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Sehnsucht nach EhefrauEx-Automanager Ghosn: Abenteuerliche Flucht im Frust

Ghosn wurde wiederholt Kontakt mit seiner Frau verboten - dann nahm er Reißaus. Sein Prozessbeginn sollte auf April 2021 verschoben werden.

Einst gefeiert: Automanager Carlos Ghosn
Einst gefeiert: Automanager Carlos Ghosn © (c) APA/AFP/ERIC PIERMONT
 

Die andauernde Verschleppung seines Prozesses in Japan hat den einst gefeierten Automanager Carlos Ghosn Insidern zufolge zur Flucht bewegt. Der frühere Renault- und Nissan-Chef habe kürzlich bei einer Gerichtsverhandlung erfahren, dass einer seiner zwei Prozesse auf April 2021 von September 2020 verschoben werden sollte, erfuhr die Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag von Vertrauten von Ghosn.

Für beide Verfahren sei noch kein fester Termin festgelegt worden, aber es wurde allgemein erwartet, das mindestens einer der Prozesse im April beginnt. Ghosn habe zudem belastet, dass er nicht mit seiner Frau Carole sprechen durfte. "Es quälte ihn, dass er seine Frau nicht sehen oder mit ihr sprechen konnte", sagte einer der Insider.

Ghosn steht in Japan wegen Untreue und finanziellen Fehlverhaltens beim japanischen Renault-Partner Nissan unter Anklage. Am Dienstag war bekanntgeworden, dass der 65-jährige das Land verlassen hat und sich jetzt im Libanon aufhält. Er war im vergangenen Frühjahr gegen eine Millionen-Kaution aus der Untersuchungshaft entlassen worden und wurde während seines Hausarrests streng überwacht. Seine Pässe - er hat sowohl die französische als auch die libanesische und brasilianische Staatsbürgerschaft - musste er abgeben.

Nach einem Bericht des japanischen Senders NHK konnte sich der Automanager offenbar dank eines weiteren französischen Reisepasses absetzen. Japanische Behörden hätten Ghosn erlaubt, einen Extra-Pass in einem verschlossenen Koffer mit sich zu führen, während er unter Hausarrest stand. Den Schlüssel dazu hätten Ghosns Anwälte gehabt. Laut NHK wurde der Wohnsitz von Ghosn in Tokio am Donnerstag von der Staatsanwaltschaft durchsucht. Wie Reuters von zwei mit der Sache vertrauten Personen erfuhr, wurde Ghosn von einer privaten Sicherheitsfirma aus Tokio geschmuggelt.

Den Vertrauten von Ghosn zufolge war der Automanager auch entnervt davon, dass seine Tochter und sein Sohn von der japanischen Staatsanwaltschaft Anfang Dezember in den USA vernommen wurden. Er sei davon überzeugt gewesen, dass die Behörden Druck auf seine Familie ausübten, um ein Geständnis von ihm zu erzwingen. Ghosns Bitte, seine Frau über Weihnachten sprechen oder sehen zu dürfen, sei abgelehnt worden. Carole Ghosn hatte im vergangenen Jahr bereits bei US-Präsident Donald Trump und Frankreichs Regierung um Unterstützung für ihren Mann gebeten.

Der einst hoch angesehene Top-Manager wurde erstmals im November 2018 in Tokio verhaftet. Gegen ihn liegen insgesamt vier Anklagen vor. Ghosn wird vorgeworfen, sein Einkommen als zu niedrig angegeben, Nissan um fünf Mio. Euro geschädigt und sich persönlich bereichert zu haben. Ursprünglich solle der Prozess schon im vergangenen Herbst beginnen. Ghosn zur Rückkehr zu zwingen wird schwierig, da Japan lediglich mit den USA und Südkorea Auslieferungsabkommen hat. Im Libanon genießt er Unterstützung aus höchsten Kreisen.

Die japanischen Behörden haben sich bisher noch nicht offiziell zu Ghosns Flucht geäußert. Bei Ghosns Anwälten war zunächst keine Stellungnahme erhältlich, ebenso nicht bei der französischen Botschaft in Tokio sowie der Staatsanwaltschaft in Tokio. Im Libanon soll Ghosn sich Insidern zufolge bereits mit Präsident Michael Aoun getroffen und sich für dessen Unterstützung bedankt haben.

In der Türkei wurden unterdessen sieben Personen - darunter vier Piloten - festgenommen, nachdem das Innenministerium eine Untersuchung des Transits von Ghosn aus dem Land in den Libanon eingeleitet hatte. Insidern zufolge flog der Automanager am Montag mit einem Privatjet von Istanbul nach Beirut. Die türkische Grenzpolizei sei nicht über die Ankunft von Ghosn informiert worden, zudem seien weder seine Ein- noch seine Ausreise registriert worden, berichtete die türkische "Hurriyet".

Ghosn war die treibende Kraft hinter der französisch-japanischen Auto-Allianz aus Renault, Nissan und Mitsubishi. Der Manager bestreitet die Vorwürfe gegen ihn und sieht sich als Opfer einer internen Intrige bei Nissan wegen Widerstands gegen ein engeres Bündnis mit Renault. "Ich bin nicht vor der Justiz geflohen – ich bin Ungerechtigkeit und politischer Verfolgung entkommen", erklärte Ghosn nach seiner Flucht.

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