Trendforscherin Horx-Strathern: "Früher war die Küche Herz des Hauses, jetzt ist sie auch der Motor"

Zwischen Kücheninsel, modularen Möbeln und „Hoffice“: Trendforscherin Oona Horx-Strathern erklärt, wie sehr die Pandemie unser Wohnen verändern wird und warum man zu Tisch öfters „Reise nach Jerusalem“ spielen sollte.

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Trendforscherin Oona Horx-Strathern wünscht sich mehr Lebendigkeit und Spaß in unseren Städten und Wohnungen © Klaus Vyhnalek
 

Wegen der Pandemie müssen wir mehr Zeit Zuhause verbringen. Haben wir durch diese Einschränkung eine neue Sicht auf unsere vier Wände?
Oona Horx-Strathern: Ja, weil viele Leute Geld, Zeit und Energie in ihr Heim gesteckt haben. Sie haben in ihre Küche investiert, weil sie mehr kochen. Die Küche steht jetzt viel mehr im Zentrum. Früher war sie das Herz des Hauses, jetzt sie auch der Motor.

Sie leben mit Ihrer Familie im „Future Evolution House“. War es für die Pandemie gerüstet?
Es war hilfreich, dass wir eher modular gebaut haben, weil wir im ersten Lockdown statt zwei, plötzlich sechs Personen im Haus waren. Mein Vater aus England war da, meine beiden Söhne, einer hatte seine Freundin dabei. Wir haben uns gut arrangiert, miteinander gekocht und beim Essen gemerkt, dass wir immer am selben Platz saßen. Also haben wir beschlossen, dass sich jeder, jeden Abend auf einen anderen Platz setzt und herausgefunden, dass es 120 Sitz-Variationen gibt. Es ist wie bei der „Reise nach Jerusalem“. Wir haben gemerkt, dass wir andere Gespräche geführt haben.

Gibt es fixe Parameter, damit sich ein Mensch zuhause fühlt?
Ja, im Grunde geht es um die vier L: Licht, Luft, Lärm, Liebe. Bei Licht sprechen wir von Beleuchtung und natürlichem Licht, das der mentalen Gesundheit hilft. Man sagt ja, wenn man eine Idee hat, „ein Licht geht an“. Zur Luft: Je mehr Zeit wir zu Hause verbringen, desto mehr denken wir über die Qualität der Dinge nach, die uns umgeben. Die Luftqualität draußen können wir nicht beeinflussen, aber in unserer Wohnung schon. Und es geht um Lärm. Wenn man viel daheim ist, merkt man den Lärm der Nachbarn oder Mitbewohner. Viele Wohnungen sind offen gestaltet, aber wenn man mehr zu Hause arbeitet, braucht man Rückzugsorte. Und wenn es um Liebe geht, geht es auch um Design. Wir stecken viel mehr Liebe in unser Heim und investieren mehr in gute Möbel. Hier legen wir nun auch strengere ökologische Maßstäbe an.

Zukunft des Bauens und Wohnens

  • Modulare Möbel.
    Unser Leben wird immer flexibler und damit auch unsere Möbel. Durch hohe Funktionalität bieten sie die Chance, das Wohnumfeld unseren Bedürfnissen anzupassen. Ein Regal wird eine Trennwand, wird ein Hocker, wird ein Schreibtisch. „Wenn wir in ein Designmöbelstück investieren, muss es in der Lage sein, sich mit uns zu verändern“, schreibt Horx-Strathern im Home Report 2022.
  • Achtsame Küche.
    Sie bezieht sich nicht nur auf eine bewusste Küchenkultur, sondern auch auf die Verwendung von qualitativ hochwertigen, lokalen und frisch zubereiteten Zutaten. Während die offene Wohnküche in vielen Häusern und Wohnungen in Zeiten vor dem Homeoffice das Zentrum bildete, könnte sich dies nun wieder langsam ändern. Geschlossene Küchen, die etwa durch bewegliche Trennwände je nach Situation angepasst werden können, werden nun populärer werden.
  • Holz-Zeitalter.
    Die Trendforscherin sieht die Welt dank innovativer Technologien in der Verarbeitung im Holz-Zeitalter angekommen. Als positives Beispiel wird im Home Report unter anderem das Hoho in Wien genannt, ein 24-stöckiges, 84 Meter hohes Hochhaus in der Seestadt Aspern. Rund 75 Prozent des Gebäudes bestehen aus Holz.

Welchen Teil unseres Zuhauses hat die Pandemie am meisten verändert?
Die Küche, aber auch die Einrichtung des „Hoffice“. Ich nenne es so, weil ich die Anlehnung an „Hoffnung“ mag, weil es vielen Leuten Vorteile und Flexibilität bringt. Viele haben in Möbel investiert, die man sowohl im Büro, als auch im Wohnraum nutzen kann. Und viele suchen nun außerhalb der Stadt Wohnraum, weil sie mehr Platz haben wollen und sie nicht mehr pendeln müssen.

Vieles findet nun digital statt. Welchen Wert bekommt Haptik?
Ein Trend ergibt einen Gegen-Trend. Je mehr Zeit wir an Computern und Smartphones verbringen, desto mehr brauchen wir das Gegenteil. Wir brauchen mehr Kontakt zur Natur, mehr gemütliche Dinge. Mit zunehmender Digitalisierung hat man gemerkt, dass Menschen Authentizität suchen. Nach haptischen Dingen mit einem Narrativ, das außerhalb der digitalen Welt liegt. Holz zum Beispiel erzählt etwas. Bei einem Holzboden sieht man, dass er gelebt hat.

In Ihrem Home Report schreiben Sie, dass die Küche zur „Werkbank unserer Kultur“ wird. Ist das ein Schritt zurück ins Biedermeier?
Nennen wir es Neo-Biedermeier, dann bekommt es eine andere Bedeutung. Ja, es gibt die Befürchtung, dass Frauen wieder zurück in die Küche gedrängt wurden, aber man merkt auch, dass die Männer zuhause im Homeoffice arbeiten und mithelfen. Es ist wie bei vielen Trends, die wiederkommen, man nimmt die positiven Seiten und vergisst die negativen.

Welche Rolle wird Nachhaltigkeit beim Wohnen spielen?
Ich denke, dass viele Dinge, die uns beschäftigen, wie Recycling von Flaschen, eine Art „Micro Consumer Bull Shit“ sind, wie ein britischer Journalist einmal schrieb. Die kleinen Dinge sind nicht der große Wurf, aber sie geben uns ein gutes Gefühl. Wir müssen mit Energie und Bauen ganz anders umgehen. Wir müssen die großen Baufirmen und die Politik dazu bewegen, die großen Dinge anzugreifen.

Sie sprechen auch vom Comeback des Dorfes – warum zieht es die Menschen aufs Land?
Viele junge Menschen wollen raus aus der Stadt in die Vororte, auch weil sie sich die Grundstückspreise in der Stadt nicht leisten können. Man sieht am Land mittlerweile auch Coworking-Plätze, weil die Menschen, die rausziehen, nicht isoliert leben wollen. So entsteht eine gewisse Dynamik. Diese neue Generation denkt viel mehr über Teilen und Nachbarschaft nach.

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Luxusgeflunker. Die neue Grazer Bürgermeisterin weiß davon. Die Menschen sitzen in der Klemme zwischen immer teureren Wohnungen bei steigendem Wohnbedarf. Habitate verändern zudem die Lebensräume durch Verdichtung. Viel schlimmer aber sind die Möbelhäuser, die mit sündteurer Infantilwerbung erfolgreich sind, aber keinen Handgriff tun, um zum Recyclingproblem ausrangierter Wohnungseinrichtungen einen Beitrag zu leisten.

pescador
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"Früher war die Küche Herz des Hauses, jetzt ist sie auch der Motor"

Soweit die Sicht der Welt von Frauen....