen ist die Vergesslichkeit - und zwar das Vergessen von Dingen, die man selbst erlebt hat. Zu vergessen, wo man den Schlüssel hingelegt hat, ist meist nur ein Zeichen für Unkonzentriertheit, nicht unbedingt für eine Form der Demenz. Auch Veränderungen der Persönlichkeit, die meist zuerst von der Familie bemerkt werden, können ein Anzeichen sein. Außerdem können auch Orientierungsstörungen, in Zeit und Raum, ein Hinweis auf eine Demenzerkrankung sein. Die endgültige Diagnose sollte ein Facharzt, in diesem Fall ein Neurologe, stellen. Dazu gehört ein ausfühlriches Gespräch, kognitive Tests und der Ausschluss anderer Erkrankungen (Tumore, Schlaganfall).

 

Geruchsstörungen als frühes Anzeichen?

Die Studie der McGill University in Quebec analysierte, ob Geruchsstörungen ein früher Hinweis auf Alzheimer sein kann. Sie untersuchten Hochrisikopatienten, deren Eltern schon an Alzheimer litten.

Sie führten mit den Teilnehmern Riechtests durch und analysierten dann die Rückenmarksflüssigkeit der Menschen - dort lassen sich Stoffe feststellen, die auf Alzheimer hindeuten. Es zeigte sich: Jene Teilnehmer, die die größten Probleme hatten, Gerüche zu erkennen, zeigten auch biologisch die meisten Alzheimer-Marker.

Aber: „Diese Studie sagt nichts darüber aus, wie viele der Teilnehmer dann auch tatsächlich Alzheimer bekommen“, sagt Reinhold Schmidt, Neurologe an der Med Uni Graz. Man wisse schon lange, dass das Geruchszentrum sehr früh von Gehirnerkrankungen betroffen ist, aber bis heute könne man Patienten auf dieser Basis keine Prognose geben, ob und woran sie erkranken werden. Denn auch für Parkinson können Geruchsstörungen ein frühes Anzeichen sein.

4. Wie hoch ist mein Risiko, wenn meine Eltern betroffen sind?

Laut der deutschen Alzheimer Gesellschaft, haben Kinder oder Geschwister von Alzheimer-Betroffenen im Durchschnitt ein vierfach höheres Risiko, Alzheimer zu bekommen als der  Bevölkerungsdurchschnitt. Das bedeutet: Die Wahrscheinlichkeit von Kindern von Alzheimer-Patienten, in ihrem Leben an Alzheimer zu erkranken, liegt bei 20 Prozent.

5. Warum gibt es noch keine effektiven Therapien gegen Alzheimer?

Das Gehirn gilt als die komplexeste Struktur im bekannten Universum - eine Erkrankung dieses Organs zu verstehen ist daher alles andere als einfach. Bisher verfügbare Therapien können die Ursachen der Erkrankung nicht beheben, sie können nur den Verlauf etwas hinauszögern. Aktuell konzentriert sich die Forschung darauf, die Erkrankung früher als heute zu erkennen. Denn: Treten die ersten Symptome wie Orientierungsstörungen und Vergesslichkeit auf, ist schon sehr viel Schaden im Gehirn passiert. Schon viele Jahre vor den ersten Symptomen verläuft die Krankheit "stumm", es gibt schon krankhafte Veränderungen im Gehirn, die aber noch keine Symptome verursachen. Nun ist das Ziel der Forschung, schon in dieser Phase in den Krankheitsverlauf einzugreifen und ein Fortschreiten zu verhindern.

Biomarker

Große Hoffnung ruhen auf den Biomarkern: Das sind biologische Veränderungen, an denen sich die Krankheit schon vor den ersten Symptomen erkennen lässt.

"Mit MRT oder PET-Untersuchungen können Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn sichtbar gemacht werden", sagt Reinhold Schmidt, Neurologe an der Med Uni Graz.

Auch in der Gehirn- und Rückenmarksflüssigkeit können solche Biomarker gefunden werden.

 6. Wann wird es Therapien geben?

Führende Alzheimer-Spezialisten gehen heute davon aus, dass es bis 2025 tatsächlich neue Therapien geben wird. Entscheidend wird aber sein, diese Therapien rechtzeitig einzusetzen - also bevor viel Hirngewebe zerstört wurde. Dafür wiederum müssen die Patienten frühzeitig entdeckt werden.

7. Kann ich mich vor Alzheimer schützen?

Es ist möglich, sein Risiko zu senken - indem man die sogenannte kognitive Reserve aufbaut. Dadurch ist das Gehirn in der Lage, krankhafte Veränderungen auszugleichen. Die drei Säulen, auf denen die Alzheimer-Vorsorge aufbaut, sind:

  1. ein gesunder Körper: Regelmäßige Bewegung, ausreichend trinken, genügend Schlaf: Das sind die wichtigsten Voraussetzungen für ein gesundes Gehirn. Außerdem sollten Seh- und Hörschwächen ausgeglichen werden! Bekommt das Gehirn nämlich zu wenige Reize über die Sinnesorgane, bauen die Nervenzellen ab.
  2. seelisches Wohlbefinden: Soziale Kontakte sind für eine gesunde Psyche zentral. Einsamkeit hingegen ist ein Risikofaktor für Demenz. Pflegen Sie Freundschaften, veranstalten Sie gemeinsame Essen, bleiben Sie sozial aktiv.
  3. geistige Aktivität: Auch das Gehirn kann man trainieren. Komplexe Aufgaben, wie das Spielen eines Instruments, Tanzen, Brettspiele oder das Erlernen einer Fremdsprache fordern und fördern das Gehirn.

Neun Risikofaktoren, die man vermeiden sollte

Um ein Drittel könnten die weltweiten Demenzfälle gesenkt werden, würde man neun Risikofaktoren konsequent und von Kindheit an bekämpfen. Zu diesem Schluss kommen internationale Experten im renommierten Magazin „Lancet“.

Laut der Untersuchung beginnt die Demenzvorsorge bereits in der Jugend: Mangelnde Bildung sei einer der wesentlichen Risikofaktoren. Eine gute schulische Ausbildung erhöhe die kognitiven Fähigkeiten und die Belastbarkeit des Gehirns.

Nur Schwerhörigkeit und der Verlust des Gehörs habe größere negative Auswirkungen: Wird das Gehirn über die Sinnesorgane nämlich nicht mit Reizen gefüttert, bauen die Nervenzellen ab und die Hirnleistung wird schlechter.

Im mittleren und höheren Lebensalter wirken sich dann Übergewicht, hoher Blutdruck, Rauchen oder soziale Isolation nachteilig aus.

Diese neun Faktoren gilt es zu vermeiden:

  1. Übergewicht
  2. hoher Blutdruck
  3. Hörverlust
  4. soziale Isolation
  5. Depression
  6. Diabetes
  7. Rauchen
  8. mangelnde Bewegung
  9. mangelnde Bildung

8. Wie steht es um die Pflege von Betroffenen in Österreich?

In Österreich sind geschätzte 100.000 Menschen an Alzheimer erkrankt, bis zum Jahr 2050 soll diese Zahl auf 230.000 Betroffene steigen. 80 Prozent der Betroffenen werden zuhause gepflegt, von Töchtern, Söhnen oder Partnern. Die Belastung für diese pflegenden Angehörigen sind immens, es werden Pflegeleistungen von bis zu 70 Stunden pro Woche erbracht. Gleichzeitig fehlt aber oft die wichtige Unterstützung: Laut der Volkshilfe Österreich gebe es zum Beispiel viel zu wenige Angebote für Tagesbetreuung, damit sich pflegende Angehörige eine Auszeit nehmen können. Auch bräuchten die Angehörigen ein spezielles Training und viel mehr Information, um mit der Krankheit besser umgehen zu können.

9. Was brauchen Betroffene besonders?

"Betroffene brauchen ein konstantes Umfeld und einen regelmäßigen Alltag", sagt Neurologe Schmidt. Dazu gehören eine klare Tagesstruktur mit den immer gleichen Schlaf- und Essenszeiten in gewohntem Umfeld und mit vertrauten Gegenständen. Auch die Kommunikation verändert sich: Im späteren Stadium schwinden die Worte, dann stehen Berührungen oder Gesten im Mittelpunkt.

Die Stadien der Demenz

Demenz ist nicht Demenz, die Krankheit kann sehr unterschiedlich verlaufen. Eine ungefähre Einteilung bieten diese drei Stadien.

1. Frühes Stadium

Im frühen Stadium merken Betroffene, dass etwas nicht stimmt und versuchen, die Defizite zu verbergen.

Anzeichen: u.a. Schwierigkeiten beim Sprechen, beeinträchtigtes Kurzzeitgedächtnis, Orientierungsprobleme, fehlende Motivation. Interesse an Aktivitäten geht verloren.

Wie kann man helfen? Sich über Demenz informieren, tägliche Abläufe einführen, die Sicherheit und Orientierung geben, Betroffene in Entscheidungen miteinbeziehen.

2. Mittleres Stadium

Schon kleine geistige Herausforderungen (lesen, fernsehen) überfordern Betroffene, alleine zu leben ist oft nicht mehr möglich.

Anzeichen: u.a. Alltagstätigkeiten sind nicht mehr möglich, Orientierung in Zeit und Raum geht verloren, Verhaltensstörungen und Wahnvorstellungen treten auf.

Wie kann man helfen? Betroffene brauchen bei allen Alltagstätigkeiten (essen, waschen) Hilfe - aber nichts abnehmen, was noch selbst getan werden kann.

3. Spätes Stadium

Auch das Langzeitgedächtnis geht verloren, Betroffene bewegen sich immer weiter zurück in die Vergangenheit, fühlen sich z.B. 30 Jahre alt.

Anzeichen: Vertraute Menschen werden nicht erkannt, Gang wird unsicher, Inkontinenz tritt auf, auffälliges Benehmen, bis zur absoluten Pflegebedürftigkeit.

Wie kann man helfen? Im sehr fortgeschrittenen Stadium kann eine Unterbringung im Heim unumgänglich sein, damit die Betroffenen die Pflege bekommen, die sie brauchen.

10. Wie sollen wir in Zukunft mit Menschen mit Demenz umgehen?

Um sich diesen Fragen systematisch anzunähern, wurde die österreichische Demenzstrategie formuliert, eine führende Position dabei nahm Regina Roller-Wirnsberger, Professorin für Geriatrie an der Med Uni Graz, ein. "Eines der Probleme ist, dass die Bevölkerung zu wenig über diese Krankheit informiert ist", sagt die Expertin für Alterserkrankungen. Das führe dazu, dass Demenz zum Tabuthema wird, mit dem viele Ängste verbunden sind. Fehlendes Wissen, das ist auch in der Pflege ein Problem: "Nicht alle Pfleger und Ärzte wissen, wie sie mit dementen Patienten umgehen müssen", sagt Roller-Wirnsberger. Daher brauche es eine bessere Ausbildung ebenso wie mehr Entlastungsmöglichkeiten für pflegende Angehörige.

Pflegende Angehörige sind sehr gefährdet, ein Burn-out oder eine Depression zu entwickeln.

Regina Roller-Wirnsberger, Professorin für Geriatrie

Hier müssen sogenannte teilstationäre Angebote entstehen, in denen Betroffene betreut werden können, wenn ihre Familie zwei Wochen auf Urlaub fährt. Klar sei aber: Ohne die Pflege innerhalb der Familie werde der Bedarf in Zukunft nicht zu decken sein.

Infografik

Alzheimer: Das passiert im Gehirn

Eiweißablagerungen im Gehirn führen dazu, dass Hirngewebe verloren geht.

Betroffene berichtet

„Demenz ist ja keine Schande“

Ilse Lindorfer hat Demenz und spricht offen über die Krankheit. Wie sie den Alltag meistert und warum sie gerne unter Gleichgesinnten ist.

Danke, dass Sie mit uns über Ihre Demenzerkrankung sprechen.

Ilse Lindorfer: Ja, ich schäme mich nicht dafür. Ich kann ja nichts dafür, es ist einfach so.

Welche Symptome haben Sie zuerst bemerkt?

Ich weiß es gar nicht mehr. Mein Hirn, das ist so leer. Man vergisst halt einmal was und so manches ist nicht mehr zum Vorschein gekommen. Irgendwann fällt es mir dann wieder ein.

Ärgern Sie sich dann?

Am Anfang schon, aber jetzt nicht mehr. Es wird ja nicht anders dadurch.

Wann bemerken Sie die Krankheit außerdem?

Ich kann mir einfach nichts mehr merken. Meine Tochter sagt, schreib es dir auf. Dann sage ich, dann brauch ich ja überhaupt nicht mehr denken. Ich möchte, dass ich mir das merken kann! Aber es geht nicht mehr.

Aufschreiben ist also eine Strategie, die Sie nutzen?

Ja, neulich in der Nacht ist mir wieder eingefallen, was ich tagsüber tun wollte. In der Früh habe ich mir dann gedacht, da war doch was, und dann habe ich den Zettel gesehen und mich erinnert. Man muss sich halt auf die Situation einstellen.

Solange ich noch über mich selbst lachen kann, ist alles gut.

Ilse Lindorfer, Demenz-Patientin

Hilft Ihnen Ihr Humor?

Ja sicher. Es wird sowieso nicht anders, selbst wenn ich grantig bin. Andere Ältere sind immer überrascht. Sie sagen, dass du noch lachen kannst, obwohl du so vergesslich bist. Aber solange ich noch über mich selbst lachen kann, ist alles gut.

Sind Sie noch gerne unter Menschen?

Ja, unter Gleichgesinnten. Die reden anders miteinander als gesunde Menschen, ein wenig langsamer und lassen einem Zeit zum Nachdenken. Ich gehe zweimal in der Woche ins Tageszentrum und einmal in der Woche zum Gedächtnistraining. Das gefällt mir, da komme ich auch ein wenig zum Reden.

Also, es wird schwieriger, Gesprächen zu folgen?

Ja genau, so ist es.

Reden Sie auch über die Erkrankung?

Nein, eigentlich nicht. Am Anfang schon, aber jetzt nicht mehr.

Das ist halt so, man kann es nicht ändern. Es ist eine Krankheit. Punkt.

Ilse Lindorfer, Demenz-Patientin

Haben Sie früher offen gesagt, ich habe Demenz?

Na ja. Den Ausdruck hat man früher nicht gekannt. Da hat man vergesslich gesagt. Mein Nachbar sagt oft: Das hast mir eh gestern schon erzählt. Dann sage ich: Entschuldige, ich merke mir das halt nicht mehr, es geht nichts mehr in mein Hirn rein. Ich schäme mich nicht, es ist halt einfach so.

Wie reagieren die Menschen auf diese Offenheit?

Unterschiedlich. Die einen, die es nicht zugeben wollen, verstehen es nicht und sagen: Das würde ich nie sagen. Dann sage ich: Das ist halt so, man kann es nicht ändern. Es ist eine Krankheit. Punkt.

Wie hat Ihre Familie auf die Demenzerkrankung reagiert?

Verständnisvoll. Sie müssen sich auch damit abfinden. Und wenn irgendetwas ist, dann kann ich mich auf die Kinder verlassen, das war schon immer so.

Stoßen Sie im Alltag an irgendwelche Grenzen?

Ich koche und putze noch selber und beim Einkaufen gehen die Kinder mit. Ich muss mir einfach alles aufschreiben. Dann nehme ich einen Zettel und schreibe es auf und dann lege ich den Zettel irgendwo hin und finde ihn später wieder nicht. Aber ich habe eh eine kleine Wohnung (lacht). Am Kühlschrank habe ich dann meine Klebezettel und da schau ich ein paar Mal am Tag nach. Ich brauche einfach bei allem ein wenig länger. Mein Hirn tut nicht mehr so mit, wie es soll. Aber ich genieße das, was geht.

Was machen Sie gerne, wenn Sie Zeit haben?

Ich lese gerne Romane. Wenn ich ein Buch lese, weiß ich nach ein paar Seiten oft nicht mehr, was ich gelesen habe. Wenn ich mir nichts mehr merken kann, lege ich das Buch weg. An einem anderen Tag ist es dann wieder besser.

Beschäftigt Sie die Zukunft?

Nein, ich sage, es kommt eh, wie es kommt, man kann es nicht ändern. Ich hoffe nur, dass ich nicht bettlägerig werde. Manchmal vergesse ich halt was. Das tut ja nicht weh.

Danke, dass Sie so offen mit uns gesprochen haben.

Warum denn nicht? Es ist ja keine Schande.

Über das Interview

Dieses Interview erschien im Buch „Gut leben mit Demenz“ und wurde von Karin Laschalt, Leiterin der Demenzservicestellen, und Sabine Weber geführt.

Das Buch wurde von der MAS Alzheimerhilfe herausgegeben. www.alzheimer-hilfe.at

Vorsorge

Auch das Gehirn kann trainiert werden

Demenz ist keine unausweichliche Erscheinung des Alters, viele Risikofaktoren kann man beeinflussen. Da Medikamente noch fehlen, sollte man selbst aktiv werden.

"Die Hälfte aller 50-Jährigen hat Alzheimer-typische Veränderungen im Gehirn.“ Diese Botschaft von Reinhold Schmidt, Neurologe an der Med Uni Graz, sorgte für verwunderte Gesichter und erschrockenes Raunen. „Aber bei Weitem nicht alle werden dann auch dement“, erklärt Schmidt weiter.

Also wie nun? Obwohl die desaströsen Ablagerungen im Gehirn anscheinend sehr häufig sind, führen sie nur bei einem Teil der Betroffenen zu tatsächlichen Einschränkungen und der Alzheimer-Erkrankung. Eine Erklärung dafür sei eine der faszinierenden Fähigkeiten unseres Gehirns, die sich kognitive Reserve nennt: Dadurch kann das Gehirn krankhafte Veränderungen ausgleichen, es kommt zu keinen Einschränkungen. „Unser Gehirn ist ein Kompensationsmeister“, sagt Schmidt. „Und für diese kognitive Reserve können wir etwas tun.“

 

Unser Gehirn ist ein Kompensationsmeister.

Reinhold Schmidt, Neurologe

 

Aktiv statt passiv

Nachrichten, Musik: Wir lassen uns gerne berieseln. Das Gehirn braucht aber Aktivität. Daher: Wenn Sie Nachrichten hören, erinnern Sie sich bewusst an die drei wichtigsten, hören Sie aktiv der Musik zu oder gehen Sie noch einmal die Geschichte durch, nachdem das Buch fertig gelesen ist.

Sprechen Sie!

Sprechen ist die beste Methode, um Wortfindungs- störungen vorzubeugen. Wenn man viel allein ist, kann man auch mit sich selbst sprechen: Drücken Sie sich gewählt aus, nutzen Sie bewusst Fremdwörter oder sprechen Sie in einer Fremdsprache.

Bewegen Sie sich!

Durch körperliche Bewegung verbessert sich auch die Fitness des Gehirns: Botenstoffe werden ausgeschüttet, neue Nervenzellen gebildet, der Beginn einer Demenz kann durch körperliches Training nachweislich verzögert werden. Laut Kognitionsforscherin Katharina Turecek ist Spazierengehen das beste Gehirnjogging!

Fordern Sie sich heraus!

Das Kreuzworträtsel, bei dem Sie die Hälfte der Antworten schon auswendig kennen, ist keine Herausforderung für das Gehirn! Steigern Sie daher das Niveau von Beschäftigungen: Lösen Sie immer schwierigere Rätsel, lernen Sie neue Stücke auf einem Instrument, erweitern Sie Ihr Vokabular in einer Fremdsprache.

Trainieren Sie Ihr Gedächtnis

Wird das Gedächtnis im Alltag nicht genutzt, wird es schlechter. Daher sollte man es bewusst fordern: Gehen Sie ohne Liste einkaufen, merken Sie sich Telefonnummern auswendig, machen Sie einen Ausflug ohne Navi, kochen Sie ein Rezept aus dem Gedächtnis nach.

Gehirntraining

So trainieren Sie Ihr Gehirn

Warum Hans sehr wohl noch dazu lernen kann und unser Gehirn wie ein Muskel funktioniert. Erstaunliche Fakten über unsere Schaltzentrale.

Demenz muss nicht sein!

Viele glauben, die Demenz sei eine unvermeidliche Erscheinung des Alters – doch das ist falsch! So haben die Hälfte der Menschen im Alter von 90 Jahren haben keine Gedächtnisstörungen.

Demenz muss nicht sein!

Demenz, die häufigste Form ist Alzheimer, ist eine Krankheit – und wie bei jeder Krankheit kann man vorsorgen – indem wir geistig aktiv bleiben, körperlich fit sind und auch die Psyche pflegen.

Das Gehirn verändert sich! I

Das Nervennetz in unserem Gehirn ist nicht stabil – es ändert sich ständig. Jede Erfahrung, die man macht, führt dazu, dass Verbindungen gefestigt werden – während andere abgebaut werden, die wenig benutzt werden. So verändert sich das Gehirn ein Leben lang.

Das Gehirn verändert sich! II

Deshalb stimmt die Redensart „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ auch nicht: Das Gehirn bleibt ein Leben lang flexibel und kann sogar neue Nervenzellen bilden. Im Alter lernt man vielleicht etwas langsamer, aber: Lebenslanges Lernen ist möglich!

Was nicht genutzt wird, geht verloren!

„Use it or lose it“: Dieser Spruch gilt nicht nur für Muskeln, sondern auch für unser Gehirn. Genauso wie ein bettlägriger Mensch an Muskelmasse abbaut, geht auch die Leistungsfähigkeit des Gehirns verloren, wenn wir es nicht mit Reizen füttern.

Was nicht genutzt wird, geht verloren!

Daher gelten zum Beispiel Schwerhörigkeit und Fehlsichtigkeit als Risikofaktoren für Demenz: Bekommen die Gehirnzellen keine Reize aus der Umwelt mehr, verkümmern sie.

Was das Herz mag, mag auch das Gehirn!

Bluthochdruck, hohe Blutfette, Diabetes: Diese Faktoren erhöhen nicht nur das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall, sondern verschlechtern auch die kognitiven Fähigkeiten. Auch negativer Stress, Einsamkeit und Depressionen wirken sich negativ auf die Hirnleistung aus.

Das Gehirn mag Herausforderungen!

Alles Wissen ist via Mausklick verfügbar, aber das macht unser Gedächtnis faul. Geben Sie daher nicht bei jeder Gelegenheit dem Impuls nach, zu googeln. Zerbrechen Sie sich ruhig einmal den Kopf, suchen Sie das Wort, das auf der Zunge liegt – im Kopf, nicht im Internet. Oder: Schalten Sie einmal das Navi aus oder oder merken Sie sich wieder Telefonnummern.

Das Gehirn braucht Pausen

Unser Gehirn ist nicht fürs Multitasking gemacht: Unser Gehirn arbeitet umso besser, je weniger es durch andere Dinge abgelenkt wird. Konzentriert man sich auf eine Sache, kann man sich auch besser daran erinnern.

Das Gehirn braucht Pausen

Gleichzeitig braucht das Gehirn auch Pausen: Die Flut der Eindrücke, die Schnelligkeit des Lebens im Multimedia-Zeitalter: Gönnen Sie Ihrem Gehirn immer wieder eine Pause von dieser Reizüberflutung. Üben Sie die Achtsamkeit und nehmen bewusst kleine Details wahr, die man sonst einfach übersieht.

1/10
Das macht die Forschung

Medikamente: "Wir sind zu spät dran"

Wohin geht die Alzheimer- Therapie? Husseini Manji, Forschungsleiter beim Pharmakonzern Janssen, gibt Einblicke.

Die Alzheimer-Forschung war in den letzten Jahren von Rückschlägen gezeichnet: Studien mussten gestoppt werden, Ansätze verworfen werden. Was macht Sie optimistisch, dass es eine Therapiemöglichkeit gibt?

HUSSEINI MANJI: In jedem komplexen Feld - und Alzheimer ist sehr komplex - ist es nicht überraschend, dass Dinge schiefgehen. Wir glauben, dass wir mit Amyloid und Tau die richtigen Ziele gefunden haben, wir mit der Behandlung aber viel zu spät dran sind. Bei leichtem bis mittelschwerem Alzheimer sammeln sich die Ablagerungen bereits seit 20 Jahren, die Patienten werden zu spät behandelt.

Woran erkennt man Risikopatienten, wenn sie noch keine Symptome haben?

Über Gehirn-Scans können wir Menschen finden, die bereits Ablagerungen im Gehirn haben, 15 Jahre bevor die ersten Anzeichen auftreten. Um jene Menschen mit einem besonders hohen Risiko zu finden, nutzen wir eine Kombination aus genetischen Voraussetzungen, Familiengeschichte und ausgefeilten kognitiven Tests. Man kann das mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vergleichen: Ihr Herz scheint gesund zu sein, doch wenn man Sie zur maximalen Belastung bringt, zeigt sich eine Anormalität. Dasselbe machen wir mit kognitiven Tests.

Foto © Husseini Manji, Alzheimer-Forscher

Das würde bedeuten, scheinbar gesunde Menschen zu behandeln. Wie kann man das Patienten erklären?

Man kann Alzheimer mit der Gefäßverkalkung vergleichen: Die Gefäße haben schon Engstellen, der Betroffene spürt aber nichts davon. Auch bei Alzheimer sind die Ablagerungen schon sichtbar, machen aber noch keine Probleme. Wenn man lang genug wartet, bricht die Krankheit aber aus. Es wird viel Aufklärung brauchen, aber Umfragen zeigen: Die eine Krankheit, vor der sich Menschen besonders fürchten, ist Alzheimer.

Wann kann mit neuen Therapieansätzen gerechnet werden?

Zuerst müssen die richtigen Patienten gefunden werden, wir untersuchen zehn Menschen, um einen zu finden. Das braucht leider Zeit. Doch wir hoffen, dass unsere Generation davon profitieren wird.

 

Die richtige Pflege

"Alzheimer betrifft die ganze Familie"

Diese Punkte sind im Umgang mit Betroffenen wichtig.

"Irgendetwas stimmt nicht mit mir.“

Dieser Gedanke steht oft am Beginn. Es folgen: Verdrängung der Symptome, beschämte Versuche, die eigenen Defizite zu verstecken, bis zur erschreckenden und oft späten Gewissheit: Diagnose Demenz. Momentan sind es etwa 130.000 Österreicher, die an Demenz leiden – die häufigste Form ist der Morbus Alzheimer. Aufgrund der immer älter werdenden Bevölkerung wird diese Zahl bis zum Jahr 2050 auf mehr als 260.000 Betroffene ansteigen, europaweit werde die Zahl der Demenzpatienten bis 2050 um 87 Prozent steigen.

Mangelnde Unterstützung

Bis dahin ist noch viel zu tun, zeigt doch eine aktuelle Umfrage der Volkshilfe, dass die Unterstützung für pflegende Angehörige mangelhaft ist: „Angehörige von Demenzkranken fühlen sich oft allein gelassen und überlastet“, sagt Erich Fenninger, Direktor der Volkshilfe. Sind es doch die Familien, die die Hauptlast tragen: Zwei Drittel der Betroffenen werden zu Hause betreut.

Hilfe für Angehörige

Kontakte zu Selbsthilfegruppen in ganz Österreich findet man unter www.alzheimer-selbsthilfe.at

Umfassendes Infomaterial, Broschüren und Unterstützung für pflegende Angehörige bietet die Alzheimerhilfe: www.alzheimer-hilfe.at

Volkshilfe Österreich bietet unter www.demenz-hilfe.at viel Infomaterial und Hilfsangebote.

In Deutschlandsberg und Leibnitz gibt es Demenzservicestellen: www.mas-training.at

Kostenlose Hilfe gibt es am Pflegetelefon: Tel. 0 800 20 16 22.

„Alzheimer betrifft nicht nur einen, sondern die ganze Familie“, sagt Edith Span von der MAS Alzheimerhilfe (www.alzheimer-hilfe.at). Um mit dieser Belastung umgehen zu können, braucht es Schulungen und Auszeiten.

Diese Punkte sind im Umgang mit Betroffenen besonders wichtig:

Informationen. Der erste Schritt müsse sein, Informationen über die Krankheit zu bekommen: Welche Stadien gibt es und was wird dabei passieren? „Wenn man weiß, was kommt, kann man sich darauf vorbereiten“, sagt Span. Und besser verstehen: Aggressivität kann eine Folge daraus sein, dass sich Betroffene in ihrer Umwelt nicht mehr zurechtfinden – weiß man das, kann man anders damit umgehen.

Akzeptanz. Man muss die neue Situation akzeptieren. „Das Schlechteste ist, Betroffene immer wieder mit ihren Defiziten zu konfrontieren“, sagt Span. „Kontrollfragen“ wie „Was hat es zum Mittagessen gegeben?“, zerstören das Selbstwertgefühl der Betroffenen und führen zu Aggressivität oder Rückzug.

Foto © Fragebogen bei Demenzverdacht

Fördern. Stattdessen sollte man sich auf die Fähigkeiten konzentrieren, die noch vorhanden sind – und diese auch ermöglichen. „Betroffenen alles wegzunehmen ist ganz falsch“, sagt Span. Funktioniert das Anziehen oder Wäsche aufhängen noch eigenständig, dann sollte man das Betroffene auch tun lassen – mit Unterstützung, wenn nötig. Solche Dinge werden auch in speziellen Trainings für Betroffene geübt.

Struktur. Wenn die Orientierung in Zeit und Raum durch die Krankheit Stück für Stück verloren geht, sind Strukturen und Routinen umso wichtiger. Dazu gehören eine klare Tagesstruktur mit den immer gleichen Schlaf- und Essenszeiten im gewohnten Umfeld mit vertrauten Gegenständen. Auch die Kommunikation verändert sich: „Kann man im frühen Stadium normal mit Betroffenen sprechen, verlagert sich die Kommunikation später oft auf eine körperliche Ebene“, sagt Span. Dann stehen Berührungen oder Gesten im Mittelpunkt. Um zu wissen, wann was nötig ist, sei eine Schulung so wichtig.

Hilfe für Helfer. „Wenn man Angehörige, die ihren Partner Tag und Nacht betreuen, allein lässt, werden sie selbst krank“, sagt Span. Es braucht regelmäßige Auszeiten, professionelle Hilfe und ein Umfeld, das hilft und unterstützt. „Die Krankheit Demenz muss enttabuisiert werden“, fordert Span. Denn wenn sich das Umfeld aus Berührungsängsten zurückzieht, vereinsamt nicht nur der Betroffene, sondern auch die Angehörigen. „Jede Hilfe ist eine Entlastung“, sagt Span.

Angehörige berichten

"Er ist nicht mehr der, den ich kannte"

Wie leben mit Alzheimer? Ehefrau und Tochter eines Betroffenen erzählen von der Demut des Augenblicks.

Die Diagnose ihres Mannes bekam Irmgard K. zugeraunt: "Es wird ja wohl Alzheimer sein", sagte der Arzt zu ihr, quasi im Hinausgehen. Ein Wort, das alles veränderte. Eine Erklärung, für das, was die Ehefrau schon früher bemerkte: "Er war nicht mehr der, den ich kannte."

Begonnen hatte es mit Unkonzentriertheit und dem Nachlassen des Orientierungssinns: "Wir wollten in den Süden, aber mein Mann fuhr zur Autobahnauffahrt Richtung Westen", erinnert sich K. Als die Diagnose feststand, war ihr Mann 62 - und Ehefrau und Tochter wollten es nicht wahrhaben. "Ich habe nur von Horrorszenarien gelesen", sagt Tochter Claudia, "und verzweifelt eine andere Erklärung gesucht. Denn bei Alzheimer, da gibt es einfach nichts mehr." Seither versuchen Ehefrau und Tochter aber, für den Partner und Vater aus dem Nichts ein Leben zu machen.

Das enge Umfeld weiß es, und der Rest hat sich eh verabschiedet.

Irmgard K., Angehörige

Es ist jetzt so

Dazu mussten sie selbst akzeptieren: Es ist jetzt so. Und dann den noch schwierigeren Schritt gehen und anderen davon erzählen. "Es gab viele peinliche Situationen", sagt sich Claudia, in denen der Papa, der früher so stark, so autoritär war, aus fremden Gläsern trank oder seinen Platz am Tisch nicht mehr fand. "Das enge Umfeld weiß es", sagt Ehefrau Irmgard, "und der Rest hat sich eh verabschiedet."

Auch Psychiaterin Brigitte Fuchs-Nieder weiß, dass die Diagnose Alzheimer oft mit sozialer Vereinsamung einhergeht. "Die Krankheit macht Angst, Angst, es könnte einen selbst treffen", sagt sie.

Für Ehefrau Irmgard war es aber nie eine Frage, ob sie ihren Mann zu Hause pflegt. "Er war immer für uns da, das möchte ich ihm jetzt zurückgeben." Natürlich gebe es den Gedanken "ich kann nicht mehr" - und deshalb sei es für Angehörige auch so wichtig, sich Auszeiten zu gönnen, wie Fuchs-Nieder unterstreicht: "Es ist unglaublich, was da geleistet wird."

Verlust der Würde

Heute kann Irmgard K. ihren Mann keine zehn Minuten alleine lassen. Denn heute findet er, der früher beruflich ständig unterwegs war, sich kaum im eigenen Haus zurecht. Er kann nicht mehr essen, weiß nicht, wie man sich auf einen Stuhl setzt, aus einem Glas trinkt oder die Schuhe anzieht. "Der Mensch verliert alle Würde", sagt Irmgard K., "die Krankheit ist furchtbar." So sei ihr letzter Gedanke vor dem Schlafengehen oft: Vielleicht ist es morgen ja besser.

"Der Mensch bleibt trotzdem da, in manchen Momenten ist er ganz klar, man weiß aber nicht wann", erinnert Psychiaterin Fuchs-Nieder. Daher dürfe man Betroffene nicht zu Kleinkindern machen. Auch wenn Irmgard K. ihren Mann betreuen muss wie ein Kind.

"Man weiß nie, was der Tag bringt", beschreibt Tochter Claudia eine der größten Herausforderungen. Denn wenn der Vater nicht will, dann will er nicht. Und er kann böse werden. Und depressiv. "Ab und zu merkt er, was mit ihm passiert", sagt Tochter Claudia. Und das sind die schlimmsten Phasen, sagt Irmgard, die traurigen. Denn emotional, so pflichtet auch die Psychiaterin bei, sind Alzheimer-Betroffene immer erreichbar.

Das Schlimmste ist, dass ich den Partner verliere, mit dem ich 40 Jahre verheiratet war.

Irmgard K., Angehörige

Gemeinsam lachen

Und dennoch können sie und ihre Tochter noch gemeinsam lachen. Wenn sich der Papa beim Spazierengehen lieber zu anderen Leuten gesellt oder von fremden Tellern isst. "Es gibt auch schöne Momente", sagt Irmgard K. und erinnert sich an den Geburtstag ihres Mannes, als er ihren Neffen freudestrahlend und mit seinem Namen begrüßte. "Man wird demütig", fügt sie an.

Und dann sagt Irmgard K., quasi im Hinausgehen, noch: "Das Schlimmste ist, dass ich den Partner verliere, mit dem ich 40 Jahre verheiratet war."

Auf der Demenzstation

Eine Reise in die Vergangenheit

Auf einer Demenzstation gibt es spezielle Anforderungen: Spiegel sind nicht erwünscht, dafür umso mehr Einfühlungsvermögen. Ein Besuch im Pflegeheim.

Die Wand ist hellgelb. An einem Nagel hängt eine alte Wanduhr, wie man sie heute nicht mehr kaufen kann. Auf der kleinen Kredenz aus dunklem Holz liegt ein abgegriffenes Buch, die Teekanne auf dem Tisch ist aus schwerem Metall. Das Zimmer wirkt wie aus der Zeit gefallen in dem sonst modern eingerichteten Pflegeheim Lebensalm der Lebenshilfe in Ebenthal. Und genauso soll es auch sein: vielleicht altmodisch, aber eben so wie früher. Denn seine Bewohner leben meist nicht im Heute, sondern in einer vergangenen Zeit.

 Immer mehr Patienten mit Demenz

Das Zimmer ist Teil der neuen Demenzstation, die speziell für Menschen mit Alzheimer und anderen Demenzformen eingerichtet wurde. Christine Kogler und Andrea Urban, die den Pflegedienst leiten, sagen, dass in den letzten Jahren der Bedarf immer größer geworden sei, immer mehr Klienten mit Demenz seien gekommen - und finden jetzt ein Zuhause, das dem alten möglichst ähnlich sein soll.

Foto © Demenzstation im Pflegeheim Lebensalm

Die eigenen Kästen, Bilder von früher, der Fernsehsessel von zu Hause: All das sollen die Bewohner mitbringen, damit sie sich leichter zurechtfinden. Doch noch mehr gilt es zu beachten: Die Beleuchtung ist sehr hell, um Stürze zu vermeiden. Spiegel gibt es in den Zimmern nicht, da sich Demenzbetroffene selbst meist nicht erkennen - und sich vor dem Fremden im Spiegel erschrecken. "Aber auf Fotos, auf denen sie 20 Jahre alt sind, erkennen sie sich", sagt Fachsozialbetreuerin Rosemarie Peresich.

Das frühere Leben erforschen

19 Mitarbeiter wurden wie sie speziell für die Pflege von Demenzpatienten ausgebildet. Ein Satz ist für sie alle zentral: Wir gehen in den Schuhen des anderen. "Wir versuchen, unsere Klienten dort abzuholen, wo sie gerade sind", sagt Peresich. Das kann der Weg zur Arbeit oder der fällige Besuch bei der schon lange verstorbenen Mutter sein, der Demenzkranke davonlaufen lässt. "Werden sie dann nicht verstanden, geraten sie in Panik", sagt Peresich.

Foto © Berührungen statt Sprache

Um das Einfühlen und Abholen zu perfektionieren, gibt es im Pflegeheim eine Aktivität namens Biografie. Dabei wird das Leben der Klienten erforscht, um sie auf ihrer Reise durch die Vergangenheit leichter finden zu können. Aber auch gemeinsames Kochen, Nähen, Basteln oder Singen stehen auf dem Tagesplan: für jeden das, was er gerne macht.

Foto © Im Sinnesgarten

Im Sinnesgarten

Bei Herrn Schmied war es das Schreiben. Und so hält er auch heute noch ein selbst geschriebenes Gedicht in der Hand, als er von früher erzählt, als er als Reiseleiter Touristen durch Kärnten begleitet hat. Heute spaziert er durch den Sinnesgarten des Heims, wo Früchte und Kräuter wachsen und die neu eingezogenen Hasen über die Wiese hoppeln. "Das ist schon sehr schön hier", sagt Herr Schmied. Von welchem Hier er gerade spricht, weiß nur er.

Info

Im Pflegeheim "Lebensalm" der Lebenshilfe Kärnten in Ebenthal bei Klagenfurt wurde eine neue Demenzstation eröffnet. 17 Demenzbetroffene können hier betreut werden.

Impressum

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Test: Sonja Saurugger, Grafik: Silke Ulrich - © Kleine Zeitung 2017