ParalympicsJapans Tennis-Star trat aus Osakas Schatten

Die Erfolge von Naomi Osaka sind in der Tennisgeschichte Japans unübertroffen – glauben viele. Dabei hat Shingo Kunieda schon viel mehr gewonnen.

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Shingo Kunieda
Shingo Kunieda © AFP
 

Niemand zuvor hat einen Grand Slam für Japan gewonnen. Womit kurz darauf erstmals jemand aus Japan, nein, ganz Asien, die Weltrangliste anführte. Außerdem wurde es bis dahin noch niemandem aus dem ostasiatischen Land zugetraut, sich über eine ganze Generation an der Spitze der weltweit wohl beliebtesten Einzelsportart zu halten. Die Rede ist von Naomi Osaka, der bestbezahlten Sportlerin der Welt und berühmtesten Athletin Japans?

Auch, aber eigentlich auch nicht. Denn die vier Grand-Slam-Titel und die 25 Wochen, die die 23-jährige Naomi Osaka bisher auf Platz eins der Tennis-Weltrangliste verbracht hat, sind zwar beachtlich. Aber streng genommen ist sie damit weder eine Rekordhalterin noch eine Pionierin des japanischen Tennis. Es gibt einen Mann, der ihr das alles voraushat: Shingo Kunieda, 37 Jahre alt, Rechtshänder, ein akribischer Arbeiter auf dem Court und ein mental äußerst stabiler Spieler. Viele Tennisfans haben noch nie von ihm gehört, aber in der Rollstuhltennis-Szene gilt Kunieda längst als der Beste aller Zeiten. Er hat 20 Grand Slams gewonnen, den ersten in Wimbledon im Jahr 2006, als Naomi Osaka noch eine Grundschülerin war. Im selben Jahr erklomm Kunieda 22-Jährig erstmals Platz eins der Weltrangliste, was mittlerweile sein Stammplatz ist. Das Jahr 2020 war das neunte seiner Karriere, in dem er das weltweite Jahresranking als Erster abschloss. Auch die Paralympics hat er schon gewonnen. 2008 in Peking und 2012 in London holte er Gold. Die Bronzemedaille 2016 in Rio sieht Kunieda als Betriebsunfall, den er nun in Tokio mit erneutem Gold wieder ausbesserte.

Verdiente Aufmerksamkeit

Im paralympischen Gastgeberland Japan ist die mögliche Bedeutung dieses Athleten kaum zu überschätzen. Zwar ist Kunieda viele Jahre seiner Karriere eher unter dem Radar geflogen, obwohl er von Sieg zu Sieg eilte. Zumal Japan eigentlich ein Land ist, das seine Champions zu Helden erklärt. Im Vorfeld der Paralympischen Spiele ist ihm endlich mehr Aufmerksamkeit zuteilgeworden. Kunieda trat zuletzt häufiger in Talkshows auf, nahm so viele Medientermine wahr, dass er kurz vor seinem Turnierstart für keine Gespräche mehr zur Verfügung stand.
Aus seiner Sicht geht das in Ordnung, denn jetzt wird ohnehin über ihn geredet. In Japan sprach man zuletzt darüber, wie Kunieda die mit 254 Athleten größte Delegation der japanischen Paralympicsgeschichte als Kapitän ins Feld führte. Dann ging es darum, wie er es geschafft hat, zum Markenbotschafter des global agierenden Klamottenkonzerns Uniqlo zu werden. Die kritischeren Geister im patriotischen Land fragten auch, warum Kunieda in der eigentlich großen Sportnation Japan als erfolgreicher Paralympionik eine Seltenheit ist.

Es ist ein Unterschied, der ins Auge sticht: Während Japan im historischen Medaillenranking der Olympischen Spiele derzeit auf Platz zehn liegt, reicht es bei den Paralympics bisher nur für Rang 17. Bei den Spielen von Rio vor fünf Jahren holte Japan kein einziges paralympisches Gold. So landete man im Nationenvergleich in der unteren Hälfte, hinter viel ärmeren und daher materialmäßig schlechter ausgestatteten Ländern wie Vietnam oder Namibia. Die olympischen Athleten landeten dagegen auf einem zufriedenstellenden sechsten Platz.

Das unterschiedlich starke Abschneiden ist kein Wunder. Der Parasport hatte bisher keinen hohen Stellenwert. Erst im Vorlauf der Tokioter Spiele erhielten Behindertensportler die Möglichkeit, in der nationalen Eliteakademie zu trainieren. Zuvor waren Personen mit einer Behinderung über Jahrzehnte oft weitgehend vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Bis Mitte der 1990er Jahre ermöglichte es ein Gesetz sogar, Personen mit einer intellektuellen Behinderung zu sterilisieren. Und bis heute gibt es in Japan kein allgemeines Antidiskriminierungsgesetz.
Wer Sport treiben will, muss sich teure Ausrüstung zunächst selbst kaufen, was sich nicht jeder leisten kann. Shingo Kunieda hatte insofern Glück. Als Kind durch einen Rückenmarkstumor gelähmt, schickte ihn seine Mutter zum Tennis. Was dafür nötig war, bezahlten ihm anfangs die Eltern. Dank dem Ehrgeiz, den der Junge entwickelte, gewann er Turniere, Sponsoren wurden aufmerksam. Irgendwann wurde Shingo Kunieda zu einem Leuchtturm des japanischen Parasports. „Ich hatte mich bestmöglich vorbereitet“, sagte er nach Gold in Tokio. „Ich schätze, dass ich mit meinen Leistungen auch den Stellenwert von Sport und Personen mit einer Behinderung beeinflussen kann.“

"Ich bin der Stärkste"

Mit Naomi Osaka hat Kunieda auch hier eine Gemeinsamkeit: Wie Osaka, die sich sozial gegen Rassismus und für das Hochhalten von Diversität engagiert, ist er schon öfter durch eine klare Haltung aufgefallen. Dabei ging es nicht nur um mehr Barrierefreiheit, Inklusion und Anerkennung. In Japan weiß man mittlerweile, was auf einem Sticker geschrieben steht, den Kunieda an seine Tennisschläger klebt. „Ich bin der Stärkste.“ Der japanischen Tugend von Bescheidenheit widerspricht das zwar, doch Kunieda ist nun einmal das Maß der Dinge. Und lange Zeit musste er selbst es sagen, damit es überhaupt jemand sagte. Nach seinem nun erneut eroberten Gold sagt es womöglich ganz Japan.

Wobei dieser Tage in Japan auch wieder viel über Osaka gesprochen werden wird. Nach ihrer überraschenden Drittrunden-Niederlage bei den US Open gegen Leyla Fernandez kündigte die Weltranglistendritte, die zuletzt mit Depressionen zu kämpfen hatte, eine Spielpause auf unbestimmte Zeit an. „Siege machen mich nicht mehr glücklich. Es fühlt sich mehr wie eine Erleichterung an. Und wenn ich dann verliere, bin ich sehr traurig. Ich glaube nicht, dass das normal ist.“

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