Analyse„Abgeschlossene Lehre ist mit einer Matura gleichzusetzen“

Gerhard Czelecz und Herbert Walser steuern die Lehrlingsausbildung für Siemens und Magna: ein Gespräch über den Wert der Lehre, Frauen in der Industrie, fehlende schulische Inhalte und Helikopter­eltern.

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Leitwölfe in der Lehrlingsausbildung: Herbert Walser (li., Magna) verantwortet 230 Lehrlinge, ­Gerhard Czelecz ­(Siemens) rund 54 © FUCHS JUERGEN
 

Sie prägen als Verantwortliche seit Jahren das Umfeld für Lehrlinge von Magna und Siemens. Industrie 4.0 und Digitalisierung sind jetzt die großen Schlagwörter – wie fließen sie in die Lehrlingsausbildung ein?
Herbert Walser: Bei manchen Berufen wie Mechatroniker schlägt sich das direkt nieder. In anderen Bereichen ist es indirekt spürbar, über den Einsatz von neuen Techniken oder Medien. Wir setzen zum Beispiel vermehrt Tablets anstelle von Lehrbüchern ein, damit sind wir in der Ausbildung flexibler.
Gerhard Czelecz: Ein Lehrling versteht etwas anderes unter Industrie 4.0 als wir. Das fängt bei der Wartung von manchen Maschinen an: Da bestimmt die Software der Maschine, wann es so weit ist. Die Maschine kommuniziert mit den Mitarbeitern, weiß, was sie braucht. Es ist ja irrsinnig spannend: Vor zehn Jahren haben wir Lehrlingen das Handy verboten, heute wollen wir, dass sie es haben, damit wir über verschiedene Kanäle kommunizieren können.

Es gibt eine inhaltliche ­Neuordnung der Lehre, wie verfolgt man das aus Praxissicht?
Czelecz: Die Schritte sind richtig, aber sie werden von Leuten gemacht, die oft zu wenig Erfahrung haben. Wir stehen vor einem Problem: Wir haben fast neun Millionen Einwohner, neun Bundesländer und fast neun unterschiedliche Lehrlingsprüfungen.
Walser: Wir sind schon miteingebunden worden, etwa was die Mechatronic betrifft.

Es gibt eine Menge neue Lehrberufe: Sind diese in der Lebensrealität der Lehrlinge schon angekommen?
Walser: Es gibt über 200 verschiedene Lehrberufe und über all diese Möglichkeiten ist weitgehend zu wenig bekannt. Da müsste man in der Berufsorientierung in den Schulen mehr tun. Positiv hervorzuheben wäre da das Talent-Center in Graz, wo Talente, Neigungen und Ausprägungen erfasst werden. Da findet mehr statt als im Berufsorientierungsunterricht.

"Die Rolle der Frauen ist in unserer Branche viel stärker geworden." Herbert Walser Foto © FUCHS JUERGEN

Zeigt der Imagewandel der Lehre erste Erfolge?
Czelecz: Es ist besser geworden – aber auch wir sind in Sachen Lehre besser geworden. Ich habe 15 Prozent Maturanten in der Lehrlingsausbildung.
WALSER: Früher war eine Lehre nach der Matura ein Abstieg. Heute wird es als Umstieg gesehen. Der Zuspruch von Maturanten, die eine Lehre machen wollen, hat zugenommen. Bei den Eltern sehen wir das Umdenken noch nicht so stark.
Czelecz: Was schade ist. Denn wenn bei uns ein junger HTL-Ingenieur eingestellt wird, dann hat er nicht viel mehr Gehalt als ein Facharbeiter. Durch die Lehre mit Matura hat jeder die Möglichkeit, dass er sich weiterbildet.

ZUR PERSON

Herbert Walser (55), verheiratet,
2 Söhne. Seit 1995 bei Magna, davon 18 Jahre als Leiter der Produktentwicklung (Fuel Systems). Seit 2014 Leiter des Berufsausbildungszentrums bei Magna Steyr in Graz.

Walser verantwortet 227 Lehrlinge in 13 (technischen) Lehr­berufen. Ausbildungsverbund mit Magna Powertrain (Standorte Lannach, Albersdorf, Ilz) sowie mit der Firma Magna Heavy Stamping in Albersdorf.

Staatlich ausgezeichneter Ausbildungsbetrieb seit 2006. Sieben hauptberufliche Ausbildungs­meister. Infos: lehre.magna.at


Haben sich die Lehrlinge verändert?
Walser: Der Altersschnitt der Lehrlinge geht nach oben. Wir liegen bei 16,5 Jahren, damit einhergehend gibt es eine gewisse Reife. Aber es gibt einen Gegentrend, dass sie etwas unselbstständiger geworden sind – Stichwort Helikoptereltern.
Czelecz: Der Schichtbetrieb kann ein Problem sein: Samstag ist ein Arbeitstag, das gefällt nicht allen. Sie wollen leben, das Geld spielt nicht unmittelbar eine Rolle.

Magna benötigt für 70 Lehrstellen 700 Bewerber, um die nötige Qualität herauszufiltern. War das Verhältnis früher auch so?
Walser: Das war früher nicht so, weil die Qualität besser war. 1:6 betrug früher das Verhältnis. Das Schulsystem trägt viel dazu bei: Gewisse Inhalte wurden aus dem Lehrplan gekürzt, aber es betrifft auch grundlegende Fächer. Und immer mehr ­drängen in weiterführende Schulen.
Czelecz: Ja, die Schulen müssten da umdenken und nachjustieren. Das, was wir 1968 als Aufnahmeprüfung hatten, ist heute Maturastoff. Es fehlen gewisse schulische ­Inhalte, etwa in der neuen ­Mittelschule. Wenn jemand ­beispielsweise bei einer ­Aufnahmeprüfung etwas ­geometrisch zeichnen muss und so etwas noch nie gesehen hat, dann hat er keine Chance. Wir versuchen gegenzusteuern, machen sehr viel Werbung, um Lehrstellen zu besetzen, gehen in die Schulen, die Groß­betriebe treten gemeinsam auf.
Walser: Wir müssen heute dort nachschulen, wo es in den Pflichtschulen hapert. Ich hatte im letzten Jahr sogar fünf Maturanten, davon haben drei den Einstufungstest nicht geschafft, die haben dann den Mathematikförderunterricht gemacht. In höheren Schulen werden Schüler oft durchgetragen.
Czelecz: Auf der anderen Seite sieht man, was man leistungsmäßig herausholen kann, wenn man sich mit Lehrlingen beschäftigt, auf sie eingeht.

Wenn Sie das so beschreiben, was ist man heute als Lehrlingsausbildner: Lehrer, Psychologe – was muss man können?
Czelecz: Alles (lacht).
Walser: Und man ist genauso Erzieher, was die Basics des Zusammenlebens betrifft, man ist auch Freund bis zu einem gewissen Grad.
Celecz: Man ist auch Gesundheitscoach. Ich hatte Eltern, die gesagt haben, mein Sohn raucht, dem werden Sie das nicht abgewöhnen. Da habe ich geantwortet: Dann können sie ihn wieder mitnehmen. Wir sporteln, machen Programme – manche Eltern sagen, mein Kind macht keinen Sport. Man braucht aber den Ausgleich.
Walser: Ich möchte das schon eingrenzen, wir jammern auf hohem Niveau. Was stimmt: Die Schere geht weiter auf. Wir haben sehr gute Lehrlinge, es gibt aber auch mehr Problemfälle heute. Das macht das Ganze so herausfordernd. Oder: abwechslungsreicher.

ZUR PERSON

Gerhard Czelecz (64), verheiratet, zwei Söhne; Lehre Stahlbauschlosser, Meister Schmiedewerkstätte; Ausbildungsleiter Lehrwerkstätte Siemens AG Graz Eggenberg, seit 2018 Siemens Mobility GmbH. Er verantwortet 54 Lehrlinge, davon 12 Mädchen, in acht Berufen Neuaufnahmen: 20 Lehrlinge.

Seit 1983 Vorsitzender der Prüfungskommission für Metallberufe bei der WK Stmk, mehrere Funktionen/Tätigkeiten in Ausschüssen der Berufsschulen, WK und IV für die ausbildenden Industriebetriebe Graz/Steiermark;

2010 Verleihung des Silbernen Verdienstzeichens der Republik Österreich; Lehrlingsausbildung: mehrere Auszeichnungen, etwa als Top-Ausbildungsbetrieb.


Sie spüren natürlich den demografischen Wandel, man braucht mehr Personal – wo gibt es die größten Problemzonen bei den Bewerbungen?
Walser: Das größte Hindernis ist die Sprache. Der Migrationsanteil bei den Bewerbern steigt wie die Anzahl jener, die den theoretischen Aufnahmetest nicht schaffen, weil sie die Sprache nicht beherrschen. Wir haben einen Lehrling, der durchgefallen ist, trotzdem aufgenommen, weil er in seinen Fähigkeiten für den Job so gut war. Wir sind heute vollauf ­zufrieden, er ist sehr fleißig, das einzige Problem ist die Sprache – und er tut sich schwer, sich zu integrieren.

Sie bieten den Lehrlingen immer mehr, auch abseits der monetären Basis: Was ist ­notwendig, um die Lehrlinge ins Unternehmen zu bringen?
Walser: Wir schwimmen nicht auf der Welle, dass wir einen Führerschein zahlen oder dass wir bei einer Auszeichnung ein Motorrad schenken. Wir haben andere Incentives: Auslands- und Aus­­tausch­programme mit anderen Unternehmen, wir zahlen das Top-Ticket. Aber viel wichtiger ist es, eine Perspektive zu bieten. Dass Lehrlinge, wenn sie fertig gelernt haben, auch einen Job bekommen. Wir bilden genauso viele Lehrlinge aus, wie wir brauchen. Und bieten die Aussicht in einem Weltkonzern Karriere zu machen.
Czelecz: Das ist bei uns ganz gleich. Wir sind keine großen Schenker, wir bieten die ­gleichen Sachen an. Die Lehre mit Matura ist für die Eltern ein sehr wichtiges Argument.
Walser: Das ist die am ­häufigsten gestellte Frage bei Berufsmessen. Wenn du das nicht machst, bewirbt er sich nicht. Das bieten wir an, 50 Prozent der Lehrlinge machen da mit.
Czelecz: Wichtig ist auch eine gute Mundpropaganda. Wenn ein Meister sich etwa um Lehrlinge intensiv kümmert – auch mit einem angenehmen Arbeitsklima kann man Lehr­linge gewinnen. Wichtig auch: In der Industrie verdienen Männer und Frauen gleich.
"Wichtig ist: In der Industrie verdienen Männer und Frauen gleich." Gerhard Czelecz Foto © FUCHS JUERGEN

Wissen die Lehrlinge, die sich bei Ihnen bewerben, wo die inhaltlichen Schwerpunkte in Ihren Unternehmen sind?
Walser: Wir erleben sehr oft, dass sie nicht unbedingt wissen, was wir machen.
Czelez: Wir erleben auch, dass nicht einmal gegoogelt wird, was wir machen.
Walser: Was auffallend ist: Jugendliche verbringen oft stundenlang im Internet, haben aber gleichzeitig Schwierigkeiten, zielgerichtete Informationen über etwas herauszufiltern. Etwa wenn es um eine Lehrstelle oder um einen Lehrberuf geht. Sie kennen sich aber top auf Youtube etc. aus.

Welche Lehre würden Sie heute machen?
Walser: Karosseriebautechniker. Das fasziniert mich von der handwerklichen Seite. Und die Aussichten in Richtung Oldtimer-Restaurierung sind exzellent.
Czelez: Heute würde mich Maschinenbautechnik interessieren, da hat man viele Möglichkeiten. Aber es ist jeder Beruf in jeder Firma anders, weil man überall andere Aufgaben bekommt.

Sie beide verfügen über ­unheimlich viel Erfahrung in der Ausbildung von jungen Menschen – gibt es Entwicklungen in der Ausbildung – ­sozial und inhaltlich –, die Sie sich vor zehn Jahren noch nicht hätten vorstellen können?
Czelez: Die Rolle der Frauen ist viel stärker geworden in unserer Branche und das hat sich toll entwickelt. Prozentmäßig haben wir bei den Lehrabschlussprüfungen doppelt so viele Auszeichnungen bei den Mädchen wie bei den Buben. Und wir haben gesehen, dass die 20- bis 25-jährigen Facharbeiter gute Ausbildner sind, die oft besser akzeptiert werden als ältere Ausbildner. Das hat sich ebenso geändert. Ganz wichtig: Wir suchen uns Lehrlinge aus. Kleine Firmen aus Gewerbe und Handel tun sich da oft schwerer.
Walser: Den Wandel bei den Mädchen sehe ich auch positiv, das ist eine ganz wichtige Gruppe an Lehrlingen geworden.
Czelez: Wir wollen letztlich immer herausstreichen, wie wichtig die gesamte Lehrlingsausbildung ist. In der internationalen Bewertung ist das längst klargemacht worden, auch in Österreich wird das in der Bewertung bald so umgesetzt: Die Matura ist gleichzusetzen mit einer abgeschlossenen Lehre, der Meister mit Matura ist gleichzusetzen mit einem ­Bachelor.