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20 Jahre IKUIntegrationsbotschafter Ohenhen: "Es reizt mich, bei einer Wahl anzutreten!"

Seit 20 Jahren setzt er sich in der Steiermark mit dem Projekt IKU beim Verein ISOP breit lächelnd für das Zusammenleben der Kulturen ein. Jetzt will er als Mensch mit Migrationshintergrund auch aktiv in der Politik mitmischen.

Wer hat an der Uhr gedreht? Fred Ohenhen feiert 20 Jahre IKU, sein Projekt als Botschafter für Integration beim Verein ISOP.
Wer hat an der Uhr gedreht? Fred Ohenhen feiert 20 Jahre IKU, sein Projekt als Botschafter für Integration beim Verein ISOP. © Kleine Zeitung/Eder
 

Als Sie 1989 aus Nigeria nach Österreich gekommen sind, was war Ihr erster Kulturschock?
FRED OHENHEN: Ich habe in Wien am Bahnhof ein altes Ehepaar mit Koffern gesehen und dachte, denen muss ich beim Schleppen helfen. Aber die haben mich nur angeschrien. Das war ein echter Schock. Im Nachhinein weiß ich, die hatten wohl nur Angst und Vorurteile.

Angst vor dem „Neger“?
Ja, das Wort Neger war gang und gäbe und hatte etwas Bösartiges. Auch wenn Menschen mir erklärten: „Wir sind halt damit aufgewachsen.“

Warum haben Sie Nigeria verlassen?
Ich war als Student auf einer Demo und sollte zur Polizei. Ich fürchtete politische Verfolgung – das Militär war an der Macht – und wollte zu meinem Cousin in die USA, landete aber in Traiskirchen.

Wie waren die ersten Monate?
Ich war als Asylwerber in Niederösterreich untergebracht und ein Jahr zum Nichtstun verurteilt, ohne Sprachkurse, Arbeit. Ich wollte nach Amerika, aber vor allem von dort weg.

Zur Person

Fred Ohenhen (52) wuchs in Nigeria auf und wollte 1989 zu seinem Cousin in die USA ziehen, blieb aber in Österreich hängen. Verheiratet mit Ingrid Ofner-Ohenhen, gemeinsam haben sie die zwei Töchter Idia und Alice.

Seit 20 Jahren leitet Fred Ohenhen beim Verein ISOP die „Interkulturelle Bildungsarbeit“ (IKU), geht an Schulen und Kindergärten und klärt über Unterschiede und Missverständnisse zwischen Kulturen auf.

Heuer hat er den Integrationspreis aus den Händen von Außenministerin Karin Kneissl erhalten und das Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark von Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer.

Er hat auch bei einer Tagung der UNO in Wien referiert. „Die Anerkennung macht mich stolz“, kennt er aber auch die andere Seite: „Immer noch erhalte ich Beleidigungen und Drohungen.“

Wie kam es zum Job der Interkulturellen Bildungsarbeit – IKU?
Ich habe in Graz als Abwäscher gearbeitet und studiert. Den Zivildienst bei der Caritas habe ich in einem Asylheim mit Afrikanern gemacht. Auch dort hatten sie nichts zu tun. Ich sagte, wir müssen etwas tun, bin dann mit den Asylwerbern in Schulen und Kindergärten, um das Miteinander über Kulturgrenzen hinweg zu zu fördern. Damals hatten Afrikaner ja hier einen schlechten Ruf, wurden alle mit Dealern gleichgesetzt.

Polemisch gefragt, warum ist aus Ihnen kein Dealer geworden?
Ich habe die „falschen Leute“ nicht kennengelernt, auch von zu Hause in Nigeria nicht so einen Druck bekommen, Geld abzuliefern. Oft haben dort Familien ja alles in die Flucht des Sohnes gesteckt. Asylwerber, die nichts zu tun haben, diesen Druck haben, keinen Status haben, keinen Job, laufen Gefahr, als Dealer zu enden. Aber ich habe vor allem immer Menschen hier gehabt, die mir geholfen und mich gefordert haben – wie Fritz und Heidi Neuhold, die mich auch „streng“ gedrängt haben, Deutsch zu lernen. Für eine erfolgreiche Integration braucht es vor allem auch Menschen von hier, die sich öffnen und mithelfen.

Das große Jubiläumsfest

„Es ist Zeit, Danke zu sagen an die Politik von Stadt und Land, das AMS und meinen Chef Robert Reithofer von ISOP für die Unterstützung von IKU“, sagt Ohenhen, der zum 20. Geburtstag von IKU zum großen Fest einlädt.

Wann: am Freitag, dem 7. Dezember, ab 18 Uhr.
Wo: Dom im Berg in Graz
Eintritt: freiwillige Spende.
Musik: Christian Bakanic, Murad & Alice, Sound Asylum.

Viele solcher Menschen, die sich für Flüchtlinge eingesetzt haben, leiden, weil ihre Schützlinge gerade abgeschoben werden ...
Ja, es gibt auch heute noch viele Menschen, die helfen ...

... dennoch wird viel darüber diskutiert, ob nach der Flüchtlingswelle das Klima im Land kälter geworden ist. Ist es das?
Es ist nicht so wie damals, als ich hergekommen bin. Da sind Leute aufgestanden und gegangen, wenn ich in die Straßenbahn eingestiegen bin. Aber das Klima auf den Straßen wird wieder aggressiver, es hat uns um fünf bis zehn Jahre zurückgeworfen. Waren die Afrikaner damals „alle Dealer“, sind die Muslimen heute „alle Terroristen“. Ich verstehe gut, warum die Muslimen heute hier so leiden. Politik und Medien müssen klarmachen, dass man nicht wegen Hautfarbe oder Religion alle abstempeln darf. Idioten und Kriminelle gibt es überall.

Ist es für Afrikaner in der Steiermark leichter geworden?
Da ist immer noch viel zu tun. Ich habe vor drei Jahren in einem Workshop noch eine Tagesmutter getroffen, die mir die Hand nicht geben konnte, weil ich dunkelhäutig bin, und mir erklärt hat, sie könne deshalb auch kein afrikanisches Kind im Arm tragen ...

Wo sind die Grenzen Ihrer Toleranz, wo sagen Sie, hier muss und will ich mich nicht anpassen, integrieren, das ist mir in meiner Identität zu wichtig?
Also zuerst einmal: Mich stört das Wort Toleranz ...

Mich stört das Wort Toleranz, weil es ja bedeutet, etwas zu dulden. Das genügt mir nicht. Es ist wichtig zu respektieren und zu akzeptieren, aber nicht nur zu dulden.

Fred Ohenhen
Warum?
... weil es ja bedeutet, etwas zu dulden. Das genügt mir nicht. Es ist wichtig zu respektieren und zu akzeptieren, aber nicht nur zu dulden. Wo ich mich nicht angepasst habe, ist das Thema Respekt. Hier in Österreich vermisse ich den Respekt vor allem Älteren gegenüber. Ich tue mir immer noch schwer, Älteren in die Augen zu schauen – aus Respekt, das ist in Nigeria so. Hier meint man hingegen, es sei respektlos, wenn ich meinem Gegenüber nicht in die Augen schaue. Ich esse immer noch drei Mal täglich warm, wie in Nigeria, und ich werde wohl nie eine Lederhose tragen.


Immer wieder einmal haben auch Parteien um Sie gebuhlt. Ist der Schritt in die Politik denkbar?
Meine Arbeit ist ja an sich sehr politisch. Bisher war die Zeit noch nicht reif für den Schritt in die aktive Politik. Aber ja, es reizt mich jetzt schon, bei einer Wahl zu kandidieren, wenn das Angebot passt. Es ist an der Zeit, dass Menschen mit Migrationshintergrund mitreden, wie wir unsere Zukunft gestalten!

Kommentare (1)

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altbayer
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Fred Ohenhen

Ich kenne Fred Ohenhen noch von den Kindergartenbesuchen von meinen Kindern (das ist jetzt sicher 15 Jahre her). Es gibt wenige Menschen, die solch eine positive Energie rüber bringen können, wie er. Vielleicht bringt er diese Energie auch die Politik ein.
Er hat mit seinen Besuchen sehr viel beitragen, dass die heutige Jugend offener mit Mitbürgern umgeht.
Ich habe heute in Früh schon überlegt, ob ich bei "kleinen Zeitung Aktion" beim Essen mit Fred Ohenhen mitsteigern soll. Meine Kinder (und ich) würden sich sicher freuen, einen netten Abend mit ihm zu verbringen.

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