Berlin testet esBraucht Graz Tempo 30 auch auf Vorrangstraßen?

Berlin startet einen großen Testlauf, Leipzig entschleunigt den Autoverkehr schon seit 2014. Jetzt plädieren Grazer Fachleute für Tempo 30 im Hauptverkehr.

Derzeit gilt Tempo 30 in Graz nur auf Nebenstraßen © Juergen Fuchs
 

Es war 1992, als Graz als Pionierstadt Aufmerksamkeit erregte. Als erste europäische Stadt überhaupt wurde Tempo 30 in allen Nebenstraßen verordnet. Ein Vorstoß, der damals heftig umstritten war, den jetzt aber praktisch niemand mehr rückgängig machen will.

Heute sind es andere Städte, die den nächsten Schritt setzen. Berlin etwa. In der deutschen Hauptstadt wird Tempo 30 auf Hauptstraßen getestet. Fünf stark befahrene Straßen wurden für einen einjährigen Pilotversuch ausgewählt. Auch in Leipzig gilt auf manchen Hauptstraßen Tempo 30, und das schon seit 2014.

Macht so etwas in der Tempo-30-Pionierstadt Graz auch Sinn? Ja, sagen einhellig drei Fachleute. Allerdings mit Einschränkungen. Die Argumente, die dafür sprechen: weniger Lärm, weniger Schadstoffe, bessere Lebensqualität, mehr Platz für Fußgänger und Radfahrer. Die Gegenargumente: längere Reisezeit und möglicherweise sogar mehr Schadstoffe.

In der Plüddemanngasse könnte man Tempo 30 zumindest versuchen.

Martin Fellendorf, Institut für Straße und Verkehrswesen

„Pauschale Aussagen sind hier schwierig. Man muss man sich jede Straße einzeln anschauen“, findet Martin Fellendorf, Leiter des Instituts für Straßen und Verkehrswesen an der TU Graz. Er holt eine Studie aus Berlin der Schublade. Dort hat man bereits 2014 eine Hauptstraße als 30er-Zone geführt. Die Ergebnisse: Lärmbelastung hat stark abgenommen, Unfallzahlen haben sich verbessert, die Reisegeschwindigkeit hat sich kaum verlängert, weil der Verkehr flüssiger wurde, die Schadstoffbelastung ist gleich geblieben.

Die Kernfrage für Fellendorf lautet: „In welchem Abstand sind die Ampeln in einer Straße?“ Aus Verkehrssicht macht ein 30er Sinn, wenn in der bestehenden Straße Stop-and-go vorherrscht. Dann kann Tempo 30 zu einer Verflüssigung führen, so Fellendorf. Für Graz nennt er „die Plüddemanngasse. Dort könnte man es zumindest versuchen.“ In der Kärntner oder Wiener Straße würde „ich aber nicht darüber nachdenken“, so Fellendorf.

Es braucht eine Umkehr im Denken: Tempo 30 sollte Standard sein. Dann überlege ich, wo Tempo 50 sein muss.

Aglaee Degros

Aglaee Degros geht es offensiver an. Die Leiterin des Instituts für Städtebau an der TU Graz plädiert für eine „Umkehr im Denken: Tempo 30 sollte Standard sein, dann überlege ich, wo Tempo 50 sein muss.“ Für sie wäre der 30er „eine sehr einfache und billige Maßnahme für mehr Lebensqualität“. Was mit der Maßnahme einhergehen müsste: Die Priorität im Verkehr auf die „aktive Mobilität“ zu legen, also auf Fußgänger und Radfahrer.

Das unterstreicht auch Sanela Pansinger von Joanneum Research, Urban Life. Tempo 30 erlaube „viel mehr soziale Kontakte, die Straßen werden lebendiger, weil Fußgänger und Radfahrer mehr Sicherheit und Platz hätten“. Natürlich sei nicht jede Straße für die Entschleunigung geeignet, aber wohl die meisten, so Pansinger, die betont: „Nur Tempo 30 zu verordnen, wäre zu wenig. Man muss dann auch den Straßenraum neu gestalten.“

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Danke für Ihr Verständnis.

LaoQui
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Ampeln lassen sich besser koordinieren,

wenn die Höchstgeschwindgkeit geringer ist, sagen die Experten. Das würde einem harmonischeren Verkehrsfluss zugute kommen. Man kann aber natürlich auch alles lassen, wie es ist. Dann steht irgendwann der Kzf-Verkehr still und - oh Schreck - man geht wieder mehr zu Fuß, fährt Rad oder kauft gar eine Öffi-Jahreskarte. Es kann aber auch sein, dass man als Pendler nicht mehr allein im Auto sitzen kann. Plan B: Es kommt eh das selbst fahrende Auto, das springt dann einfach nicht mehr an, wenn der Stau zu groß ist ....
Große Ideen haben sich schon immer dadurch angekündigt, dass die Mehrheit den Sinn nicht gleich erkannte.

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Reipsi
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Ich würde sagen , unbedingt

damit die Luft in Graz noch besser wird , denn jeder Weg dauert dann länger , aber wenn man in die Kärntnerstrasse oder St Peter schaut dort ist meistens soweiso 10-20 angesagt.

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eadepföbehm
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Warum dauert dann bei einer 30 kmh Beschränkung ein Weg länger

Wenn so wie du schreibst sowieso 10-20 kmh "angesagt" sind?

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selbstdenkerX
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Dann lieber doch gleich Schrittgeschwindigkeit

in ganz Graz. Ausgenommen Pferdekutschen.
Vielleicht schafft es Graz noch ins Guiness-Buch der Rekorde.

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livius
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Unbedingt

Tempo 30 wäre ein Hit. Des Weiteren sollte ganz Graz parkplatzmäßig eine "Grüne Zone" werden. Für den Öffentlichen Verkehr sollte es eigene Busspuren auf Stelzenfahrbahnen geben. Und es sollte von der Exekutive kontrolliert werden, ob die RadfahrerInnen beim Überholen den gesetzlich vorgeschriebenen Seitenabstand einhalten. Zusätzlich wäre im Winter bei den RadfahrerInnen die Winterreifenpflicht zu kontrollieren. Weiters sollte es auch in den Randbezirken nur noch Einbahnstraßen geben. Vor allem gehören viel mehr Linksabbiegeverbote her.

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LaoQui
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Tempodrosselung: ja!

Zum "Räumlichen Leitbild" der Stadtplanung sind bis 26.4.2018 Einwendungen möglich. Beim Bereichstypus "Straßenrandbebauung" soll eine stringente straßenbegrenzende Bebauung den Straßenlärm und seine Emissionen gegen die Wohnviertel a b r i e g e l n. Dazu sollen auch Mindest-Geschoßanzahlen vorgeschrieben werden, z. B. 3 G. Dabei herrscht aber in den Einfallstraßen oft eine historisch gewachsene, aufgelockerte Bebauung vor (Mariatroster Straße, St.-Peter-Hauptstraße, Waltendorfer Hauptstraße usw.). Enge Häuserschlucht würden den Verkehrslärm nur verstärken und dann fokussiert durch die Lücken in die Umgebung schicken; sie zerstören auch das gewachsene Stadtbild! In werde wieder dagegen einwenden, dass nur Neugestaltungen der Straßenquerschnitte (Baumreihen, Grünstreifen) und verkehrslenkende Maßnahmen echte Abhilfe versprechen, wie eben z. B. Geschwindigkeitsbeschränkungen. Auf zweispurigen Einfallsstraßen könnte mir aber auch Tempo 40 vorstellen.

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calcit
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Auf vielen Vorrangstrassen gehts eh jetzt schon...

...nicht schneller voran aufgrund der permanenten Verkehrsüberlastungen.

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eadepföbehm
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So gesehen regelt sich das von selbst.

Als Radfahrer muss ich aber leider immer wieder miterleben, dass hirnamputierte KFZ- Lenker trotz roter Ampel in Sichtweite aufs Gas steigen und bei Gegenverkehr bzw. besetzter zweiter Fahrspur glauben unbedingt Radfahrer überholen zu müssen, die in Summe gesehen schneller unterwegs sind als die KFZ. Ich befürchte aber, dass für solche Menschen auch Geschwindigkeitsbeschränkungen nichts helfen würden, da hilft nur, den Führerschein wegzunehmen.

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altbayer
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Rote Ampeln

Ich fahre auch gerne mit den Bike in Graz, aber ich halte mich an die Verkehrsregeln (auch zur meiner Sicherheit).

Aber gerade rote Ampeln sind gerade für Radfahrer kein Hindernis - da wird kurz geschaut und schon geht es quer (ohne Regel) über die Kreuzung oder über den Zebrastreifen in die Quergasse.
Ich liebe vor allem Radfahrer, die trotz vorhandenen (parallel zur Hauptfahrbahn laufenden) Radweg auf der Straße fahren.
Als Autofahrer muss man oft für Radfahrer mitdenken - erst gestern wieder erlebt.
Ein anderes Thema: E-Bikes oft sieht man mit der Geschwindigkeit stark überforderte Fahrer .
- am Freitag gesehen: E-Bike mit "Kinderanhänger" und eine komplett schnell und unsicher fahrende, ängstlich blickende Dame im Sattel .....

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eadepföbehm
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Was hat denn deine Antwort auf meinen Kommentar mit dem Inhalt desselben zu tun.

oder überhaupt mit dem ganzen Artikel über Tempo 30?
Ich lehne mich hier einmal weit hinaus und behaupte - überhaupt nichts.
Wenn du dich darüber ärgerst, dass Radfahrer in der Stadt schneller unterwegs sind als du mit dem Auto, solltest du lieber auf das Rad umsteigen anstatt unreflektiert einfach nur dein Geseiere über die ach so pösen Radler loszulassen.

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gerbur
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Privatautos aus der Stadt verdrängen!!

Mehr Verkehrsflächen für den öffentlichen Verkehr, Fußgänger und Radfahrer! Tempo 30 bewirkt das Gegenteil, weil es den Verkehr tatsächlich flüssiger machen wird, das lockt dann nur noch mehr Autofahrer in die Stadt. Besser wäre es den Autoverkehr durch Staus lahmzulegen und gleichzeitig auf den Staustrecken Alternativen wie Bus, Tram, Rad freie Fahrt zu geben. Erst dann dürfte so manchem Autofahrer ein Licht aufgehen und die Stadt für alle lebenswerter werden.

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walter1955
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macht doch

in ganz Graz fussgängerzone
die Geschäftsleute werden sich bedanken,aber nicht in Graz,sondern in seiersberg

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gerbur
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@walter1955

Untersuchungen sagen das Gegenteil, je verkehrsberuhigter, umso mehr Umsatz! Überall in Städten mit Fußgängerzonen brummt das Geschäft, ist in Graz nicht anders.

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Steirer79
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Und wie

soll das mit den ach so tollen Straßenbahnen gehn?

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