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Bürgerinitiative kritisiert Abrisswut und 08/15-Bauten in Graz

Graz verliert durch den Bauboom seine Identität, warnen Erika Thümmel und ihre Mitstreiter. Was sich beim Altstadtschutz ändern sollte.

© (c) APA/HARALD SCHNEIDER (HARALD SCHNEIDER)
 

Frau Thümmel, Sie melden sich mit der „Initiative für ein unverwechselbares Graz“ immer wieder kritisch zu Wort, wenn alte Bauwerke in Graz abgerissen werden. Finden Sie, dass Graz zu sorglos mit alter Bausubstanz umgeht?

Erika Thümmel: Ja. Es ist ja ein Qualitätsmerkmal von Graz, und von europäischen Städten überhaupt, dass sie alte Bausubstanz haben. Das macht sie einzigartig. Seit der Wirtschaftskrise 2009 hat sich das Antlitz der Stadt jedoch sehr stark verändert.

Was ist 2009 passiert?

Seit diesem Zeitpunkt wird vermehrt Geld nicht mehr in Aktien oder Anleihen angelegt, sondern in Immobilien. Man investiert in Betongold. Um Anlegerwohnungen zu bauen, wurden so viele Gebäude abgerissen wie seit der Gründerzeit nicht mehr.

Sie befürchten, dass die Stadt dadurch ihre Identität verliert. Wo wird das besonders deutlich?

Das betrifft eigentlich alle Vorstädte. Gries und Lend, aber auch weiter außen liegende, früher nicht zu Graz gehörende Gemeinden, Baierdorf, Algersdorf, Eggenberg, Gösting oder St. Peter etwa.

Ein Viertel, wo es immer wieder Unmut über den Abriss von alten Gebäuden und darauffolgende Neubauprojekte gibt, ist der Ruckerlberg. Wie sehen Sie die Situation dort?

Sehr dramatisch. Das ist ein wunderbares Villenviertel mit viel Grünraum gewesen. Da fällt eine Villa nach der anderen, das Grundstück wird oft bis zur Gehsteigkante ausgebaggert, es werden die Bäume nicht erhalten und es wird dicht gebaut, das entwertet das Viertel.

Nun gibt es Städte, die mit moderner Architektur punkten. Auch das Grazer Kunsthaus ist zu einem neuen Wahrzeichen der Stadt geworden.

Ich liebe moderne Architektur. Das Grazer Kunsthaus nimmt zum Beispiel wunderbar die Form des Grundstücks an und schmiegt sich da geradezu hinein. Und es gibt in Graz gute Architekten. Das, was jetzt gebaut wird, ist aber zu einem großen Prozentsatz 08/15, billig, nicht interessant, es passen die Proportionen nicht. Laubengänge zum Beispiel haben doch keine gestalterische Qualität!

Der Bau von Laubengängen wird im Räumlichen Leitbild stark eingeschränkt. Dazu gibt es noch den Flächenwidmungsplan, das Stadtentwicklungskonzept. Sind das unzureichende Werkzeuge?

Da stehen Dinge drin, die man nur unterschreiben kann. Vieles ist aber nicht präzise genug. Wir kritisieren zum Beispiel, dass beim Grünraum der Grad der erlaubten Versiegelung nicht verbindlich festgelegt wurde. Und man müsste die Anrainerrechte stärken.

Was könnte sich Graz beim Altstadtschutz von anderen Städten abschauen?

Eine Stadt muss sich weiterentwickeln, das ist klar. Nicht jedes Gebäude ist erhaltenswert. Aber es gibt Städte, die ihre Altstädte besser schützen. Die Altstadtsachverständigenkommission kann in Graz außerhalb der Schutzzonen nicht mitreden und es stehen viel weniger Gebäude, als man denkt, unter Denkmalschutz. Man könnte alle Häuser, die vor 1930 errichtet wurden, automatisch unter Schutz stellen und dann über Ausnahmen diskutieren, nicht umgekehrt. Barcelona macht das, Wien seit Kurzem ebenso.

Zur Person

Erika Thümmel ist Restauratorin, Künstlerin, Ausstellungsgestalterin und Lehrende an der FH Joanneum in Graz. Sie ist bei der Bürgerinitiative „Unverwechselbares Graz“ aktiv. Außerdem ist sie Obfrau des Vereins Jakominiviertel.

Kommentare (1)

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der alte M.
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Nicht nur

am Ruckerlberg, auch am Rosenberg werden alte Villen abgerissen, um Platz für riesige Betonklötze mit überteuerten Wohnungen zu schaffen.

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