Lärm, Rauch, MüllDeshalb geraten sich Nachbarn am häufigsten in die Haare

Vom oberen Balkon zieht Zigarettenrauch ins Schlafzimmer, nebenan wird Schlagzeug geübt und mittendrin liegen die Nerven blank. Mediatorin Magdalena Liebethat erklärt, wie Nachbarschaft trotzdem gelingen kann.

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Restless neighbor.Two men annoy the woman with noise, one plays the electric guitar and the other works with a power drill.
Jeder hat „seine Zeit“, die ihm wichtig ist und in der er nicht gestört werden will. Wenn das aber passiert, ist die Reaktion Frust, und damit beginnt die Spirale der Konflikte © (c) koldunova - stock.adobe.com
 

Ob Stadt oder Land, Haus oder Wohnung – das Verhältnis zu den Nachbarn ist ein fragiles Konstrukt. Warum ist es so leicht zu stören?
MAGDALENA LIEBETHAT: Weil unser Zuhause unser ultimativer Rückzugsort ist. Hier prallen aber unterschiedliche Bedürfnisse und Lebenswelten aufeinander. Ob Jung oder Alt, Langschläfer, Schichtarbeiter, Kinder oder Jugendliche. Jeder hat „seine Zeit“, die ihm wichtig ist und in der er nicht gestört werden will. Wenn das aber passiert, ist die Reaktion Frust, und damit beginnt die Spirale der Konflikte. Wenn der Nachbar auf Hinweise nicht reagiert oder über das Bedürfnis des anderen hinwegsieht und Rücksicht gar kein Thema ist.

Aus Ihrer jahrelangen Erfahrung: Was sind die häufigsten Themen, wenn es um Nachbarschaftsstreitigkeiten geht?
Alles, was das unmittelbare Wohnen betrifft wie Lärm jeder Art. Egal, ob Kindergeschrei, die Waschmaschine, die um Mitternacht noch schleudert, oder zu laute Musik. Aber auch abgestellte Gegenstände im Keller oder vor der Wohnungstüre sorgen für Ärger. Ein Klassiker ist auch Blumengießen am oberen Balkon, wenn das Wasser auf die frisch gewaschene Wäsche des unteren Nachbarn tropft. Oder intensives Rauchen. Auch beim Thema Müll kommt es oft zu Konflikten, zum Beispiel, wenn er nicht getrennt wird, aber auch Sperrmüll im Müllraum zählt zu den Aufregern.

Zur Person

Magdalena Liebethat ist Siedlungsbetreuerin und Mediatorin bei der „Wohnbaugruppe Ennstal“ mit den Schwerpunkten Nachbarschafts- und „Interkulturelle
Konflikte“.
Mehr Informationen unter: www.wohnbaugruppe.at

Wie sollte man vorgehen, wenn es zu Konflikten kommt?
Der Ärger im eigenen Kämmerlein dient in diesem Fall niemandem. Viele reagieren zu spät, wenn es schon „brennt“. Und dann ist das Delegieren der Konflikte, zum Beispiel an die Hausverwaltung, oft der einzige noch mögliche Weg. Meiner Erfahrung nach ist aber das Gespräch auf Augenhöhe das einzige Mittel, um einen Konflikt schon im Vorfeld einzudämmen und eine Eskalation zu verhindern.

Wann sollte man sich externe Hilfe holen?
Besser früher als später. Bereits eskalierte Konflikte sind natürlich schwieriger und manchmal gar nicht mehr zu lösen. Wenn man alles versucht hat und trotzdem der Haussegen schief hängt, bieten wir als Wohnbaugruppe schon seit Jahren professionelle Hilfe im Konfliktfall an und haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Tipps für die Gesprächsführung

  1. In der Ruhe liegt die Kraft.
    Klingeln Sie erst beim Nachbarn, wenn der erste Ärger verraucht ist, um das Problem deutlich zu erläutern. Überlegen Sie schon vorab, wie Sie Ihr Anliegen formulieren werden. Vermeiden Sie dabei aber allgemeine Anschuldigungen wie „immer“ und „überall“, denn sie führen nur dazu, dass sich das Gegenüber angegriffen fühlt und in Abwehrstellung geht.

  2. Der Ton macht die Musik.
    Bemühen Sie sich um einen ruhigen und klaren Gesprächston, damit man Ihnen auch folgen kann.

  3. Andere Perspektive.
    Versuchen auch Sie, Verständnis für Ihren Nachbarn aufzubringen, auch wenn das im Konfliktfall eine große Herausforderung ist.

  4. Kompromiss finden.
    Bieten Sie Lösungsvorschläge an und treffen Sie Vereinbarungen, die beide Konfliktparteien gut im Alltag leben können. Auch wenn es zu „Rückfällen“ kommen sollte, verlieren Sie nicht den Mut und nehmen Sie immer wieder gemeinsam Aktualisierungen vor.

    Weitere hilfreiche Tipps zum Thema „Gelebte Nachbarschaft“ gibt es auch auf der Homepage des Servicebüros „Zusammen>wohnen“ unter:
    zusammenwohnen.steiermark.at

Die Nerven liegen mittlerweile bei vielen blank. Sie arbeiten als Mediatorin in einer Siedlungsgenossenschaft. Haben die Konflikte während der Pandemie zugenommen?
Die Arten der Konflikte sind dieselben, sie tauchen jetzt nur verstärkt auf. Gereiztheit, geringere Toleranz und manchmal der fehlende Respekt sind derzeit die brennenden Themen bei mir. Viele sind im Homeoffice, der Nachbar schlägt die Türen, telefoniert mit der Freisprechanlage am Balkon, Kinder sind im Homeschooling und der Alltagslärm wird so für manchen zur „Qual“. Wohin, wenn der Nachbar lärmt, ich aber meine Ruhe brauche? Berufliche wie private Spannungen durch die Coronakrise sind bei jedem spürbar, daher steht das Zusammenleben in der Nachbarschaft oft unter Spannung und führt zu Konflikten.

Können einfache (materielle) Lösungen wie Teppiche oder eine Matte unter der Waschmaschine helfen?
Jede eigene Intervention ist hilfreich: Wünsche äußern, den Nachbarn einladen, um die Problematik zu besprechen. Es kann aber auch helfen: Kinderfüße in Patschen zu stecken, Sesselfüßen Dämpfer zu verpassen, Teppiche aufzulegen, die Waschmaschine auf eine rutschfeste Unterlage zu stellen, Türstopper oder die Blumenkisterln am Balkon nach innen zu hängen. Verwenden Sie Kopfhörer, wenn Sie laut Musik hören möchten. Das sind viele kleine, aber wichtige Schritte, die man selbst setzen kann, damit Nachbarschaft wieder entspannt wahrgenommen wird. Im Wesentlichen geht es aber darum, Verständnis für die jeweils andere Situation aufzubauen, und dafür braucht es ein gemeinsames Gespräch.