Was ist jetzt zu tun?Klimaforscher: "Wir alle brauchen Verstand, Mut und Herz"

Dass die jetzigen extremen Wetterphänomene mit dem Klimawandel zu tun haben, ist durch wissenschaftliche Daten deutlich belegt. Auch wie er eingebremst werden kann, ist für die Forscher klar. Professionelles Leugnen aus Profitgier müsse entlarvt werden.

Kann uns die Klimaforschung noch helfen? Diese Frage beantwortet Klimaforscher Gottfried Kirchengast © maxmitzu - stock.adobe.com
 

In unseren Büros im Wegener Center in Graz konnten wir in den letzten Tagen vor Sonnenaufgang immer gut querlüften. Draußen gibt es seit einer Woche Hitzetage, Tage heißer als 30 Grad, aber rundherum ist es ein wenig grün und ich kann ohne technische Kühlhilfen leidlich gut hier schreiben. Das wäre keiner Erwähnung wert, wenn ich nicht meinen Blick darüber hinaus, dass es mir selber gut geht, weiten würde: in andere Straßen in Graz, wo Asphalt und Beton vorherrschen, zu empfindlicheren Menschen oder kleinen Kindern, in trockengefährdete Landwirtschaften in der Steiermark und Kärnten, in Gebiete weltweit, wo Hitzewellen, Dürren, Waldbrände und die Folgen die Existenzgrundlage unzähliger Menschen vernichten oder sie überhaupt das Leben kosten.

Zum Autor

Gottfried Kirchengast, geboren 1965, ist Leiter des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel der Uni Graz. Der Geophysiker und Meteorologe ist Mitglied der Akademie der Wissenschaften.

Für Interessierte gibt es Kirchengasts Fachartikel „Wissensstand der Klimaforschung und Herausforderung Klimaschutz“ zum kostenlosen Download.

Gleichzeitig sagte ein Kollege vorhin: In unserem Klimastationsnetz WegenerNet, mit über 150 Stationen in der Südoststeiermark das weltweit dichteste Netz seiner Art, gab es vorgestern wieder Rekordregen. Rund 69 Millimeter in einer Stunde. Am 15. Juli waren es 65 Millimeter, am 21. Juni 76. Das waren die drei höchsten Werte seit Bestehen des WegenerNet. Das erinnert mich, dass es am 16. April in Graz in wenigen Stunden 160 Millimeter geschüttet hat. Auch hier weite ich den Blick: auf die verheerenden Unwetter aus extremen Gewitterzellen und Wolkensystemen sonst wo in der Steiermark, in Kärnten, in Regionen weltweit. Und Folgen wie Hochwasser, Sturzfluten, Hangrutschungen, die Milliardenschäden und oft tödliches Unglück bringen.

Was haben solche Wetterextreme und viele andere „sonderbare Änderungen“ im Wetter und Klima rund um uns, die jeder von uns zu Hause und weltweit zunehmend wahrnehmen kann, mit dem viel diskutierten menschengemachten Klimawandel zu tun? Als Klimaforscher, der sich seit den 1990er-Jahren praktisch täglich mehrere Stunden mit dem Thema Erderwärmung und Klimawandel befasst, von globaler Forschung mit Satelliten-Erdbeobachtung bis zur Physik der Wetterextreme unter Klimawandel, kann ich dazu klar sagen: Unsere Treibhausgas-Emissionen und die Übernutzung von Land und Naturressourcen sind die entscheidenden Treiber.

Zweifelsfreie Messungen

Das wissen wir mit hoher Zuverlässigkeit nicht zuletzt auf Basis der eindrucksvollen Fortschritte der Klimaforschung der letzten Jahre. Gerade über die letzten Jahrzehnte können wir mittlerweile durch die Kombination zweifelsfreier Messungen und physikalischer Naturgesetze eingebettet in Modelle die entscheidenden Klimaänderungen als Gesamtbild verstehen: den Anstieg der Treibhausgase, allen voran der CO2-Emissionen, die Anreicherung in der Luft und in den Meeren und die zunehmend gespeicherte Wärmeenergie, das Ansteigen der Meeresspiegel, das Abschmelzen der Eisschilde und Gletscher und all das.

Nur ein Beispiel global: Durch das Ungleichgewicht zwischen der Energie der Sonneneinstrahlung und der Wärmerückstrahlung der Erde, das durch die Treibhausgaszunahme entsteht, hat die Erde in den letzten 25 Jahren jedes Jahr zusätzlich rund zehn Billionen Gigajoule an Wärmeenergie in den Weltmeeren angesammelt, das rund 20-Fache des jährlichen Weltenergieverbrauchs. Wären die Meere global so seicht wie der Klopeiner See, hätte sich ihr Wasser dabei um fast zehn Grad erwärmt. Die Klimaerwärmung und Umstellungen in der Lufthülle der Erde einschließlich der Wetterextreme nähren sich von gerade einem Prozent dieser Zusatzwärme. Das alles und noch viel mehr messen und verstehen wir dank der Fortschritte der letzten Jahre.

Regenspitzen: 75 statt 50 mm/h

Ein Beispiel auch zu Wetterextremen bei uns: Während es in den 1970er-Jahren bei Gewitter-Extremregen noch typische Regenspitzen von 50 Millimetern pro Stunde gab, bewirkt der fortgeschrittene Klimawandel in den 2010er-Jahren häufig tiefer subtropisch kommende heiße Luftmassen mit mehr Wüstenstaubteilchen für Wolkenbildung. Diese nehmen über dem wärmeren Mittelmeer mehr Feuchte auf und bilden bei uns in auch deutlich wärmerer Luft etwas kleinräumigere heftiger aufquellende Gewitterzellen. Zusammen ergibt das oft 50 Prozent mehr Regen am Ort des Unwetters. Schon sind wir statt bei 50 Millimetern bei 75 pro Stunde oder mehr.

Naturwissenschaft als Basis

Was hilft uns diese neue Sicherheit des Wissens der Klimaforschung über die Ursachen und das physikalische Funktionieren des Klimas für die Umsetzung des Klimaschutzes und die notwendige Klimawandel-Anpassung in so gut wie jeder Region der Erde? Grundsätzlich: Wir können auf dieser sicheren naturwissenschaftlichen Basis darauf vertrauen, dass beherzter Klimaschutz und ein Erreichen des 1,5-bis-2-Grad-Ziels des Pariser Abkommens 2015 zur Einbremsung des Klimawandels und zur Vorsorge für unsere Kinder und Enkel wirklich dringend geboten sind. Wir können Klimawandelskeptikern mit bestem Wissen und Gewissen etwa die Zusammenfassung zum Thema auf Wikipedia empfehlen und zugleich unser eigenständiges Denken schärfen, das uns besser erlaubt, gezielte Propaganda zum persönlichen Vorteil einer Klientel von möglichem bloßem Informationsmangel zu unterscheiden.

Grafik: Temperaturanstieg seit 1880

Seit 1880 ist die globale Temperatur im Mittel um rund 1 Grad Celsius angestiegen. Vergleichswert für die Kurve sind die weltweiten Durchschnittstemperaturen in den 30 Jahren zwischen 1951 und 1980.

Die Grafik als PDF zum Download
 

Wir können damit auch klar berechnen, was im eigenen Land als angemessener Beitrag zum weltweiten Klimaschutz notwendig ist. Für Österreich heißt das, bis 2050 rund 90 Prozent der derzeitigen CO2-Emissionen von etwa 80 Millionen Tonnen abzubauen. Und mit allem notwendigen Einsatz und Innovationsgeist dem Klimaschutz die entsprechenden gesetzlichen Rahmenbedingungen zu schaffen und ihn in diesem Rahmen auch konsequent umzusetzen. Die Verringerung bis 2030, gegenüber 2005 gerechnet, muss aus dieser Sicht rund 50 Prozent betragen.

Herausforderungen und Chancen

Im Vergleich zur Klima- und Energiestrategie Österreichs, wo noch unzureichende unter 40 Prozent bis 2030 geplant sind, stellen sich der Klimaforschung im weiteren Sinn, die wir als Transformationsforschung bezeichnen, freilich sofort weitere „riesige“ Fragen: Was sind die Bedingungen, unter denen wir in Österreich und weltweit den Übergang zu so einer nahezu CO2-emissionsfreien Wirtschaft und Gesellschaft wirklich schaffen können? Und welche Herausforderungen und Chancen bringt dieser Übergang und was können wir persönlich, in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik dafür tun?

Entscheidende Fragen. Informationen und Antworten dazu aus Sicht der Klima- und Transformationsforschung und gute weitere Quellen habe ich kürzlich in einem eigenen Artikel zusammengestellt. Darin heißt es zum Schluss hin für den Weg vom Klimawandel-Wissen zum Klimaschutz-Handeln: Wir alle brauchen Verstand, Mut und Herz. Meistens mehr davon. Das wünsche ich uns und unseren Kindern und Enkeln.

Hitze: Folge des Klimawandels

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Danke für Ihr Verständnis.

büffel
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wir alle müßten handeln

Es liegt nicht hauptsächlich an der Profitgier einiger weniger, sondern an der Masse der Menschen, und nur diese wird etwas ändern können. Anstatt mit dem Finger auf "die Reichen" zu zeigen, um unser Gewissen zu beruhigen, müßten wir alle uns ändern, und zwar radikal. Es müßte z.B. der Individualreiseverkehr sehr stark eingeschränkt werden (KEINE privaten Flugreisen, verpflichtender Umstieg auf Öffis, keine Fernreisen), kein Obst und kein Gemüse aus fremden Ländern, keine Klimaanlagen uswusf.
Doch dazu sind "wir" leider zu bequem und denken uns "was kann ich alleine schon ausrichten, daher lasse ich es gleich bleiben", und daher wird in einigen bis einigen zig Jahren der Klimakollaps unausweichlich eintreten....

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ISO9000
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Profitgier und Klima

Die Profitgier liegt bei den menschenverursachten Klimawandelverfechtern, denn nur dann können Wissenschafter und Landwirtschaft möglichst viel an Förderungen zu kommen. Mit gefälschten Statistiken und Schreckensnachrichten „....Letzter Monat war in Wien um 337 Prozent (!) zu warm.“ wird von Latif und Co ein lukratives Geschäftsmodell betrieben. Zwei Drittel des heurigen Juli waren kalt und nass. Nach ein paar traditionellen „Hundstagen“ wird nun der Weltuntergang ausgerufen.

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Lodengrün
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Ich bleibe da bei Strache und Trump

Klimawandel hat es immer gegeben und das was da stattfindet ist Hysterie und Steckenpferd einiger sogenannter Experten.

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pesosope
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Lodengrün

jetzt verstehe ich Sie nicht, sind Sie vom Gegenteil überzeugt?

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Lodengrün
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Danke für den Hinweis

war natürlich ironisch gemeint. Um ehrlich zu sein, - ich kann Strache nicht ausstehen. Nichts an ihm ist ehrlich. Und jeden Tag wird dies erneut bestätigt. Beginnend bei seiner Ex Gattin der er nicht einmal die Alimente zunächst zahlen wollte, den Partner Verträgen mit Russland die dann zu Arbeitsverträgen mutierten, das Burschenschaftskapperl beim Holocaust Mahnmal bei gleichzeitiger Anbiederung, alles ist nicht koscher.

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pesosope
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Lodengrün

wenn das ironisch war, dann verstehe ich Ihre Aussage noch weniger. Sie glauben also, dass es den Klimawandel noch nie gegeben hat, denn Strache und Trump sagen ja eindeutig, dass er schon immer gegeben war! Ironisch bedeutet ja nur das Gegenteil vom Gesagten, also was glauben Sie nun, wenn Sie schon unverständlich posten?

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