Soziologie und ComputerWie man mit vernetzten Gesellschaften experimentieren kann

Soziologen haben mit sozialen Netzen ganz neue Möglichkeiten erhalten, Thesen zu überprüfen. Daniel Garcia erforscht an der TU Graz damit, wie sich der emotionale Zustand von Gesellschaften ändert.

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Soziologen nützen nun Soziale Netze, um Thesen zu überprüfen © KK
 

Wie verhalten sich Menschen? Was beeinflusst ihr Verhalten? Wonach richten sich Meinungen? Wie verhalten sich Kollektive von Personen? Es sind Fragen wie diese, die Soziologen seit jeher beschäftigen. Doch bisher konnte man nur Thesen aufstellen. Eine experimentelle Überprüfung war kaum möglich. Höchstens mit sehr speziellen Gruppen, etwa Studenten, die unter sich Umfragen machten.

Mittlerweile ist das anders, erklärt David Garcia. Er beschäftigt sich an der Technischen Universität Graz mit „Computational Social Sciences“. Es geht dabei darum, die Interaktionen, die heute zwischen Menschen mithilfe des Computers ablaufen, zu registrieren, auszuwerten und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen.

„Bisher war man auf Umfragen und einzelne Studien beschränkt“, sagt Garcia, der am Institut für Interaktive Systeme und Datenwissenschaften tätig ist. „Jetzt kann man aber Tweets von Twitter auswerten oder Kommentare in Online-Portalen oder -Zeitungen.“

Daniel Garcia baut neues Studienangebot auf, das an der TU Graz und der Uni Graz stattfindet Foto © KK

Damit können die Wissenschaftler in Bereiche vordringen, die bisher praktisch unerforscht waren. So wurden zum Beispiel Reaktionen in den sozialen Netzen nach dem Wiener Terroranschlag im November 2020 untersucht. „Nach einem so schrecklichen Ereignis ist nicht die Zeit, um Umfragen zu machen. Aber das würde man für die Forschung brauchen. Also haben wir untersucht, wie Menschen online über Twitter kommuniziert haben und ob wir diese Erkenntnisse auf die Gesamtbevölkerung umlegen können. Und ja, wir haben gute Ergebnisse erzielt.“ So konnte man belegen, wie durch kollektive Emotionen Gesellschaften in sich stabilisiert werden.

Bei all diesen Arbeiten wird darauf geachtet, die Privatsphäre zu schützen. „Wir machen nichts ohne Einverständnis“, so Garcia, die Forscher arbeiten mit öffentlich zugänglichen Daten. Oder man befasst sich mit den Verbindungen der Netz-Teilnehmer untereinander und damit, wie sich diese verändern. Garcia konnte hier Techniken etwa zum Thema Polarisierung in der Politik verwenden.

Aber es geht auch umgekehrt. Garcia untersucht mit Methoden der Soziologie, wie sich künstliche Intelligenz „verhält“, wie sie das Verhalten von Nutzern „lernt“ und daraus „Schlüsse zieht“. Immer stärker wirken ja solche Algorithmen im Hintergrund, etwa bei verschiedenen Tracking-Apps oder Tools wie Alexa.

Eine unglaubliche Fundgrube hat sich hier aufgetan, und dem soll auch der neue Masterstudiengang Computational Social Systems nachgehen, der ab Herbst als gemeinsames Angebot von TU Graz und Uni Graz stattfindet.

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