Seit sechs Jahren ist der Leitzinssatz der Europäischen Zentralbank (EZB) auf dem Rekordtief von null Prozent festgenagelt. Und selbst das agiler agierendere US-Pendant Federal Reserve (Fed) liegt mit einem Korridor von 0 bis 0,25 Prozent weit weg von Rekordzinsen.

Dennoch: Panta rhei, alles fließt. Seit einiger Zeit gar etwas schneller. Zu tun hat das mit vergleichsweise hohen Inflationswerten, also im Vergleich mit dem Vorjahr stark steigenden Preisen. Die Frage, die sich viele stellen: Tritt die zurzeit primär von Energiepreisen getriebene Inflation nur vorübergehend auf, oder bleibt sie erhalten? Was Notenbanken darüber denken und vor allem, was diese als Antworten folgen lassen, sollten Beobachter am Ende dieser Woche jedenfalls deutlich besser wissen.

Bereits heute tut die Fed ihre Einschätzung kund, am Donnerstag folgen wichtige Sitzungen der EZB und der Bank of England. Dabei könnten sich die eingeschlagenen Wege weiter voneinander wegbewegen. Die Fed, so ist es häufig zu hören, werde sich noch schneller von der ultralockeren Geldpolitik entfernen. Heute könnte ein Beschluss gefällt werden, den Abbau von Anleihenkäufen zu beschleunigen. Das habe vor allem mit der Einschätzung von US-Notenbankern – aber auch mit jener von Finanzministerin Janet Yellen – zu tun, die glauben, dass die hohe Inflation eben nicht so schnell wieder verschwinden wird.

EZB-Chefin Christine Lagarde
EZB-Chefin Christine Lagarde
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EZB-Chefin Christine Lagarde sah das jüngst noch fundamental anders. „Das ist im Moment auffällig und macht vielen Menschen Sorgen – wir erwarten aber, dass dieser Anstieg der Inflation nicht von Dauer sein wird“, sagte sie der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS). Lagarde glaubt, dass sich die Preise schon 2022 wieder einpendeln werden, ab Jänner rechnet man bei der EZB mit rückläufigen Inflationsraten.

Die Inflationsprognose sei auch der Grund, warum die Zentralbank keine Zinsen erhöhen will. „Wenn wir jetzt die Geldpolitik straffen würden, hätten wir voraussichtlich in 18 Monaten einen Effekt“, sagt Lagarde, „bis dahin aber würde nach unseren Prognosen die Inflation schon längst wieder gesunken sein.“ Nach wie vor lautet deswegen das Dogma der EZB: Erreicht die Inflation „dauerhaft und nachhaltig“ den Wert von zwei Prozent, können auch die Zinsen wieder steigen.

Jedenfalls früher aktiv wird die EZB in Sachen „Pepp“, also jenem gigantischen Notfallprogramm, bei dem die Bank flexibel Anleihen kaufen kann. Ab dem Frühjahr 2022, so die bisherige Prognose, werde die EZB zumindest keine weiteren Nettoanleihenkäufe über Pepp tätigen. Zugleich soll es in Frankfurt schon intensivste Überlegungen geben, welche Alternativen man zu Pepp hätte.