LeobenErika Augustin: Eine Zeitzeugin erinnert sich an den "Anschluss" 1938

Die Leobenerin Erika Augustin, ausgezeichnet für ihre interkulturellen Projekte, erinnert sich an die Tage um den „Anschluss“ 1938.

Erika Augustin war zur Zeit des Anschlusses fast acht Jahre alt © Andreas Schöberl-Negishi
 

Als Österreich am 12. März 1938 von der Landkarte verschwunden ist, war die Leobenerin Erika Augustin gerade einmal acht Jahre alt und wohnte mit ihren Eltern in Donawitz. Und dennoch kann sie sich noch heute an diesen denkwürdigen Tag erinnern: Sie spricht von einem Markstein der Erinnerung: „Es war eine Massenhysterie. Am Fußballplatz in Donawitz hat es eine Kundgebung gegeben, und auch wir Volksschüler mussten aufmarschieren.“ An Reden kann sich Augustin nicht mehr erinnern, doch etwas hat sie noch ganz genau im Ohr: Das sogenannte Niederländische Dankgebet. Ein Dankeschön für den „Anschluss“ Österreichs, das mit folgenden Worten begonnen hat: „Wir treten zum Beten vor Gott, den Gerechten“. Singen könne sie es nicht mehr, aber die Melodie habe sie heute noch im Ohr. Und vor ihren Augen sieht sie viele, viele Menschen in Uniform. Noch heute stellt sie sich die Frage, woher die Uniformen so schnell gekommen seien.

Armut

Aufgewachsen sei sie gut behütet in Donawitz, in der Vordernbergerstraße. Ihr Vater war Ingenieur in der Alpine Montangesellschaft, und als solcher sei er immer wieder mit der Armut der Menschen konfrontiert gewesen. „Mein Vater war nie arbeitslos, aber es gab damals sehr viele Leute, die keine Arbeit hatten. Mein Vater wurde täglich um Hilfe gebeten. Schräg gegenüber von unserem Wohnhaus war das sogenannte Pinkhaus. Da haben fast nur Familien gewohnt, bei denen die Väter arbeitslos waren, und die Familien bitterste Not gelitten haben“, erinnert sich Augustin. Die heute 88-Jährige ist sich auch sicher, dass die hohe Arbeitslosigkeit ein Hauptgrund gewesen sei, warum man in den „Anschluss“ auch in Leoben und Donawitz Hoffnungen gesetzt hat. „Auch meine Eltern haben sich damals viel erwartet, weil mein Vater hat Briefe von einem deutschen Kollegen bekommen, in denen er von einem großen Aufschwung in Deutschland berichtet hat. Meine Eltern, Verwandten und Bekannten – alle haben sich Besserungen für Donawitz erwartet.“

Besuch

Als dann bekannt geworden sei, dass Adolf Hitler am dritten April auf der Durchreise mit dem Zug am Bahnhof Leoben halten wird, gab es für viele kein Halten mehr. „Die Menschen sind zum Bahnhof gepilgert. Auch ich war dabei. Man hat damals die Kinder in Richtung Hitlers Zugfenster gehalten. Jedes Kind war stolz, einen Händedruck von Hitler erhalten zu haben. Ich wurde auch hochgehalten, aber einen Händedruck gab es für mich nicht.“
Anfänglich habe es auch den erhofften Aufschwung gegeben, was allerdings dahinter gestanden sei, habe sich erst später herauskristallisiert. „Der Bruder meines Vaters ist nach Deutschland gegangen und hat uns über Hintergründe informiert. In Österreich waren wir da lange viel naiver.“ Und weiter: „Wir als Kinder haben nichts Tragisches gesehen. Für uns hat sich nicht so viel verändert. Wir haben uns nur gewundert, dass unsere Volksschuldirektorin von einem Tag auf den anderen weg war. Warum, ist uns nie zu Ohren gekommen. Später dann, als es Fliegeralarm gegeben hat, und wir in die Keller mussten, war das für uns ein Abenteuer. Wir haben uns nie bedroht gefühlt. Es war alles Teil unseres Lebens. Meine Eltern haben das allerdings alles ganz anders gesehen. Sie hatten große Angst vor der Zukunft.“

Sensibilisierung

Mit der heutigen Kenntnis der damaligen Zeit mache ihr Angst, dass man sogar in einer Demokratie Menschen manipulieren könne. „Der zunehmende Nationalismus und Patriotismus ist beängstigend“, so Augustin. Daher spreche sie viel mit ihren Enkeln über diese Zeit und die Vorkommnisse danach, um sie für diese Themen zu sensibilisieren.

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