Seit Wochen warten die größten Autoimporteure und der Autohandel auf den Termin mit Wirtschaftsministerin Margarete Schramböck – aber statt der fixierten Videokonferenz mit den wichtigsten Vertretern der Branche erhielt man gestern lediglich eine Absagenotiz. Das traf die Branche schwer, denn sie kämpft – wie viele andere auch – um das Überleben. Günther Kerle, Sprecher der Automobilimporteure „fordert“ jetzt ein Gespräch ein, auch schriftlich.

Im Ministerium erklärt man: „Leider müssen wir hin und wieder wir aufgrund der aktuellen Entwicklungen Termine verschieben. Wir bieten aber einen Ersatztermin an. Nächsten Mittwoch oder Donnerstag.“

Die Hoffnungen für das Gespräch mit der Wirtschaftsministerin sind groß, man will gemeinsam ein Hilfspaket schnüren. Schwerpunkte: die Liquidität bei den Händlern weiter zu sichern oder eine Art Umweltprämie auszuloben, damit der ins Stocken geratene Verkauf wieder anspringt. Auch ein Vorsteuerabzug „für alle“ ist ein Thema, um das Flottengeschäft anzukurbeln.

Lange anhaltende Verkaufsflaute?

Aber man kam nicht dazu, die Vorschläge einzubringen. In der Branche werden Stimmen laut, dass die Politik Stellenwert und wirtschaftliche Bedeutung unterschätze – und damit auch die Folgen, die durch ein Händlersterben und eine lange anhaltende Verkaufsflaute ausgelöst werden. Im ersten Quartal allein sind die Verkaufszahlen um ein Drittel eingebrochen. Minus im März: 66,7 Prozent.

Die gesamte Autowirtschaft, inklusive Fabriken wie Magna und den Zulieferern, bietet 315.000 Arbeitsplätze und erwirtschaftet jährlich einen Bruttoproduktionswert von 43,7 Milliarden Euro. Allein im österreichischen Automobilhandel (ohne Werkstätten) gibt es 48.000 Arbeitsplätze, der jährliche Umsatz liegt bei rund 30 Milliarden Euro.

Wertverlust

Aber das Geschäft ist nicht erst seit dem Dieselskandal, den neuen CO2-Gesetzen und den daraus resultierenden Verkaufszwang für E-Autos, damit für die Hersteller keine Strafzahlungen fällig werden, schwierig: Die Branche ist extrem kapitalintensiv, die Margen sind erheblich gesunken.
Wenn das Geschäft nicht weiterläuft, stürzt das Kartenhaus schneller zusammen, als heute viele glauben möchten. Allein das Gebrauchtwagen-Geschäft ist eine finanzielle Gratwanderung: Auf einer Internetplattform werden laut Autobranche aktuell knapp 20.000 Fahrzeuge mit Baujahr 2020 zum Verkauf angeboten, die nahezu zu 100 Prozent als Jungwagen im Handel derzeit stillstehen und täglich an Wert verlieren. Insgesamt gibt es sogar knapp 100.000 Fahrzeuge, die auf den Plätzen der Händler stehen, heißt es aus der Autobranche.

Man weiß aus der Branche: Ein Neuwagen, der nicht verkauft wird, verliert rund 1,5 Prozent an Wert im Monat. Beim Gebrauchtwagen sind es rund drei Prozent. Da fallen hohe Summen an. Gleichzeitig müssen Kredite und Zahlungen von den Händlern für die Autos geleistet werden. Viele Händler arbeiten mit erschreckend geringen Eigenkapitalquoten. Ein Händlersterben droht ohne weitere Maßnahmen. Einige Herstellerbanken haben inzwischen Zahlungsfristen verlängert.

„Zehn Prozent der Händler werden es nicht schaffen“

Viele steirische Autohändler stehen mit dem Rücken zur Wand und werden das Coronajahr 2020 wohl nicht überleben. Branchen-Obmann Klaus Edelsbrunner sagt: „10 Prozent, vielleicht auch mehr, werden es heuer nicht schaffen.“ Nicht nur die Margen seien gesunken, die Erträge in den letzten Jahren nahezu halbiert worden. Mit dem Autoverkauf fahren sogar viele große Händlernetze nur – wenn es gut geht – an der schwarzen Nulllinie entlang. Das Geld wird in der Werkstatt gemacht, aber auch hier sind die Aussichten trist, denn E-Autos brauchen weniger Service.

Edelsbrunner weiß, dass einige Händler mit den April-Löhnen ins Minus gerutscht sind. Und weil die Verkaufszahlen im ersten Quartal bereits um ein Drittel gesunken sind,, würden die Margen, die oft vom verkauften Volumen abhängen, nicht zu lukrieren sein. Ein weiteres Problem hätte, so Edelsbrunner, in der abgesagten Videokonferenz geklärt werden müssen: die erlaubte Öffnung bis 400 Quadratmeter ab nächsten Dienstag. Diese passe zwar für 80 Prozent der Autohändler passt, aber größere Händler wüssten nicht, ob und wie sie jetzt aufsperren dürften.

Kärnten: „Durch Corona 30 Prozent minus – mindestens“

Der Schauraum des Klagenfurter VW-Händlers Günther Krainer ist 1200 Quadratmeter groß, zuzüglich 5000 Quadratmeter Freifläche. Die 400-Quadratmeter-Regel ab 14. April verbietet ihm also weiterhin eine Geschäftsöffnung. „Obwohl bei uns nie mehr als drei Kunden gleichzeitig da sind“, sagt Krainer, der derzeit 220 neue oder gebrauchte Autos auf Lager hat, die mit der Zeit nicht gerade mehr wert werden. Die Faustregel: Gebrauchtwagen (auf dem Parkplatz) verlieren pro Monat 1,5 Prozent an Wert.

Zwar könne „kontaktlos“ ausgeliefert werden und die Zulassungsstellen dürfen ab Dienstag öffnen. Aber haben Arbeitslose und Kurzarbeiter jetzt Lust auf einen Autokauf? Und: Kann man Autos rein telefonisch verkaufen? Krainer: „30 Prozent minus fahren wir heuer mindestens ein. Lustig ist das alles nicht.“

Auch Markus Kipple, Standortleiter von Auto Frey in Villach, kann nicht öffnen. Auch sein Schauraum ist mit 550 Quadratmetern über der 400er-Grenze. Da hat Renault-Händler Hubert Aichlseder Glück: Er hat für seine Automarken verschiedene, kleinere Räume und empfiehlt als Branchenkollege, nicht aber als Gremialobmann, den anderen Autohändlern: Räume mit Paravents abgrenzen, extra Eingänge schaffen.
Zumindest für die Autowerkstätten, die nach Ostern – unter Einhaltung strenger Sicherheitsvorschriften – geöffnet werden dürfen, erwartet sich Aichlseder, „dass wir Schritt für Schritt wieder in die Gänge kommen“. Die Autos werden an virulenten Stellen wie den Sitzen oder dem Lenkrad mit Plastikabdeckungen versehen und mehrfach desinfiziert, die Mechaniker tragen Masken.

Auch die Zulassungsstellen, wie Aichlseder eine betreibt, dürfen öffnen. Hier erwartet man sich einen Rückstau (etwa durch die Motorradfahrer) und bittet um telefonische Voranmeldung, um Slots vergeben zu können.
Erholt sich die Autoindustrie, gibt es also genug Neuwagen? Wird im Autohandel eine Rabattschlacht toben, weil die Händler ihre Autos losschlagen müssen, um liquide zu bleiben? Erlebt der Individualverkehr eine Renaissance? Auch Hubert Aichlseder kann die Folgen der Krise für die Automobilbranche nicht abschätzen. Er erwartet sich Maßnahmen der öffentlichen Hand ähnlich der Abwrack- bzw. Ökoprämie im Jahr 2008: „1,6 Millionen Autos, also ein Drittel des Fahrzeugbestandes in Österreich, ist älter als 13 Jahre und würde unter eine solche Regelung fallen.“