Es ist ein bisschen so wie in der überlieferten Formel „Sesam, öffne dich!“ aus „Ali Baba und die 40 Räuber“. Von außen wirkt die Adresse in einer ruhigen Seitenstraße in Wien-Hernals aufgeräumt hübsch, aber nicht aufdringlich spektakulär. Wer jedoch durch die blaue Eingangstür schreitet, entert ein aufregendes Großstadt-Kleinod, ein architektonisch ausgetüfteltes Familienheim und ein faszinierendes „Privatmuseum“.

Der Architekt und Museumschef Peter Liaunig hat hier nach eigenen Ideen und Entwürfen eine zweigeschoßige Gewerbeimmobilie aus der Jahrhundertwende umgebaut und aufgestockt. „Es ist meine dreidimensionale Visitenkarte“, sagt der Hausherr. Und: „Ein Objekt, an dem ich mich beweisen konnte.“

Zuletzt befand sich hier eine Tischlerei mit überdachter Halle, der Hof wurde rückgebaut und im dahintergelegenen Gebäude hat sich Liaunig ein Büro eingerichtet, darauf hat er ein Gründach gesetzt, auf dem Palmen wuchern. Und eine Skulptur des Bildhauers Josef Pillhofer thront. Dazu gibt es - wie zu jedem Gemälde, jedem Objekt und jeder Zeichnung im Hause Liaunig - eine eigene Geschichte. Diese lautet: Mit Einverständnis des Künstlers hat Liaunig die Skulptur zehnfach vergrößert produzieren lassen, in doppelter Ausführung - „eine für den Künstler und eine für mich selbst“. Das begrünte Dach wird durch einen luftigen Steg auch mit dem Wohngebäude verbunden.

 

„Wir haben das Haus komplett entkernt und die Südwand erneuert“, sagt der Chef des Privatmuseums in Neuhaus in Kärnten. Mehr noch: Der Architekt hat nach Erdwärme bohren lassen und die Gebäude mit einer Deckenkühlung ausgestattet. Hofseitig öffnet sich der Dachgeschoßaufbau komplett. Knapp sechs Meter hoch ist der lichtdurchflutete Wohnbereich an der höchsten Stelle, er bietet viel Platz zum Leben und für die Familienbibliothek. Peter und Andrea Liaunig bewohnen mit ihren drei Kindern im Alter von sieben, 14 und 16 Jahren knapp 300 der 500 vorhandenen Quadratmeter, die Etage mit den Schlafzimmern, dem Wohnbereich und der Bibliothek kann man einmal umrunden. Ein Lichtprisma belichtet das Obergeschoß zusätzlich. Der älteste Sohn hat sich ganz oben im Glaskobel eingenistet.

Akos Burg
Hofinnenseitig öffnet sich der Dachgeschoßausbau der Sonne
© Akos Burg

Eine Wendeltreppe aus Stahl verbindet die Stockwerke. Im ersten Stock befinden sich die Küche und der von Licht durchflutete Ess- und Wohnbereich. Der große Tisch steht vor einer Arbeit von einem von Liaunigs Lieblingsmalern: dem bereits verstorbenen Alfred Klinkan. Auf dem Bild in Gelb, Orange und Rot tummeln sich viele Tiere wie Affen, Vögel, Drachen, Würmer oder Fische. „Jeder von unserer Familie findet sich auf diesem Bild wieder“, sagen die Liaunigs, die bewusst auf Vorhänge verzichten.

Langsam wird es knapp mit freien Flächen zwischen Schmuckstücken, Souvenirs, Glasaugen, Hörnern, Kinderzeichnungen und Arbeiten von Robert Schaberl, Peter Dörflinger, Peter Pongratz, Bruno Gironcoli, Gerhardt Moswitzer oder Johanes Zechner - um nur einige wenige zu nennen. Um der Platznot entgegenzuwirken, gibt es in einem der Zimmer auch ein Spezialkonstrukt: Vier Stiche von Piranesi werden von einem hochklappbaren Gemälde von Sebastian Gross-Ossa verdeckt. Fortsetzung der Doppelbehängung: ist geplant.


Im Alter von 13 Jahren wurde Peter Liaunig mit dem Sammelvirus infiziert. „Ein Bild im Lager ist ein verlorenes Bild“, sagt er. Deswegen genießt man hier auch auf der Toilette Kunst.