Interview„Es steht einem alles offen“

Wie entsteht ein Lehrberuf? Wie oft und warum wird er auf den Stand der neuesten Technik gebracht? Geschäftsführerin des Bundes-Berufsausbildungsbeirats, Katrin Eichinger-­Kniely, über den Fortschritt, der auch vor der Lehre nicht haltmacht.

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"Jungen Menschen rate ich wirklich, die Talentechecks in Anspruch zu nehmen." © Oliver Wolf
 

Um sich das genauer vorstellen zu können: Wann und wie werden Lehrberufe auf den neuesten Stand gebracht?
Katrin Eichinger-Kniely: Ich bin nun seit 2006 im Beirat und bisher wurden im Durchschnitt mindestens zehn Lehrberufe im Jahr beschlossen. Und diese Änderungen gehen immer von der Branche aus. Hier können technische Neuerungen wie z. B. Digitalisierung der auslösende Aspekt sein.

Welche Punkte gibt es noch außer der Digitalisierung?
Es können sich beispielsweise auch die Rahmenbedingungen ändern. Oder es gibt eine Änderung einer EU-Richtlinie, die in dem Lehrberuf berücksichtigt wird – dann muss man den jeweiligen Lehrberuf einfach anpassen.

Können Sie aktuelle Beispiele von Lehrberufen nennen, die 2018 aktualisiert wurden?
Wir hatten im Jahr 2018 zwei Berufspakete. Es wurden sowohl neue Lehrberufe als auch Novellierungen verordnet. Um einige Beispiele für neue Lehrberufe zu nennen: tierärztliche Ordinationsassistenz, Maskenbilder, Glasverfahrenstechnik oder bautechnische Assistenz.

Inwiefern hat man diese Berufe neu geschaffen?
Den tierärztlichen Ordinations­assistenten hat es nicht gegeben. Das waren bisher Anlernkräfte und jetzt ist es wirklich ein Lehrberuf, wo eine Fachkraft ausgebildet wird. Bei den Maskenbildnern hat man vielleicht auch Frisöre, Kosmetikerinnen oder Stylisten beschäftigt, aber es hat keine richtige Ausbildung bei den Theatern gegeben. Ebenfalls neu hinzugekommen ist der E-Commerce-Kaufmann, der das Online-Geschäft betreut. Man hat aber auch Lehrberufe wie die Steinmetztechnik geschaffen. Den normalen Steinmetz gab es ja bereits, hier dauert die Ausbildung drei Jahre.
Der Steinmetztechniker ist nun ein vierjähriger Lehrberuf, wo noch mehr technische und auch digitale Aspekte berücksichtigt werden. In der Zahntechnik hat man die zahntechnische Fachassistenz geschaffen, eine dreijährige Ausbildung, und den Zahntechniker, der vier Jahre dauert mit zusätzlichen Inhalten. Aber auch der Rauchfangkehrer wurde novelliert, weil auch in diesem Bereich sehr viel Technik hinzugekommen ist. Früher sind Rauchfangkehrer zum Beispiel selbst durch den Rauchfang geklettert. Heute schicken sie spezielle Kameras durch.

Zur Person:

Katrin Eichinger-­Kniely (41), ­Magisterium und Doktorat der Rechtswissenschaften an der KF-Universität Graz.

Kniely ist seit dem Jahr 2006 Referentin in der Wirtschaftskammer Österreich in der Abteilung Bildungs­politik mit dem Schwerpunkt Lehre sowie Geschäftsführerin des Bundes­bildungsbeirats.


Wie oft finden denn Adaptierungen statt?
Es geht eigentlich immer von der Branche aus und es ist auch nur so sinnvoll. Die Branche weiß, in welchem Bereich Fachkräfte ausgebildet werden sollen, und die Unternehmer bieten dann auch Lehrplätze für die Jugendlichen an. Es hilft nichts, einen neuen Lehrberuf zu schaffen, wenn es keine Betriebe gibt, die Jugend­liche ausbilden oder diese Fachkräfte benötigen.

Wie viele Ebenen muss ein neuer Lehrberuf durchlaufen?
Es gibt einen ersten Entwurf, den die Branche österreichweit vorlegt. Dann wird dieser kammerintern koordiniert. Danach wird mit der Arbeitnehmerseite verhandelt, die natürlich auch noch die unterschiedlichsten Aspekte einbringt. Der einvernehmliche Entwurf wird im Bundes-­Berufsausbildungsbeirat beschlossen. Das Wirtschaftsministerium übernimmt diesen Entwurf und verordnet ihn.
"Menschen mit praktischen Erfahrungen werden überall immer gerne genommen." Foto © Oliver Wolf

Wie viele Lehrberufe gibt es derzeit in Österreich?
Über 200. Jungen Menschen rate ich deswegen wirklich, Talentechecks in Anspruch zu nehmen, die an allen Wirtschaftskammern angeboten werden, um seine Eignungen und Fähigkeiten zu erkennen. Dann kann man sich auf die Suche machen, welche Lehrberufe es gibt, die meinen Fähigkeiten und Interessen entsprechen und zu mir passen. Es gibt aber auch www.bic.at – hier werden alle Lehrberufe erklärt, meistens sogar mit Videos. So kann man sich einen guten Überblick verschaffen und vielleicht auch Lehrberufe entdecken, die weniger bekannt sind, damit nicht alle Burschen Mechaniker und alle Mädchen Friseurin werden wollen.

Wie steht es um das Image der Lehre?
Früher hieß es oft, dass die duale Ausbildung eine Einbahnstraße sei. Das stimmt aber überhaupt nicht mehr. Man kann parallel zur Lehre zum Beispiel schon die Berufsreifeprüfung machen, also Lehre und Matura. Der Weg geht also weiter zu Fachhochschulen und Universitäten – man erhält durch die Berufsmatura einen unein­geschränkten österreichischen Universitätszugang. Oder man geht weiter in Richtung Meisterprüfung oder eigenes Unternehmen. Es steht einem wirklich alles offen.

Warum hält sich dieses alte Bild der Lehre so hartnäckig?
Weil viele Eltern sagen, dass es ihr Kind besser haben soll. Man muss aber bedenken, dass es sich stark relativiert hat. Eine gute Fachkraft wie z. B. ein Installateur oder ein KFZ-Mechaniker wird man immer brauchen, wenn der Hahn tropft oder der Motor nicht anspringt. Und sie verdienen immer noch gutes Geld. Wenn man das Lebenseinkommen von jemandem, der eine Lehre absolviert hat, mit jemandem vergleicht, der bis zum Alter von 25 oder länger studiert hat, dann ist der frühe Einkommensstart schwer aufholbar. Außerdem sind Wettbewerbe wie World­Skills oder EuroSkills das beste Beispiel für das ausgezeichnete Wissen und Können unserer Fachkräfte. Man muss den Jugendlichen einfach auch diese Karrierewege aufzeigen. Menschen mit praktischen Erfahrungen werden schließlich überall gerne genommen.

Was ist denn geschickter: sich möglichst breit aufzustellen oder zu spezialisieren?
Ich denke, dass beides sinnvoll ist. Jugendliche sollten nach eingehender Information ein Ziel vor Augen haben und ­offen sein. Es gibt modulare Lehrberufe mit einer breiten Basis, dem Grundmodul, ­gefolgt von Haupt- und Spe­zialmodulen oder Lehrberufe mit verschiedenen Schwerpunkten oder auch sehr spezifische Lehrberufe. Die Wirtschaft wünscht sich Jugendliche, die geistig und geografisch flexibel sind. Auch hier gibt es eine gute Homepage, um sich zu informieren. (Probierdichaus.at)

Bleiben wir beim geografischen Aspekt. Wie schaut es österreichweit aus, wo findet man am ehesten eine Lehrstelle?
Im Westen gibt es einen Lehrstellenüberhang, im Osten eher weniger. Branchenmäßig ist es dann schon wieder unterschiedlich. Aber zum Beispiel im Tourismus werden überall in Österreich Leute gesucht. Wenn ich aber als Jugendlicher weiß, was ich will und ein bisschen flexibel bin, dann sollte es kein Problem sein, heute eine Lehrstelle zu finden.

So entstehen neue Lehr­berufe

Der Prozess ist im Berufsausbildungsgesetz normiert, das ursprünglich aus dem Jahr 1969 stammt und ständig novelliert wurde. Hier ist auch der Bundes-Berufsausbildungsbeirat eingerichtet worden. Dieser ist paritätisch mit Arbeitgeber -und Arbeitnehmervertretern besetzt. Es werden laufend neue Lehrberufe entwickelt und auch bestehende novelliert.

Hier können sich Jugendliche Informationen zu den unterschiedlichen Lehrberufen einholen:
wwww.bic.at, www.probierdichaus.at

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