"Es verstehen sich alle Nachbarn gut, aber die eine Nachbarin verleidet uns allen ein ungestörtes Zusammenleben", erzählt eine Frau aus dem Bezirk Leoben. Sie lebt in einer Siedlung mit einigen Mehrfamilienhäusern. "Die eine Nachbarin glaubt, dass alle nach ihrer Pfeife tanzen. Wir werden beschimpft, blöd angeredet, und es wird uns unterstellt, dass wir über sie reden", erzählt sie.

Und ein weiterer Nachbar fügt hinzu: "Das ist ja kein Leben, wenn man keine Ruhe mehr hat und selbst Gespräche mit anderen von ihr unterbrochen werden, weil sie glaubt, dass über sie geredet wird", meint er verärgert. In jüngster Zeit habe die Dame aber "mehr Ruhe gegeben. Wahrscheinlich, weil die Wohnbaugenossenschaft schon eingeschaltet ist", erzählt die Nachbarin weiter. Und die Genossenschaft bestätigt den Konflikt, der mittlerweile gerichtsanhängig ist. "Die Mieter haben uns um Hilfe gebeten. Zum laufenden Verfahren dürfen wir naturgemäß nichts sagen, nur so viel, dass die Mietervereinigung an unserer Seite ist", wird von einem Verantwortlichen der Wohnbaugenossenschaft bestätigt.

Mietervereinigung rät zu Gesprächen, um zu deeskalieren

Für Christian Lechner, Vorsitzender der Mietervereinigung Steiermark und Vizepräsident der Mietervereinigung Österreichs, stehen Nachbarschaftsstreitigkeiten zwar auf der Tagesordnung, er meint aber gleich: "Puhh, das sind ganz schwierige Angelegenheiten, weil die Causa per se so nicht im Mietrechtsgesetz stattfindet. Wenn alles eskaliert und sich eine Mieterin oder ein Mieter wirklich ungebührlich gegenüber den Nachbarn verhält, dann gibt es den Paragrafen 30 im Mietrechtsgesetz, wo eine 'Kündigung wegen unleidlichen Verhaltens' reguliert ist", erklärt Lechner. Er fügt hinzu, dass aber im Vorfeld schon einiges passiert sein müsse, ehe es so weit komme.

Christian Lechner, Vorsitzender der Mietervereinigung Steiermark und Vizepräsident der Mietervereinigung Österreichs
© Mietervereinigung

Er rät, wenn solche Probleme mit Nachbarn auftreten, erst einmal das Gespräch zu suchen. Helfe das nicht, solle man den Vermieter oder die Hausverwaltung informieren. "Geht es um Unstimmigkeiten zwischen zwei Parteien, ist es schwierig, fühlen sich mehrere Parteien von Nachbarn belästigt oder gestört, wird es leichter, eine Entscheidung herbeizuführen", so Lechner.

Toleranzschwelle durch Pandemie gesunken

Die pandemiebedingten Lockdowns hätten zu einer Verschärfung beigetragen, denn "die Menschen waren zu Zeiten daheim, in denen sie normalerweise bei der Arbeit waren. Deshalb nahmen sie nachbarschaftliches Tun anderes wahr. Außerdem war in vielen Familien das Leben durch das ständige Beisammensein mit schulischen und arbeitstechnischen Dingen ohnehin schon angespannt. Da ist die Toleranzschwelle ohnehin sehr gesunken", versucht Lechner, Gründe für nachbarschaftliche Eskalationen zu benennen.