Am SchauplatzNur Medaillen befreien Südkoreas Athleten von der Militärpflicht

Wer bei den Olympischen Spielen für Südkorea antritt, kämpft meist um mehr als eine Medaille. Gold, Silber oder Bronze entbinden Männer nämlich von der Militärpflicht. Das rettet oft die Karriere.

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Sükoreas Athleten kämpfen in Tokio um mehr als nur Medaillen. © AFP
 

Es sei ein Turnier wie jedes andere auch, sagen Im Sung-jae und Kim Si-woo dieser Tage auffällig deutlich. Wenn heute das Finale des olympischen Wettbewerbs im Golf steigt, wollen beide einfach nur gewinnen, oder zumindest eine Medaille holen – auch wenn die Ausgangsposition diese beinahe unmöglich macht. „An etwas anderes denke ich im Moment gar nicht“, behauptete Kim schon vor einigen Tagen. Geglaubt hat es ihm kaum jemand.

Schließlich gab der Medaillenkandidat auch zu: „Ich weiß, dass es stimmt, dass uns die koreanische Regierung vom Militärdienst freistellt, wenn wir eine Medaille gewinnen.“ Und plötzlich ergaben einige Vorkehrungen Sinn, die die zwei Golfer aus Südkorea vor diesem angeblich ganz gewöhnlichen Wettbewerb getroffen hatten. Beide sagten vor Kurzem das eigentlich wichtige Turnier British Open ab, um sich vor dem Olympiaauftritt in Japan zu akklimatisieren. Olympia ist eben doch kein Turnier wie jedes andere – und dies bestimmt auch nicht allein wegen der Medaille. Wer als Mann bei der größten Sportveranstaltung der Welt für Südkorea antritt, hat immer auch diese Möglichkeit im Kopf, deren Umkehrschluss zugleich eine Drohung ist: Eine Medaille bewahrt die Athleten vor der Pflicht, knapp zwei Jahre lang für das Militär zu dienen. Wer diese aber nicht schafft, wird früher oder später antreten müssen. Und das bedeutet zweierlei: Die Karriere liegt für knapp zwei Jahre praktisch auf Eis. Und im schlimmsten Fall muss man in den Krieg ziehen, was zwar unwahrscheinlich, aber auch nicht ausgeschlossen ist.

Jeder Südkoreaner muss 20 Monate lang dienen

Seit knapp 70 Jahren verharrt die koreanische Halbinsel technisch im Kriegszustand. Nach dem Zweiten Weltkrieg, bis zu dessen Ende Korea für rund 40 Jahre eine Kolonie Japans gewesen war, wurde das Land von den Siegermächten in einen kommunistischen Norden und einen kapitalistischen Süden aufgeteilt. Der installierte Frieden währte nicht lang. 1950 marschierte der Norden in den Süden ein, es folgte ein dreijähriger Waffenkonflikt, der zum Stellvertreterkrieg der Großmächte wurde. Rund 4,5 Millionen Menschen starben. Der Waffenstillstand von 1953 gilt bis heute. Aber formal gesehen geht der Krieg damit weiter. Beide Staaten fühlen sich regelmäßig voneinander provoziert: der Norden durch die im Süden installierten Militärbasen, der Süden durch die Raketentests des Nordens. So sind auch beide Staaten ständig alarmiert. In Südkorea, das mittlerweile eine liberale Demokratie ist, ist daher an eine Lockerung der Militärpflicht kaum zu denken. Jeder Mann muss 20 Monate lang dienen, und im Ernstfall dann auch für einen Einsatz im Krieg bereitstehen.

Ausnahmen gibt es für diejenigen, die mit dem südkoreanischen Trikot bei den Asian Games oder den Olympischen Spielen eine Medaille gewinnen. Und einige Privilegierte bestimmter Sportarten kommen auch in der Kaserne noch zu einer akzeptablen Lösung. So hat das südkoreanische Militär seit Jahren einen Fußballklub unterhalten, der im Profibereich spielt. Dort erhalten die auserwählten Spieler zwar auch nur den typischen Rekrutenlohn anderer Dienender, leben auch unter denselben simplen Bedingungen in Mehrbettzimmern. Aber immerhin halten sie ihr fußballerisches Niveau, können nach ihrer Zeit im Militär meist zu einem anderen Erstligisten zurückkehren.

Die Rückkehr in den Sport gelingt schwer

Die Gefahr, dies nicht mehr zu können, macht aus der Militärpflicht für viele Athleten eine Horrorvorstellung. Was das für die Karriere bedeuten kann, sehen die Golfer Im Sung-jae und Kim Si-woo am Beispiel ihres Kollegen Bae Sang-moon. Der hatte zwei Turniere auf der PGA Tour gewonnen und zählte zu den Besten seines Landes. Nachdem Bae aber vor einigen Jahren eingezogen worden war, erreichte er kaum noch sein voriges Niveau. „Ich habe irgendwie das Gefühl fürs Golfspielen verloren“, sagte er 2019. Sportlern anderer Disziplinen geht es ähnlich. Schließlich muss man in der Regel in seinen Zwanzigern dienen, der Zeit körperlicher Höchstleistungen.

Wohl auch der starke Wunsch, dem Gang in die Kaserne zu entkommen, ist ein Grund für die traditionell starken Leistungen südkoreanischer Athleten. Regelmäßig schneidet das ostasiatische 52-Millionenland in den Top 10 des Medaillenspiegels ab, umgeben von größeren und meist auch noch etwas wohlhabenderen Ländern. 2016 in Rio belegte Südkorea im Medaillenspiegel den achten Platz, vier Jahre zuvor in London den fünften, 2008 in Peking den siebten Platz und in Athen 2004 Rang neun. Auch bei den Spielen von Tokio steht Südkorea wieder gut da. Bisher wurden fünfmal Gold und 16 Medaillen insgesamt geholt. Wobei sich im Säbel-Mannschaftsfechten der erfolgreiche Titelverteidiger die Goldmedaille auf vier Personen aufteilte. Zwei der Athleten, Oh Sang-uk und Kim Jun-ho, haben zum ersten Mal bei Olympischen Spielen teilgenommen und können sich damit jetzt um ihre Freistellung von der Militärpflicht freuen.

Eine andere Möglichkeit, einem Kriegsdienst sicher zu entkommen, wäre Frieden zwischen den beiden Koreas. Und in der Tat haben die zwei Bruderstaaten diese Woche nach jahrelangem Schweigen wieder Kontakt miteinander aufgenommen. Nur hat es zeitweise Annäherungen über die letzten Jahre immer wieder gegeben. Zumindest als guter Sportler ist eine Medaille heutzutage wohl wahrscheinlicher als ein Friedensvertrag.

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