Über die WM-StadienDas Stadion in Jekaterinburg ist ein Baudenkmal aus der Stalin-Zeit

 

Ein Messi macht noch kein Argentinien, ein Neymar kein Brasilien und ein Architekt allein baut kein Stadion! Auch Otto Wagner hatte ein großes Büro mit vielen namenlosen Mitarbeitern … Mittlerweile sind die meisten Architekten selbst namenlos geworden (jedenfalls außerhalb der Szene): Architektur ist ein Mann(Frau)schaftsport, eine Ensemble-Kunst. Architektur wird im Schnitt viel berühmter als ihre Architekten, oft ersetzt in der Kunst die Schöpfung den Schöpfer.

Aber Stars einer Weltmeisterschaft sind sie doch auch, die spektakulären Stadien, ihre Planer und Erbauer. Seit vielen Weltmeisterschaften denke ich: Noch großartiger, noch eindrucksvoller, noch vollkommener können die Arenen nicht werden! Was soll noch Neues kommen? Und doch hört das Staunen über immer tollkühnere Neubauten nicht auf. Der WM-Star unter den Stadien von Japan 2002 war, wie Sie sich sicher alle erinnern, das atemberaubende Big-Eye-Stadion von Oita.

In Südafrika 2010 stritten sich das Moses-Mabhida-Stadion von Durban und das Green-Point-Stadion von Kapstadt um die Krone. In Brasilien war wohl die Arena da Amazônia in Manaus mitten im Urwald die überwältigendste, manche nennen auch das Estádio Castelão in Fortaleza oder das von São Paulo.

Auch Nischni Nowgorod oder Wolgograd sind wunderschön. Aber mein russischer Stadionweltmeister 2018 ist die Arena von Jekaterinburg, Heimstätte des FC Ural: Das Stadion ist ein Baudenkmal des Neoklassizismus aus Stalin-Zeiten. Damit es genauso wie früher aussieht, wurde innerhalb der alten Außenmauern eine neue Arena gebaut. Auf den ersten Blick ist das Stadion absurd, auf den zweiten aber: schräg! Sehr schräg! Noch kein Architekt der Welt ist jemals auf die Idee gekommen, Tribünen außerhalb des Stadions zu bauen!

Auch wenn – nach Oscar Wilde – der Künstler der Schöpfer schöner Dinge und alle Kunst völlig unnütz ist (und dies auch für den Architekten in dem Maß gilt, in dem er Künstler ist) –, diskutiert man in Jekaterinburg die Nachnutzung sehr kontroversiell: Der FC Ural braucht sicher keine Tribünen außerhalb des Stadions. Nun, soviel ich weiß, sind die Stadien von Oita, Durban oder Manaus nach wie vor nicht abgerissen worden.

Man kann in den Leerstandsobjekten Leerstandskonferenzen veranstalten, man kann ins Stadionoval als Kunstobjekt auch Bäume stellen (und im Advent Christbaumputzwettbewerbe organisieren). Oder man verwendet das Stadion als Stadionpark wie den berühmten Minimundus in Klagenfurt: eine Dauerausstellung sämtlicher spektakulärer Stadien der Welt im Miniaturformat …

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