Zwei ToteNeuauflage des Böller-Prozesses: Streit um Gutachter

Das Urteil wurde bei vier von acht Angeklagten in einzelnen Punkten wieder aufgehoben, bei einem zur Gänze. Heute wird am Grazer Straflandesgericht wieder verhandelt.

Zwei Männer starben im November 2014 in Kapfenstein © Thomas Plauder
 

Im Grazer Straflandesgericht ist es am Freitag erneut um eine Böllerexplosion mit zwei Toten gegangen. Der Unfall bei der illegalen Produktion ereignete sich bereits 2014, acht Personen wurden Anfang 2017 deswegen verurteilt. In fünf Fällen wurde das Urteil teilweise aufgehoben. Bei der Neuauflage wurde zunächst vor allem um den Gutachter gestritten, den die Verteidiger als befangen ansahen.

Im November 2014 flog in Kapfenstein (Bezirk Südoststeiermark) ein Gebäude in die Luft, in dem ein Brüderpaar illegal Knallkörper produzierte. Einer der Brüder und der Vater der beiden war sofort tot. Im ersten Prozess, der im Jänner 2017 endete, wurde der Auftraggeber als Hauptbeschuldigter angesehen und zu acht Jahren Haft verurteilt. Er musste sich erneut auf der Anklagebank einfinden, ebenso zwei Händler, ein ehemaliger Pyrotechniker und ein ehemaliger Inhaber einer Sicherheitsfirma, der Schulungen zum Umgang mit Sprengkörpern abhielt. In der Neuauflage des Verfahrens stand vor allem die Gefährlichkeit und damit die strafrechtliche Bewertung im Mittelpunkt.

Wortgeplänkel

Zunächst gab es allerdings ein heftiges Wortgeplänkel zwischen Richterin Elisabeth Juschitz und Verteidiger Bernhard Lehofer, da die Anwälte nach eigenen Angaben neue Bestandteile des Aktes nicht erhalten hatten. Staatsanwalt Alexander Birringer hatte nämlich die Anklage insofern ausgedehnt, als bei den beiden Händler nach dem Ersturteil noch Sprengkörper sichergestellt wurden. Die beiden hatten am letzten Verhandlungstag noch versucht, in einer Pause Teile ihrer Ware verschwinden zu lassen. Dabei waren sie allerdings verhaftet worden.

Alle vier Verteidiger forderten, den Sachverständigen John Eberhardt wegen Befangenheit zu ersetzen. Nach Meinung der Anwälte hatte er bereits unmittelbar nach der Explosion für die Staatsanwaltschaft ermittelt und komme daher für die Hauptverhandlung nicht in Frage, außerdem sei er für einige Fragen nicht spezialisiert genug. Doch der Schöffensenat lehnte diesen Antrag ab: "Es bestehen keine Zweifel an der fachlichen Kompetenz und der Unbefangenheit des Sachverständigen", hieß es.

Böllerproduzent

Als erster der fünf Angeklagten wurde jener 33-Jährige befragt, der die Böllerproduktion zusammen mit dem jüngeren Todesopfer aufgezogen hatte. Er gab an, die Blitzknallkörper zunächst selbst hergestellt zu haben. Er habe aber vorwiegend im Freien gearbeitet und auch ein nicht sehr explosives Gemisch verwendet, rechtfertigte er sich.

Der Auftraggeber war zu acht Jahren Haft verurteilt worden. Er hat aber, so sein Verteidiger "zur Aufklärung sämtlicher Sachverhalte beigetragen". Die Knallsätze konnte nicht untersucht werden, denn "es gibt sie ja nicht mehr", wie der Anwalt treffend bemerkte.

Zu Beginn des Geschäfts mit den Knallkörpern hatte der 33-Jährige die Böller noch selbst erzeugt, und zwar bei sich zu Hause. "Hatten Sie eine Betriebsstättengenehmigung?", fragte Richterin Elisabeth Juschitz. "Nein", antwortete der Befragte. Die Mischung der Chemikalien fand im Freien statt, schilderte er. "Bis zu ein paar Kilo" Kaliumperchlorat, Aluminiumpulver und Schwefel habe er "auf einem Tisch" mit der Hand zusammengerührt. Wesentlich kleinere Mengen werden in ordentlichen Betrieben nur in automatisierter Fertigung hergestellt. "Meine Mischung war stabil", meinte der Angeklagte. "Und warum ist dann alles in die Luft geflogen?", fragte die Richterin. "Ich weiß ja nicht, was die anderen gemischt haben", antwortete der Beschuldigte. Die getöteten Böllerbastler hatten ebenfalls kiloweise das hochexplosive Pulver in einem Eimer umgerührt.

Für den ersten Verhandlungstag der Neuauflage war nur die erneute Befragung der Beschuldigten geplant, ein Urteil war noch nicht vorgesehen.

Am Nachmittag wurde der Prozess vertagt und die Fortsetzung für 9. April anberaumt. Auf dem Programm steht die Befragung des fünften Angeklagten sowie der Zeugen. Ein Urteil dürfte es aber noch länger nicht geben, da auch die Einholung eines Ergänzungsgutachten im Raum stand.

BOeLLER-EXPLOSION: PROZESS GEGEN NEUN BESCHULDIGTE IN GRAZ
Der erste Prozess endete mit acht Schuldsprüchen Foto © APA/ERWIN SCHERIAU

 

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