Statt des Handyalarmes weckt eine Glocke am Gang die Mönche und mich aus dem Schlaf. Es ist sechs Uhr früh im Stift Admont. Auf zum Morgengebet. Etwa 30 Minuten lang singen die Mönche in zwei Gruppen geteilt Psalmen und ihre Gebete. Zwischen den Geistlichen sitze ich und lausche. Es ist wohl das denkbar größte Kontrastprogramm zur normalen Morgenroutine eines 21-Jährigen: Neben dem Bett liegt kein Handy. Die ersten Gesichter sehe ich nicht am Bildschirm. Wie lange halte ich die mönchische Abgeschiedenheit aus, wie lange ohne digitales Leben? Vier Tage ohne Handy und Internet im Kloster sollen diese Fragen beantworten.

Gleich in den ersten Stunden fühle ich eine gewisse Freiheit. "Nicht erreichbar zu sein, ist heute Luxus", erklärt Psychologin Roswitha Wernig von der Kinderpsychologischen Praxis aus Graz. Beim Spazieren fühlt es sich anfangs an, als würde in der Hosentasche etwas fehlen. Zwischendurch kommt der Gedanke: Was verpasse ich gerade auf der Welt? Was, wenn jemand etwas von mir braucht? Der selbstverständlich gewordene Druck, den die Digitalisierung auslöst, wirkt sich bei vielen Kindern und Jugendlichen inzwischen auf die seelische Gesundheit aus: "Wir reden schon von Burnout bei Kindern, das kommt vom ständigen Getriebensein, etwa wenn Eltern Kinder bei allen möglichen Vereinen anmelden, ohne ihnen Ruhezeit zu lassen", sagt Wernig und fügt hinzu: "Das gab es schon vor der Digitalisierung, wird durch diese aber beschleunigt, weil das Vergleichen mit anderen Kindern online so leicht ist, dadurch steigt der Druck."

Abgeschiedenheit im Stift
Abgeschiedenheit im Stift
© Axmann

Mein Zimmer im Kloster ist schlicht: Ein Bett, ein sicher 100 Jahre alter Schreibtisch und eine moderne Couch mit einem kleinen Tisch. Kein Fernseher, keine Uhr, die Kirchenglocken reichen. Hier kommt man zur Ruhe. Smartphones und soziale Medien arbeiten mit einer Flut von Reizen, ein TikTok Video stimuliert die Sinne viel stärker als ein Buch. Schon am zweiten Tag spüre ich den Entzug der digitalen Reizüberflutung. Ich konzentriere mich beim Lesen immer besser, die Welt da draußen rückt in den Hintergrund, ich lebe bewusster im Moment. Einem Mönch im Stift fällt auf: "Du wirkst so tiefenentspannt." So fühlt es sich auch an. Bei Gesprächen höre ich genauer zu, fokussiere mich nur auf das Gegenüber, irgendwelche ablenkenden Mitteilungen vom Handy können nicht dazwischen kommen. Zu Mittag genieße ich sogar das Essen bewusster. Das wundert Psychologin Wernig nicht: "Achtsamkeit ist eine der besten Methoden, um wieder runterzukommen in unserer schnellen Zeit."

Sie empfiehlt: "Man muss dafür nicht meditieren, es reicht, sich auf die aktuelle Tätigkeit zu konzentrieren — egal ob auf das Geschirrabwaschen, Essen oder ein Gespräch." Ein erster Schritt dazu: "In der Früh in Ruhe einen Kaffee oder Tee trinken und nicht gleichzeitig Radio hören oder Nachrichten lesen." Sich voll auf ein Gespräch zu konzentrieren fällt manchen Kindern inzwischen schwer: "Einerseits haben viele Konzentrationsprobleme, andererseits ist die digitale Kommunikation sehr verkürzt, das Zwischenmenschliche, Nonverbale fehlt großteils, das führt zu Problemen bei sozialen Fähigkeiten."

Viele Gespräche, aber keine digitale Kommunikation in Admont
Viele Gespräche, aber keine digitale Kommunikation in Admont
© Admont/Leitner

Zwischendurch will ich etwas googeln. Es ärgert mich, dass ich das nicht kann, denke dann aber: "Muss ich das wirklich jetzt sofort wissen?" Eine andere Funktion des Handys, die mir abgeht: die Kamera. Ein Sonnenuntergang, der den Himmel über dem Gesäuse rot bis lila färbt, die beeindruckende Stiftsbibliothek in Admont, ein Mönch, der poppige Weihnachtslieder auf der Orgel spielt. Keinen dieser Momente konnte ich digital festhalten. Zu wissen, dass ich sie nur in meinem Gedächtnis behalten kann, ließ mich diese Momente aber bewusster wahrnehmen und genießen. Das Leben im Kloster ist das denkbar stärkste Gegenprogramm zur Geschwindigkeit der digitalen Gesellschaft: Aufstehen mit den Kirchenglocken um 6 Uhr. 15 Minuten später das Chorgebet der Mönche hören, frühstücken, Bücher lesen. Am Nachmittag ein Spaziergang mit den Mönchen. Das Stift Admont bietet außerdem einen eigenen "Stillen Raum": ein kleines Zimmer, der ganze Boden ein Teppich, außer einem Kreuz, einer Bibel und einer großen Kerze ist nicht viel darin zu finden.

War am Ende alles für nichts?

Am Abreisetag schalte ich das Handy mit gemischten Gefühlen ein: Einerseits will ich die tiefe Entspannung nicht verlieren, gleichzeitig habe ich wieder Lust auf all die digitalen Reize: Was ist draußen passiert? Ich lese die Nachrichten und scrolle durch diverse Apps, von Moment zu Moment immer unbewusster. Schnell kommt eine gewisse Unruhe zurück. Ich lege das Handy wieder weg. Auf den Bus nach Hause warte ich, ohne mich digital abzulenken. In den ersten Stunden prallen SMS und Nachrichten noch ziemlich an mir ab. Expertin Roswitha Wernig rät: "Sich selbst bestimmte Zeiten ohne Handynutzung und Erreichbarkeit zu setzen, kann befreiend sein. Muss ich wirklich 30 Sekunden nach dem Aufwachen wissen, wer mir geschrieben hat?"

Man könne die digitalen Geräte auch bewusster nutzen: "Ein Zeitfenster für E-Mails, eines für die Nachrichten, eines für Telefonate — das kann helfen, die Kontrolle über den eigenen Tag zurückzubekommen." Nach ein paar Tagen ist mein Alltag wieder eher wie vor den Entzugstagen.

Alles für nichts? Nein, denn das radikale Gegenteil zu unserer schnellen, digitalisierten Zeit zu erleben, eröffnet Perspektiven: Worauf kann ich verzichten? Für immer werde ich das Handy nicht weglegen, aber ein paar völlig digitalfreie Tage kann ich jedem empfehlen.

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