EM-AnalysePhilipp Semlic: "Italiens Statistiken sind wirklich beeindruckend"

Italien, das ist nicht mehr das Spielen auf ein 1:0 und das Warten auf den Konter. Nein, die "Squadra" hat Werte fast wie Manchester City unter Pep Guardiola in den Statistiken: Roberto Mancini hat einen neuen Stil implementiert – und der funktioniert.

×
Artikel gemerkt

Gemerkte Artikel können Sie jederzeit in Ihrer Leseliste abrufen. Zu Ihrer Leseliste gelangen Sie direkt über die Seiten-Navigation.

Zur Leseliste
 

Italien, das ist nicht mehr Italien, fußballerisch gesprochen. Unter Roberto Mancini hat sich die Art und Weise, wie das italienische Team Fußball spielt, nämlich gedreht, oder besser: sehr stark zu einem offensiv ausgerichteten Fußball entwickelt. Der „Catenaccio“ ist Vergangenheit. Auch die Statistiken der ersten drei Spiele bei der EM bestätigten das – und zwar eindrucksvoll: Italien hat demnach im Durchschnitt 60 Prozent Ballbesitz und das bei einer Passquote von 90 Prozent. Das sind „Pep-Guardiola-Werte“, also Daten, wie sie Manchester City normalerweise hat. Ballbesitz alleine ist es aber nicht: Italien hatte bei dieser EM im Schnitt 17 Torabschlüsse pro Spiel, damit waren sie in dieser Statistik auf Platz eins aller Euro-Teams. Obwohl sie offensiv ausgerichtet sind, haben die Italiener aber noch immer ihre Qualitäten in der Defensive.

Donnarumma musste in der gesamten Vorrunde drei Bälle abwehren, die Gegner haben es zusammen in drei Spielen nur auf 13 Abschlüsse gebracht. Das ist ein unglaublicher Wert. Und diese Werte spiegeln sich in den Ergebnissen wieder: Elf Spiele ist die „Squadra Azzura“ schon ohne Gegentor, die letzten 30 Partien hat man nicht verloren – Rekord.
Grundordnung. 4-3-3.

Zur Person

Philipp Semlic, geboren am 21. April 1983 in Vorau.

Familienstand: verheiratet, ein Kind.

Erlernter Beruf: Lehrer.

Aktive Fußballkarriere:
Karriereende bei Sonnhofen mit 26 Jahren.

Trainerausbildung:
A-Lizenz, Elite-Junioren-Pro-Lizenz.

Trainerkarriere:
Hartberg, Sturm, Lafnitz.

In der vordersten Linie agieren bei den Italienern drei extrem kreative Spieler, die zudem sehr torgefährlich sind, viele Freiheiten genießen. Angeführt wird die Offensive von Lorenzo Insigne, der die linke Außenstürmerposition besetzt. Von dort zieht er immer nach innen, sucht selbst den Torabschluss oder versucht mit entscheidenden Pässen, die Stürmer in Abschlussposition zu bringen. Und das kann er auch. Die Grundordnung hat sich unter Mancini von einem 3-5-2 zum 4-3-3 gewandelt – und erst diese Änderung hat den „Platz“ für Napoli-Akteur Insigne in der Startformation geschaffen.

Grundsätzlich kann man sagen, dass Spieler wie Domenico Berardi (Sassuolo), oder Nicolo Barella (Inter) bei kleineren Klubs spielen oder noch nicht den großen Namen haben, aber sie können ihre Qualitäten in ihren klar definierten Rollen im Team voll ausspielen. Herzstück im Spielaufbau ist das zentrale Mittelfeld: Marco Verratti (Paris SG) und Jorginho (Chelsea) sind extrem ballsicher sowie laufstark und verfügen über eine extrem gute „Vororientierung“, wie wir das nennen. So kommen sie nie unter Druck oder Stress und haben das Spiel permanent vor sich. Die Abwehr steht dank der Juventus-Routiniers Giorgio Chiellini (36) und Leonardo Bonucci (34) sicher – beide haben trotz „gehobenen Alters“ noch extrem hohe Qualität im Verteidigen des eigenen Strafraums.

Spiel mit dem Ball. Italien ist mit dem Ball eine hochspannende Mannschaft, weil sie aus dem 4-3-3 in ein asymmetrisches (3-4-2-1 rückt. Asymmetrisch heißt, dass der linke Außenverteidiger (Leonardo Spinazzola) im Ballbesitz nach vorne rückt, der rechte Außenverteidiger (Giovanni Di Lorenzo) rückt dafür nach hinten und bildet mit den beiden Innenverteidigern eine Dreierreihe für den Spielaufbau. Durch diese Verschiebung rückt Insigne von der Position des linken Außenstürmers in den linken Halbraum nach innen, der rechte Achter Manuel Locatelli rückt nach vorne in den rechten Halbraum, nur der rechte Außenstürmer (wohl Domenico Berardi) bleibt am Flügel und ist somit der Breitengeber. Man kann sagen, dass sich fünf Spieler (Verratti, Jorginho, Chiellini, Bonucci, Di Lorenzo/siehe Grafik) im Spielaufbau befinden, weitere fünf bewegen sich zwischen der Mittelfeldlinie und der Verteidigungslinie des Gegners, um dort Torchancen zu kreieren. Aus dieser Grundstruktur versuchen die Italiener ein positionelles Kombinationsspiel mit vielen kurzen Pässen und Positionsrochaden aufzuziehen. So fällt es dem Gegner sehr schwer, die Räume zu schließen und Druck auf den Ball auszuüben.

Spiel gegen den Ball. Auch da ist Italien von der Tradition, tief zu verteidigen, abgekommen und versucht, hoch zu attackieren, zu pressen. Ciro Immobile ist der Spieler, der das Pressing initiiert, indem er den Innenverteidiger des Gegners ansprintet. Schafft es der Gegner, Immobile etwa mit einem Querpass aus dem Spiel zu nehmen, so ist es oft der Achter (Locatelli, Verratti), der nach vorne sticht und im Angriffspressing unterstützt. Nachteil für die Italiener: Dieser Weg ist relativ weit, so hat der Innenverteidiger eventuell Zeit, das Spiel vertikal fortzusetzen.

Schlüsselspieler. Lorenzo Insigne ist in der Offensive für mich der Schlüssel, der dank seiner Kreativität, seiner Technik und seines Abschlusses den Unterschied ausmachen kann. Auch Marco Verratti ist, obwohl er verletzt war und wohl noch nicht bei 100 Prozent ist, als Taktgeber des Teams enorm wichtig. Und nach wie vor ist für mich die Kombination Chiellini/Bonucci ein großer Bonus, das Duo bildet eben nach wie vor ein echtes Bollwerk in der Innenverteidigung.

Kommentare (1)
hansi01
1
2
Lesenswert?

Was sagen uns diese beeindruckenden Zahlen?

Wenn die österreichischen Spieler mit den verbleibenden 40% Ballbesitz die 10% Fehlpässe ausnützen schaut es für uns gut aus und die Italiener scheiden aus.
PS: Fußball wird aber am Platz gespielt und nicht im Vorfeld durch Journalisten.