Frauen machen die Hälfte der Menschheit aus. Frauen leisten zwei Drittel der Weltarbeit. Frauen verdienen ein Zehntel des Weltlohns. Frauen besitzen ein Hundertstel des Weltvermögens. Frauen sind weltweit mehrheitlich von Armut bedroht.

Die kapitalistische Idee eines ungebremsten Wirtschaftswachstums ist in letzter Zeit in Verruf geraten: Klimakrise, Ausbeutung der Natur, schamlose Verschwendung von Lebensmitteln und nicht erneuerbarer Ressourcen bei gleichzeitigem Hunger und bitterer Armut in weiten Teilen der Welt sind die Themen. Auch die Erschöpfung vieler Menschen sowie die kontinuierlich steigende Armut alleinerziehender und alter Frauen sind drängende Herausforderungen unserer Zeit. Eine Ökonomie, die Probleme schafft, anstatt sie zu lösen, sollte überdacht werden: Denn Frauen sind nicht arm aufgrund ihres persönlichen Versagens, sondern aufgrund eines schwerwiegenden Systemfehlers: der Ungleichverteilung und Ungleichbewertung von Arbeit.

Der Kapitalismus bezahlt Produktionsarbeit mit Geld. Diese Arbeit genießt ein hohes Ansehen und wird der öffentlichen und somit männlichen Welt zugeordnet. Die Reproduktionsarbeit hingegen bleibt seit jeher unbezahlt, denn sie geschieht angeblich "aus Liebe", im privaten Raum und gehört in die "Sphäre" der Frauen. Diese Spaltung in wertvolle, bezahlte Arbeit und minderwertige, unbezahlte Arbeit bringt eine Schieflage in das Geschlechterverhältnis. Eine klare Aufgabenteilung definierte den Mann im Fordismus als Alleinverdiener und bestimmte die Rolle der Frau als dienendes Pendant an seiner Seite: zuständig für Kinderaufzucht und Pflege. Dieses historische Erbe ist heute noch für schlechtere Aufstiegschancen und ungleiche Bezahlung von Frauen verantwortlich.

Noch immer sind erwerbstätige Frauen für die unbezahlten Tätigkeiten wie Einkaufen, Putzen und Pflege parallel zur Berufsarbeit zuständig.
Während also der Großteil der älteren Frauen durch Karenz- und Kinderbetreuungszeiten, Teilzeitarbeit und Altenpflegezeiten auf eine lückenhafte Erwerbsbiografie zurückblicken und trotz ihrer verausgabenden Doppelbelastung vom Pensionsrechner im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen deutlich benachteiligt werden, weigern sich die reichen Staaten und Wirtschaftssysteme Europas hartnäckig, ausreichend in Einrichtungen zur Kinderbetreuung und Altenpflege zu investieren. Diese Systeme zur Bestrafung der Mütter und Frauen verursachen den Großteil des Gender Pay Gaps.

Kinder gelten in den westlichen Industriestaaten längst nicht mehr als öffentliches Zukunftskapital der Gesellschaft. Ausgelagert als privater Luxus der Eltern, den man/frau sich leisten können muss, wird verkannt, dass die "Aufzucht des Humankapitals" die wichtigste Grundlage jeder Gesellschaft ist. Ohne junge Menschen, in die, in Geldwerten unmessbar, Liebe, Fürsorge und Zeit investiert worden sind, kann kein Wirtschaftssystem existieren.

Und ja, es gibt sie: die Frau, die im System mitmachen darf und auf die, innerhalb jeder Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit, als Beweis einer bereits längst erfolgten Gleichstellung, verwiesen wird. Es gibt die Spitzenpolitikerin, es gibt die gut verdienende Ärztin und die erfolgreiche Anwältin. Frauen dürfen mitmachen, solange sie männliche Spielregeln akzeptieren, die lauten: Bezahlte Arbeit, also Produktionsarbeit und Arbeit im öffentlichen Raum, ist wertvoll und sichtbar. Die Reproduktionsarbeit bleibt unbezahlte Schattenarbeit im Privatbereich und wertlos. Diese Form von Arbeit soll verschwiegen, nebenbei verrichtet oder ausgelagert werden.

Die Grundlage zur "Sorgekrise", in der wir uns längst befinden, ist geschaffen. Eine neoliberale Inklusion der Frauen in den Arbeitsmarkt führt dazu, dass die Pflegearbeit weiter prekarisiert wird: Frauen, die es sich leisten können, beschäftigen in Zukunft Frauen aus ärmeren Ländern und verlagern somit das Problem nach Rumänien und Bulgarien. Diese Frauen verlassen ihre eigenen Kinder zugunsten der Kinder- und Altenbetreuung in reicheren Ländern und verdingen sich im Dienste des Wohlstands der mitteleuropäischen Frauen zu unwürdigen Frondiensten. Innerhalb dieser Logik der Sorgekette kann eine privilegierte Frau "emanzipiert" am Erwerbsleben teilhaben, weil eine scheinbar weniger emanzipierte, unterprivilegierte Frau deren häusliche "Pflichten" übernimmt. Der Widerspruch zwischen der privaten und öffentlichen Arbeit löst sich nicht auf, sondern verschiebt sich lediglich.

Die weltweite ökonomische Ungleichheit ist verflochten mit der Geschlechterungerechtigkeit. Unter den 1.810 Milliardären der Forbes-Liste sind 89 Prozent Männer. Diese besitzen zusammen so viel wie 70 Prozent der gesamten Weltbevölkerung. Auch der internationale Wirtschaftsfond warnt inzwischen davor, dass die Stabilität und soziale Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft von dieser Entwicklung untergraben wird. Es zeigt sich, dass das weltweite Monopol auf Kapital von Männern Frauen systematisch in Abhängigkeit und Ungleichheit hält. Wirtschaftliche Stärkung von Frauen hat sich als beste Waffe im Kampf gegen Armut erwiesen.

Die Einbeziehung von Frauen in das Finanzsystem erhöht die institutionellen Gewinne, senkt Risiken, verstärkt die Transparenz. Die Beteiligung von Frauen am Welthandel erhöht die Widerstandsfähigkeit und Innovationskraft einer Nation. Frauen kultivieren mit ihren Investitionen Humankapital, es steigen die Investitionen in die Gemeinschaft und Wohltätigkeit. Sind Frauen auf Führungsebenen in der Wirtschaft vertreten, folgen höhere Gewinne, niedrigere Risiken und weniger Umweltschäden.

Die besten Wirtschaftsergebnisse lassen sich erzielen, wenn Männer und Frauen gleichberechtigt zusammenarbeiten. Paare, die sich Hausarbeit und Beruf teilen, haben eine engere Bindung zu ihren Kindern und erleben höhere Produktivität. Global gesehen muss es darum gehen, aus dem permanenten Wachstum auszusteigen und nachhaltigere und gerechtere Formen des Wirtschaftens und Lebens für alle zu entwickeln.

© Puch Johannes