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Stundenlange KTM-Nervenschlacht: Gläubiger stimmen dem Sanierungsplan zu

Die Gläubiger des insolventen Motorradherstellers KTM haben dem Sanierungsplan am Dienstag nach hartem Ringen in den vergangenen Tagen zugestimmt. Nun rückt der für die Rettung nötige Investor in den Fokus – es gibt konkrete und finanzstarke Interessenten, wer zum Zug kommen könnte, bleibt aber vorerst noch Verschlusssache. Wie es jetzt weitergeht.

KTM-CEO Gottfried Neumeister nach der Sanierungsplantagsatzung | KTM-CEO Gottfried Neumeister nach der Sanierungsplantagsatzung
© APA / Fotokerschi.at/werner Kerschbaum
KTM-CEO Gottfried Neumeister nach der Sanierungsplantagsatzung|KTM-CEO Gottfried Neumeister nach der Sanierungsplantagsatzung
Manfred Neuper
Wirtschaft

Von einer „Nervenschlacht“ war ebenso die Rede wie von einer „Rettung, die am seidenen Faden hängt“ – in den vergangenen Tagen hat sich das Ringen um die Sanierung des insolventen Motorradherstellers KTM massiv zugespitzt. Am Dienstagvormittag sind die Gläubiger im Landesgericht Ried im Innkreis ab 9 Uhr zur entscheidenden Abstimmung über den Sanierungsplan der KTM AG zusammengekommen. Die Dimensionen der Insolvenz sind immens: Die angemeldeten Forderungen belaufen sich auf 2,25 Milliarden Euro, davon sind gut zwei Milliarden anerkannt worden.

Auch der langjährige KTM-Lenker Stefan Pierer, mittlerweile Co-CEO, war unter den mehr als 100 Besucherinnen und Besuchern im Schwurgerichtssaal in Ried mit dabei, an seiner Seite KTM-Chef Gottfried Neumeister. Die Abstimmung geriet, wie erwartet, zu einer stundenlangen Prozedur – erst gegen 14 Uhr wurde die Entscheidung bekanntgegeben.

Die Abstimmung war also mit dem Prädikat „Hochspannung“ versehen. Letztlich gab es am Dienstag dann aber doch eine Zustimmung zum – von Sanierungsverwalter Peter Vogl – vorgelegten Sanierungsplan, wie der AKV mitteilt. „Der Sanierungsplan der KTM AG wurde von den Gläubigern angenommen“, so AKV-Experte Franz Blantz zur Kleinen Zeitung. Die Gläubiger erhalten eine 30-prozentige Barquote, die bis zum 23. Mai 2025 beim Sanierungsverwalter zu hinterlegen ist, so Blantz. „Bei einer errechneten Zerschlagungsquote von 14,9 Prozent hat der Sanierungsverwalter den Sanierungsplan als wirtschaftlich angemessen betrachtet, nachdem im Ergebnis auch kein realistisches Alternativszenario zum Sanierungsplanangebot besteht.“

„Ich bin heute dankbar und glücklich. KTM ist back on track. Unsere Mitarbeiter haben in den letzten drei Monaten alles dafür gegeben, damit das Rennen weitergehen kann. Wir haben heute ein wichtiges Kapitel abgeschlossen“, betont Neumeister und ergänzt: „Aber ein einziges Kapitel erzählt nie die ganze Geschichte. Nun können wir die großartige Geschichte von KTM fortschreiben.“ KTM bleibe damit „einer der Top-Arbeitgeber in der oberösterreichischen Industrie“, so Neumeister.

Aktie von Pierer Mobility legt zu

Die Aktien der KTM-Mutter Pierer Mobility haben am Dienstagnachmittag ihre deutlichen Verlaufsgewinne noch ausweiten können.

Nach der Berg- und Talfahrt der vergangenen Handelstage notierten die Titel am Dienstag um deutliche 14,63 Prozent höher bei 23,50 Euro. Zu Mittag hatte das Kursplus bereits gut elf Prozent betragen.

„Die Stimmung teils locker, teils angespannt“

„Der Große Schwurgerichtssaal war bis zum letzten Platz gefüllt, die Stimmung teils locker, teils angespannt“, berichtet indes Gerhard M. Weinhofer vom Gläubigerschutzverband Creditreform. Auch er bestätigt: „Der angebotene Sanierungsplan der KTM AG erreichte die gesetzlich geforderte Kopf- und Summenmehrheit der großen Mehrzahl der Gläubiger und gilt somit als angenommen.“

Im Vergleich zur Prüfungstagsatzung am 24. Jänner haben sich die Summen der Forderungen teils noch einmal erhöht, zeigt eine Aufschlüsselung des Alpenländischen Kreditorenverbands (AKV): Bei der KTM AG von 2,185 auf 2,25 Milliarden Euro, wobei 22,39 Millionen Euro auf Dienstnehmerforderungen entfallen. Die anerkannten Forderungen sind im Vergleich zum Jänner von 1,666 Milliarden auf 2,056 Milliarden Euro angewachsen. In Summe sind es 3847 Forderungsanmeldungen, davon 2600 von Dienstnehmern. Bei der KTM F&E GmbH summieren sich die angemeldeten Forderungen auf 116,63 Millionen Euro (davon 109 Millionen Euro anerkannt), bei der KTM Components GmbH auf 89,3 Millionen Euro (76,16 Millionen Euro anerkannt). Über alle drei Gesellschaften wurden mehr als 6000 Forderungen angemeldet.

Produktion soll Mitte März wieder anlaufen

Die entscheidenden Weichen für die milliardenschwere Entschuldung und einen Neustart sind damit gestellt. Es stehen aber weitere zentrale Entscheidungen an: Denn klar ist, eine Rettung ist nur durch frisches Kapital eines Investors möglich, hier gibt es seit Wochen teils aufgeregte Spekulationen und mehr oder weniger vertrauenswürdige Wasserstandsmeldungen, aber noch keinen finalen Zuschlag. Zur Erinnerung: Zunächst sind 150 Millionen Euro notwendig, um die Produktion in Mattighofen mit März wieder hochzufahren, dafür soll es eine fixe Zusage geben, 50 Millionen Euro sind bereits treuhänderisch hinterlegt worden. Eine Schlüsselrolle spielt hier der langjährige KTM-Miteigentümer Bajaj, ein indischer Mobilitätsriese.

„Die Quote soll sowohl durch die Bajaj als auch durch einen noch nicht namhaft gemachten Investor finanziert werden“, so Weinhofer. Es sei beabsichtigt, „die Produktion am Standort wie im vorgesehen Umfang und Ausmaß beizubehalten. Ziel ist es, hochqualitative Produkte innerhalb der EU zu produzieren. Die Produktion soll Mitte März wieder aufgenommen werden“. Damit die Produktion schrittweise wieder hochgefahren werden könne, „werden der KTM AG aus dem erweiterten Aktionärskreis finanzielle Mittel in Höhe von 50 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Die geplante Vollauslastung der vier Produktionslinien im Einschichtbetrieb soll innerhalb von drei Monaten erreicht werden“, teilt die Pierer Mobility AG in einer Aussendung mit.

Der Kreditschutzverband von 1870 betont: „Erklärtes Ziel der KTM-Gruppe ist es, einen Investor zum Einstieg in das lebende Unternehmen zu gewinnen. Auf Eigentümerebene laufen seit mehreren Wochen intensive Gespräche – dadurch soll der Fortbestand des Unternehmens gesichert werden.“

Für die Erfüllung des nun abgesegneten Sanierungsplans sind noch einmal 600 Millionen Euro nötig. Wer der Investor sein wird, könnte erst im Laufe des nächsten Monats enthüllt werden. Gemäß Insolvenzverwalter Peter Vogl gibt es jedenfalls „strategische Investoren“ für den Motorradhersteller – wer diese sind, ist aber vorerst noch geheim. Laut „Oberösterreichischen Nachrichten“ sollen von den ursprünglich 23 Interessenten noch sieben übrig sein. „Die Schuldnerin wird für die Erfüllung der Quote für die Gläubiger mit angemeldeten Forderungen sowie nachträglich geltend gemachten Forderungen einen Betrag von rund 681,205 Millionen Euro aufbringen“, teilt der Kreditschutzverband von 1870 mit.

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KTM-CEO Gottfried Neumeister und KTM-Co-CEO Stefan Pierer vor Beginn der Tagsatzung | KTM-CEO Gottfried Neumeister und KTM-Co-CEO Stefan Pierer vor Beginn der Tagsatzung
KTM-CEO Gottfried Neumeister und KTM-Co-CEO Stefan Pierer vor Beginn der Tagsatzung|KTM-CEO Gottfried Neumeister und KTM-Co-CEO Stefan Pierer vor Beginn der Tagsatzung © APA / Fotokerschi.at/werner Kerschbaum

Zuletzt gab‘s noch einige Fragezeichen

Diese Zustimmung zum Sanierungsplan, der den Gläubigern ja eine 30-prozentige Barquote – die bis spätestens Ende Mai bezahlt werden soll – zusichert, während eine Zerschlagung laut Gutachten nur 14,9 Prozent bringen würde, galt lange als sehr wahrscheinlich. Insbesondere kritische Banken – die Bankverbindlichkeiten betragen satte 1,3 Milliarden Euro – hatten zuletzt aber noch für Fragezeichen und damit Verhandlungen bis zur letzten Minute gesorgt. Sollten Nachforderungen gestellt werden, so war zu vernehmen, würden andere Gläubigergruppen wohl nicht mitziehen. Auch der Umstand, dass es noch keine offiziellen Informationen zum nötigen KTM-Investor gibt, sorgte bei einigen Gläubigern in den vergangenen Tagen für Unverständnis. Auch am Dienstag gilt laut AKV-Information: „Der Name des finanzierenden Investors ist weiterhin unbekannt.“

„Wirtschaftlich sinnvoll“

„Aus Gläubigersicht sind ein Investoreneinstieg und die Fortführung des Unternehmens wirtschaftlich sinnvoll. Bei einer insolvenzgerichtlichen Schließung und Zerschlagung des Unternehmens würden die Gläubiger eine Verteilungsquote von knapp unter 15 Prozent erhalten“, resümiert Karl-Heinz Götze vom KSV1870 und ergänzt: „Bei einer Schließung würden bedeutend mehr Arbeitsplätze verloren gehen, was in weiterer Folge für die gesamte Region massive negative Auswirkungen hätte.“

Chronologie

Vor einem Jahr war in Mattighofen beim Motorradkonzern KTM noch alles „Ready to Race“. Die Konzernmutter Pierer Mobility - vormals KTM Industries - verkündete einen voraussichtlichen Rekordumsatz und -absatz 2024. Für 300 Mitarbeiter kam die Nachricht allerdings zu spät, sie wurden bereits im Dezember 2023 zur Kündigung angemeldet.

Kurz darauf kam, weit weg vom 7.600 Einwohner zählenden Heimatort in Oberösterreich, der nächste Dämpfer: Seriensieger KTM musste sich bei der Wüstenrallye Dakar nur mit dem vierten Platz zufriedengeben.

Wenige Tage später kamen die nächsten schlechten Meldungen aus dem Konzern. In der Jahresbilanz zeigte das operative Ergebnis (EBIT) deutliche Tendenz nach unten. Die Kennzahl lag 2023 bei 160 Mio. Euro und damit um 32 Prozent unter dem Vorjahreswert. Trotz guter Nachfrage und deutlich höherer Zinsen seien die Kosten für Lagerbestände deutlich nach oben gegangen, daher habe Konzernchef Stefan Pierer seinen Händlern verlängerte Zahlungsziele und höhere Rabatte gewähren müssen, hieß es damals. Es folgte eine Dividendenkürzung von 2 auf 0,50 Euro je Aktie.

Doch das Unternehmen blieb am Gas und gab Mitte März 2024 die Übernahme der Mehrheit des italienischen Motorradbauers MV Agusta bekannt. Bereits seit Herbst 2022 hatte man eine Minderheitsbeteiligung gehalten. Unmittelbar darauf gab KTM bekannt, dass man 120 Forschungsjobs abbaut - zusätzlich zu den 300 Jobs, die bereits Ende 2023 zur Kündigung beim AMS angemeldet worden waren.

Die Pierer Industrie AG als Dachgesellschaft des Imperiums von Stefan Pierer (Pankl Racing, KTM, Husqvarna, GasGas u. a. .) kam aber auch anderweitig in die Schlagzeilen. Im Frühjahr 2024 wurde bekannt, dass Pierer laut Recherchen von „‘Der Standard“ und ORF rund um eine Lebensversicherung in Liechtenstein Millionen Euro an Steuern nachzahlen musste.

Im Juni werden dann die Wolken über Mattighofen immer dichter: Die Pierer Mobility gibt eine Umsatz- und Gewinnwarnung heraus. Man rechne für 2024 mit einem Umsatzrückgang um 10 bis 15 Prozent. Trotzdem wirde kurz darauf bekannt, dass Pierer, Mark Mateschitz sowie der Raiffeisenlandesbank Oberösterreich (RLB OÖ) über eine Kapitalerhöhung beim Feuerwehrausrüster Rosenbauer einsteigen.

Im August wird der Abbau von 200 weiteren Jobs bekannt gegeben, mit Anfang September bekommt die Pierer Mobility AG und KTM AG mit Gottfried Neumeister einen Co-CEO neben Stefan Pierer.

Am 13. November 2024 kommt es dann richtig dick für den Motorradhersteller. KTM braucht eine Finanzierung in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages. Ziel sei es, durch eine signifikante Reduktion der Produktionsmengen die Lagerbestände auf Ebene der KTM wie auch auf Händlerebene auf ein wirtschaftlich nachhaltiges Niveau abzubauen. Es drohe 1.000 der rund 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter womöglich eine temporäre Kündigung.

Ende November des Vorjahres wird ein europäisches Restrukturierungsverfahren nach der Restrukturierungsordnung (ReO) eingeleitet. Das in Österreich erstmals angemeldete Verfahren ist laut Unternehmensangaben „notwendig“, um Finanzierungen in Höhe von rund 250 Millionen Euro „in voller Höhe zurückführen zu können“.

Am 29. November folgt dann der Hammer: Die KTM AG bringt beim Landesgericht Ried im Innkreis einen Insolvenzantrag ein. Er umfasst auch die Töchter KTM Components GmbH sowie KTM F&E GmbH. Von drei Insolvenzen sind insgesamt 3.623 Dienstnehmer betroffen, die Gesamtverbindlichkeiten werden auf rund 2,9 Mrd. Euro bei 2.500 Gläubigern geschätzt, erklärte der AKV. Die Insolvenzgläubiger sollen eine Quote von 30 Prozent erhalten. Sanierungsverwalter Peter Vogl geht von der Fortführung des Unternehmens aus und Firmenchef Pierer zieht sich als Präsident der Industriellenvereinigung (IV) Oberösterreich zurück.

Zu all den schlechten Nachrichten wird bekannt, dass die insolvente KTM AG und ihre ebenfalls zahlungsunfähigen Töchter KTM Components und KTM Forschung & Entwicklung dem Finanzamt 18,6 Mio. Euro und der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) 15,1 Mio. Euro schulden.

Kurz vor Weihnachten 2024 beschließt das Landesgericht Ried nach der Berichtstagsatzung die Fortführung der insolventen KTM AG. Die Eigenverwaltung im Sanierungsverfahren bleibt erhalten. Der erwartete Gläubiger-Andrang am Landesgericht bleibt aus. Nach den Weihnachtsfeiertagen werden auch die Dezember-Löhne überwiesen. Novemberlöhne und -gehälter sowie das Weihnachtsgeld werden über den Insolvenzentgeltfonds abgewickelt.

Das neue Jahr 2025 beginnt dann mit einem Rücktritt, bzw. mit einem Tritt zur Seite. Stefan Pierer gibt den Vorstandsvorsitz beim Mutterkonzern Pierer Mobility und der KTM AG ab. Zum CEO wird der im Konzern bereits leitend als Vorstand tätige Gottfried Neumeister. Pierer bleibe Co-CEO, er wolle den „Sanierungsprozess begleiten“, so der Konzern damals.

Am 27. Jänner gibt es dann gute Nachrichten für den Motorradbauer und die ganze Region: Die Aktionäre der Pierer Mobility stimmen in einer außerordentlichen Hauptversammlung für eine Kapitalerhöhung. Die Investorensuche zur Rettung des Traditionsbetriebes dauert aber an.

Am 20. Februar wird dann der Restrukturierungsplan der Pierer Mobility angenommen. Der Plan sieht vor, dass 68,69 Prozent der Finanzierungen bis Ende 2026 und der Rest bis 2027 getilgt werden, zuzüglich vereinbarter Zinsen.

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