Dossier

Alle Wahlcasts zum Nachhören

Mit unserem neuen Format „WahlCast“ haben wir die Politik für Sie auf Schiene gebracht.

Dem Podcast mit dem Titel "WahlCast", der über alle gängigen Podcast-Plattformen gratis angehört und heruntergeladen werden kann, liegt eine einfache Idee zu Grunde: Weg von kurzen Stehsätzen hin zum ausgiebigen Gespräch. Plaudern über Politik, das Zugfahren und Privates.

Was sind Podcasts?

Podcasts sind Audio-Gespräche, die in Serie erscheinen und ein bestimmtes Setting haben – im Fall unseres WahlCast eine Zugfahrt mit den Spitzenkandidaten. Sie lassen sich auf allen Geräten mit Internetzugang hören. Podcasts sind größtenteils gratis. Alles, was Sie dazu brauchen, ist eine Podcast-App. Davon gibt es unzählige, die meisten davon sind kostenlos

Sebastian Kurz

"Gebe Kickl die Hand, aber mit Pilz tu ich mir schwer"

ÖVP-Chef Sebastian Kurz rittert auch bei dieser Wahl um Platz eins. Ein Gespräch über die „Idealvorstellung“ Alleinregierung, Luxus und das Geheimnis seiner Frisur.

Sebastian Kurz mag Kontrolle, er will Herr sein über das eigene Narrativ. Als einziger Kandidat fragt er vor Start der Podcast-Aufnahme nach bevorstehenden Fragen, mittendrin bricht er ab und will wissen, in welche Richtung es nun geht. In seiner Freizeit setzt Kurz auf die Kontrolle seines Körpers – Sport im Fitnessstudio und Bergsteigen gehören zu seinen Hobbys.

Kann er auch manchmal gar nichts machen? „Extrem gern, aber leider viel zu selten.“ Dann liege er auf der Couch oder im Bett. „Manche stellen sich vor, dass Politiker ein anderes Leben führen“, erzählt er während der Fahrt von Wien nach Linz. „Die Wahrheit ist: Sobald man privat ist, macht man genau das Gleiche wie alle anderen auch.“ Daheim trägt Kurz gerne Jogginghose. „Wer glaubt, dass ich daheim im Anzug herumrenn’, der irrt.“

"Das kann ich natürlich nicht beantworten"

Couch und Bett teilt sich Kurz mit seiner langjährigen Freundin Susanne Thier, die er mit 18 kennengelernt hat. Zur Beziehung zu ihr möchte er aber nichts sagen, stellt Kurz bereits kurz nach Abfahrt aus Wien und vor Beginn der Aufzeichnung klar. Thier, die im Finanzministerium tätig ist, scheut das Rampenlicht – und Kurz deshalb Fragen über sie. Ebenso wie Fragen zu möglichen Koalitionsvarianten. „Das kann ich Ihnen natürlich nicht beantworten“, sagt er kurz nach Überqueren der niederösterreichischen Grenze.

Und er warnt bei dieser Gelegenheit erneut vor einer Regierungsbildung an dem möglichen Wahlsieger ÖVP vorbei. Auch auf das Gedankenspiel „Koalitionswahl in einer idealen Welt“ will er sich nicht einlassen. Nur so viel: „In einer idealen Welt gibt es natürlich die Möglichkeit, alleine zu regieren und 100 Prozent der eigenen Ideen umsetzen zu können.“

"Mit Peter Pilz tue ich mir schwer"

Für das Werben für diese Ideen und das Setzen von Themen hat Kurz ein außergewöhnlich gutes Gespür. Von kleinen – und schon damals seltenen – Öffentlichkeitspannen wie dem „Geilomobil“ ist der Politiker heute kilometerweit entfernt. Mit Kurz’ Übernahme der ÖVP ging die Einrichtung einer hochprofessionellen Kommunikationsstrategie einher, der sich sogar der für stilles Verhalten nicht gerade bekannte Koalitionspartner FPÖ gefügt hatte. Ausgeschert ist dabei nur Ex-Innenminister Herbert Kickl, dem Kurz heute auf der Straße „natürlich die Hand geben“ würde.

„Ich habe mit allen Spitzenpolitikern eine ordentliche Gesprächsbasis“, bekräftigt er im Gespräch. „Der Einzige, mit dem ich mir wirklich schwer tue, ist Peter Pilz.“ Dieser beschädige mit „seinem ständigen Skandalisieren“ das „Ansehen der Politik in Summe“.

Dass er einmal Spitzenpolitiker sein würde, habe er so nie geplant, betont Kurz gerne in Interviews. Und manchmal erzählt er dabei auch die Geschichte, als er bei der Jungen ÖVP in seinem Heimatbezirk Meidling angeklopfte, um sich dort einzubringen. Doch er wurde weggeschickt. Niemand wusste, was man mit einem Schüler anfangen soll. Eine Anekdote, die zeigen soll: Kurz ist nicht wegen Gehalt und Prestige in die Politik gegangen, sondern aus Überzeugung und Liebe zu christlich-sozialen Themen.

Während seiner Tätigkeit als Kanzler kann er sich dennoch an keinen besonderen Moment erinnern, der ihm ewig im Gedächtnis bleiben wird. „Da die Arbeit eine so herausfordernde und stressige und die Verantwortung eine so große ist, ist es eher so, dass ich die Verantwortung spüre und ständig darüber nachdenke, ob man etwas besser machen kann“, erklärt Kurz und blickt für einen Moment aus dem Fenster. „Und ich denke auch oft daran, was morgen auf uns zukommt.“

 

Dass dieses „morgen“ für Kurz meistens ein Aufstehen in den frühen Morgenstunden mit sich bringt, findet er nicht gut, wie er während der Fahrt gesteht. „Deshalb rette ich jede Minute, die ich in der Früh habe, um länger zu schlafen.“ Im Bad brauche er deshalb nie besonders lange, auch Pflegeprodukte verwende er nicht. Das Geheimnis seiner Frisur, die inzwischen zu seinem Markenzeichen geworden ist, erklärt der Ex-Kanzler pragmatisch: „Es geht recht schnell und es fällt mir auch nichts Besseres ein.“

Ein Luxus, den Kurz genießen kann, ist Zeit, sagt er. „Mit der Familie, mit der Freundin, mit Freunden – und das Handy für zwei Stunden auf lautlos schalten.“ Zeit fürs Zugfahren bleibt ihm wenig, die meisten Termine absolviert er mit dem Auto. An seine erste Zugfahrt kann sich Kurz nicht mehr erinnern. „Ich schätze, die war schon in meinem ersten Lebensjahr. Mich daran erinnern zu können, wäre ein bisschen überirdisch.“

Pamela Rendi-Wagner

"Ja, der Klimawandel macht mir Angst"

Auf der Zugfahrt von Wien nach Linz spricht SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner über Klimawandel, ihre Polit-Karriere und wie sie mit schlechten Umfragewerten zurechtkommt.

Es gibt ein Thema, bei dem der schmale Grat, auf dem Pamela Rendi-Wagner als Spitzenkandidatin der SPÖ unterwegs ist, besser sichtbar wird als allem anderen, über das die Kleine Zeitung auf der Fahrt von Wien nach Linz mit ihr spricht – und das ist die Frage nach dem Klimawandel.

„Ja, ich habe auch Angst“, sagt die 48-Jährige, die erst im vergangenen Herbst Christian Kern an der Spitze der Sozialdemokratie nachgefolgt ist – und nicht nur das, sie wird auch in der Familie in die Verantwortung genommen: „Ich habe eine 14-jährige Tochter, die bei Fridays for Future mitgeht, die das Thema auch an den Frühstückstisch mitnimmt.“

Und dann ist da noch ihre Erfahrung als Tropenmedizinerin: „Ich beschäftige mich schon lange mit dem Klimathema, weil dadurch auch Krankheiten zu uns kommen – mehr Allergien, neue Infektionskrankheiten“, sagt Rendi-Wagner, spricht über Menschen in kleinen Wohnungen in den Städten, die sich keine Klimaanlagen, leisten können, über Hitzetote und dass etwas gemacht werden muss: „Es ist ein soziales Thema, es ist ein Überlebensthema, wir müssen das angehen.“

Um dann wieder zu relativieren: „Aber nicht auf dem Rücken der Menschen, die sich nicht alles leisten können“ – Pendler, die auf das Auto angewiesen sind, sollen natürlich weiter damit fahren können, bis, „Schritt für Schritt“, der öffentliche Verkehr so weit ausgebaut ist, dass jeder umsteigen kann. „Niemand soll bestraft werden, der es sich nicht leisten kann“, sagt Rendi-Wagner.

Auf Parteilinie

Es ist ein authentischer Moment, in dem die Expertin, die erst wenige Stunden, bevor Christian Kern sie als Ersatz für die plötzlich verstorbene Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser in seine bereits im Zerfall begriffene Regierung holte, der SPÖ beigetreten ist, mit der Differenzierung ringt, einerseits ein evidentes Problem zu lösen – und andererseits wählbar zu bleiben, indem sie der Linie ihrer Partei treu bleibt.

Foto © Rendi-Wagner bei der Zugfahrt mit den Kleine-Redakteuren Georg Renner und Ambra Schuster.

In den Wochen vor der Wahl hat sich Pamela Rendi-Wagner merklich professionalisiert. Keine Spur mehr von der eher misslungenen Inszenierung in den Wochen nach dem Absturz der SPÖ bei der EU-Wahl und dem Sturz der Regierung Sebastian Kurz’, als Rendi-Wagners Spitzenkandidatur innerparteilich auf der Kippe stand.
Die Medizinerin hat in ihre Rolle gefunden, Sätze wie „eine Politik des Miteinanders statt Angst und Hetze“ gehen ihr inzwischen leichter von der Zunge, die Message „türkis + blau = Instabilität“ sitzt in Interviews und Fernsehdiskussionen.

In diesen Tagen will sich Rendi-Wagner nicht allzu lange mit ihrer Person aufhalten; man glaubt ihr, wenn sie sagt, „es geht ja nicht um mich und meine Befindlichkeiten, da geht es um Plan und Ziel“.
Vielleicht auch eine Strategie, mit Umfragewerten umzugehen – von einem Duell um die Spitze mit Kurz’ ÖVP kann für die SPÖ keine Rede sein: Nachdem die Grünen, 2017 von Kern aus dem Parlament gedrängt, bei dieser Wahl stark zulegen dürften, muss die Sozialdemokratie sogar um Platz 2 bangen, die Ibiza-geschwächten Freiheitlichen liegen gleichauf.

Rendi-Wagner gibt sich unverdrossen: „Ich spüre was anderes in der Bevölkerung – da ist eine Dynamik; die wahre Umfrage ist der Wahltag“; außerdem dürfe man sich in der Politik nicht nur an Statistiken und Umfragen orientieren“.

Es dürfte auch kein Zufall sein, dass sie auf der Frage nach den Stationen ihrer politischen Blitzkarriere – Sektionschefin, Ministerin, Nationalratsabgeordnete, Parteichefin und nun Spitzenkandidatin, alles in weniger als zwei Jahren – mit „der Weg entsteht im Gehen“ antwortet: dem Zitat eines spanischen Dichters, das Alfred Gusenbauer zum Titel seiner Autobiografie erkoren hat, nachdem er 2007 überraschend Wolfgang Schüssel (ÖVP) als Bundeskanzler abgelöst hatte.
Im Gegensatz zu Gusenbauer will Rendi-Wagner aber erst spät daran gedacht haben, in die Politik zu gehen. Erst im Ministerium sei ihr klar geworden, dass sie am meisten „für die Gesundheit der Menschen erreichen könnte“.

Immer wieder kommt sie auf ihren alten Beruf zurück, zeichnet Bilder, die ihre Expertise hervorstreichen sollen. Zum Beispiel, wenn sie über Ungleichheit spricht, ein Kernanliegen der SPÖ: „Ich bin Ärztin: Sie werden dann krank, wenn das Gleichgewicht des Organismus in Ungleichgewicht tritt; und das will ich nicht“.
Und wo ist ihre Schmerzgrenze, wenn das bei der Wahl nicht gewürdigt werden sollte? „Die Frage stelle ich mir nicht. Ich bin jemand, der gelernt hat auf ein Ziel zuzuarbeiten und mich nicht abbringen zu lassen.“

Norbert Hofer

"Auffallend, dass 'Einzelfälle' immer mit der FPÖ verbunden wird"

Nach Ende der Ära Strache versucht Norbert Hofer, die FPÖ zwischen Rechtsaußen und Pragmatikern zusammenzuhalten. Wie er von Ibiza erfahren hat, was seine erste Reaktion war – und wo er seine Zukunft sieht, erzählt er im Kleine-"WahlCast".

Serie: Wahl-Podcast

Von dem Ibiza-Video, das seinen Lebensplan für die nächsten Jahre über den Haufen werfen sollte, hat Norbert Hofer nicht aus der eigenen Partei erfahren – sondern von Sebastian Kurz, jenem Mann, den er nun im Wahlkampf in einer ironischen „Paartherapie“ davor bewahren will, „nach links zu kippen“.

Er erfuhr davon erst in den Morgenstunden des 17. Mai: an jenem Tag, an dem „Süddeutsche“ und „Spiegel“ das Video von den Exzessen Heinz-Christian Straches und Johann Gudenus’ schließlich am Abend veröffentlichen sollten. „Ich hab an diesem Tag in der Früh einen Flug nach Innsbruck vorbereitet“, erzählt Hofer. Damals war er noch Infrastrukturminister und hatte einige Termine in Tirol zu erledigen. Bei den Berechnungen für den Flug – der passionierte Pilot wollte selbst fliegen – bemerkte er, dass Kurz in der vergangenen Nacht mehrmals versucht hatte, ihn am Handy zu erreichen.

„Ein Anruf um Mitternacht, einer um 0.40 Uhr. Ich hab ihm dann gleich ein SMS geschickt, dass ich jetzt erreichbar bin – er hat dann gleich angerufen“, erinnert sich Hofer: Was mach ma jetzt?, wollte der damalige Bundeskanzler wissen – „ich hab ihm gesagt, ich flieg nach Innsbruck. Und er hat gemeint, nein, wegen des Videos. So habe ich das erste Mal davon gehört.“

Was folgte, ist bekannt: Am Abend sah Hofer – plangemäß in Innsbruck – das Video. „Ich war sauer. Richtig sauer, dass es möglich war, dass so was entsteht, dass so was gesagt wird.“ Und noch in dem Moment habe er gewusst, „was jetzt auf mich zukommt“.

Foto © Hofer im Gespräch mit den Kleine-Redakteuren Georg Renner und Christina Traar

Der erfolgreichste Freiheitliche

Spätestens, als er auf dem Parteitag der Freiheitlichen in Graz offiziell zum Nachfolger Heinz-Christian Straches an der Parteispitze gewählt wurde, ist klar, was damit gemeint ist: Hofer, 48 Jahre alt und mit seiner Kandidatur zur Bundespräsidentschaft 2016 der erfolgreichste FPÖ-Wahlkämpfer aller Zeiten – er unterlag Alexander Van der Bellen, erhielt aber 2,1 Millionen Stimmen – führt die Partei in die Nationalratswahl und in die folgenden Koalitionsverhandlungen.

Es ist ein Bruch gegenüber seinem Vorgänger Strache, der der Partei 14 Jahre lang vorgestanden ist. Wo er immer wieder gepoltert hatte, gibt sich Hofer als ruhig und freundlich, inszeniert sich als Brückenbauer, der die Zusammenarbeit mit anderen Parteien sucht – aktuell mit niemandem mehr als mit Kurz und seiner ÖVP, um die Koalition fortzusetzen, die nach Ibiza zerbrochen ist.

Wie das damit zusammenpasst, dass er und die FPÖ Kurz wenige Tage später gemeinsam mit SPÖ und Jetzt das Misstrauen ausgesprochen haben? „Wenn der FPÖ ein Minister aus der Regierung gekickt wird, kann man nicht davon ausgehen, dass wir umgekehrt allen anderen das Vertrauen aussprechen“, sagt Hofer in Hinblick auf seinen Klubobmann Herbert Kickl, an dessen Position als Innenminister die Koalition zerbrochen war – er weiß, die Partei kann in dieser sensiblen Zeit keinen internen Konflikt brauchen, muss Einigkeit demonstrieren.

Der kleinste gemeinsame Nenner der Rechten

Umso mehr, als die FPÖ heute weit auseinanderliegende Flügel hat: den harten, rechten Kern in Wien und Niederösterreich, der in den Oppositionsjahren gelernt hat, wie viel Erfolg man mit deftigen Ansagen und Attacken haben kann – und einen rechtspragmatischen Flügel in den Bundesländern, wo manche Gefallen daran gefunden haben, in Landesregierungen zu sitzen.
Hofer gilt zwischen diesen Lagern als kleinster gemeinsamer Nenner – nicht zuletzt, weil er ein exzellenter Redner ist, der solche Differenzen mit rhetorischen Techniken wegerklären kann:

Gespaltene Flügel? „Freiheit ist unser höchstes Gut, wir sind kein monolithischer Block.“ Aktionen wie das Schild „Ausreisezentrum“, das Kickl an Asylquartieren montieren ließ? „Zunächst muss man sagen, Asyl heißt Schutz auf Zeit.“ FPÖ-„Einzelfälle“ von Unterkunft für die Identitären bis zum „Rattengedicht“? „Was mir auffällt, ist, dass der Begriff Einzelfälle immer mit der FPÖ verbunden wird. Erlauben Sie mir, obwohl ich nicht gerne auf andere Parteien zeige, auf die SPÖ zu schauen ...“

Und was kommt nach der Wahl? „Sollte die Koalition fortgesetzt werden, werde ich die Regierung nicht nach drei Jahren verlassen, um abermals bei der Präsidentschaftswahl anzutreten“, verspricht Hofer. Langfristig sei sein Plan für nach der Politik jedenfalls, auch hauptberuflich Pilot zu werden, vielleicht sogar Fluglehrer: „Ich hab aber den Verdacht, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis es so weit ist.“

Peter Pilz

"Kurz muss Angst haben, dass Hofer mit dem Verlobungsring kommt"

Peter Pilz kämpft um den Wiedereinzug ins Parlament. Im Zug von Linz nach Salzburg erzählt er, wie er sich seinen Ruf als Egomane erklärt, wo er sich politisch einordnet und von seiner Liebe zu Polo-Shirts.

Der Begriff Spaltpilz mag ein platter Wortwitz mit dem Namen des 65-Jährigen sein, doch für Peter Pilz könnte er kaum passender sein. Fans feiern ihn als Aufdecker, Kritiker bezeichnen ihn als Egomanen mit spitzer Zunge. Kritik, die Pilz durchaus nachvollziehen kann, wie er im Zug erzählt. „Viele haben mich schon gefragt, ob ich über die Existenz von Türen informiert bin, weil ich immer mit dem Kopf durch die Wand gehe.“

Das dürften sich auch viele Parteikollegen gefragt haben, als Pilz noch bei den Grünen war. Dort galt er als lautester Kritiker von Ex-Parteichefin Eva Glawischnig und fiel mehrfach mit populistischen Parolen auf. Als ihn seine Partei 2017 mit einem für ihn unwürdigen vierten Listenplatz straft, gründet er seine eigene – die „Liste Pilz“.

"Unvermeidliche" Trennung von den Grünen

Dieser Schritt sei „eine politische Trennung gewesen, die unvermeidlich war“, erzählt er heute. „Es war schade, dass das notwendig war, aber das ist damals nicht in die richtige Richtung gegangen.“ Angesprochen auf Umfragen, die Pilz einen Rauswurf aus dem Nationalrat prophezeien, gibt sich der Listengründer gelassen. Davor habe er „genau gar keine Angst“. „Das zweite Antreten ist das Schwierigste – nach den ganzen Kinderkrankheiten und sinnlosen Streitereien.“

Letztere hatten immer wieder für Schlagzeilen gesorgt. Martha Bißmann wurde 2018 aus dem Klub geworfen, nachdem sie ihr Mandat nicht für Pilz hatte räumen wollen. Im Sommer verkündeten fünf der sieben Abgeordneten ihren Abgang.

Vorwürfe der sexuellen Belästigung

Im Herbst 2017 stand Pilz selbst im Fokus der Kritik. Eine Ex- Mitarbeiterin erhob Vorwürfe der sexuellen Belästigung gegen den Politiker, zudem wurde ein weiterer Vorfall bekannt. Wenig später verkündete der Parteichef seinen Rücktritt. Er müsse dazulernen im Umgang mit Frauen.

Heute, zwei Jahre und ein eingestelltes Verfahren später, sitzt Pilz wieder als Spitzenkandidat im Interview. Hat er doch nichts gelernt? „Mir war damals einfach wichtig, zu zeigen: Ich nehme auch falsche Vorwürfe ernst und ich wollte ein Zeichen des Respekts setzen.“ Zudem beklagt er eine neue „Verbotskultur“, die sich etabliere. „Wir müssen uns alle neu orientieren und unsere Freiheiten neu bestimmen und verteidigen.“ Aus der „MeToo“-Bewegung nehme er die Bedeutung von „noch mehr Sensibilität und Respekt“ mit.

"Kurz muss vor Hofer Angst haben"

Bei seinen politischen Mitbewerbern ist Pilz hingegen nicht gerade für Sensibilität bekannt. Vor allem ÖVP-Chef Sebastian Kurz bedachte der Steirer mit Bezeichnungen wie „Baby-Trump“, „Feigling“ und „Karl-Heinz Grasser, der statt an Geld an Macht interessiert ist“. Hat ihn Kurz deshalb je angerufen und angeschrien? Pilz winkt ab. „Wir tendieren beide nicht zum Schreien“, man habe einen normalen Umgang miteinander. Derzeit habe er sogar „ein bisschen Mitleid“ mit dem ehemaligen Kanzler. „Der muss ja derzeit Angst haben, dass hinter jeder Ecke der Norbert Hofer mit einem Verlobungsring und Rosensträußen steht“, sagt er und lacht kurz auf. „Das muss schrecklich sein.“

Pilz hat sich im Laufe seiner Karriere den Ruf des Aufdeckers erarbeitet. In Untersuchungsausschüssen wirkt er wie ein Fisch im Wasser, ist stets vorbereitet und wirft den Befragten medienwirksam Aktenseiten um die Ohren. In den Fällen Lucona, Eurofighter und Co. brachte er zahlreiche Vorgänge ans Tageslicht. Kritiker bemängeln jedoch, dass für viele der teils schweren Anschuldigungen die Beweise fehlen.

Flexibler Extremist?

Eine politische Einordnung des Steirers fällt ebenfalls schwer. In Verteilungsfragen vertritt er teils sehr linke Positionen, beim Thema politischer Islam sind diese weit rechts angesiedelt. Ist er schlicht ein flexibler Extremist?, lautet die Frage während der Zugfahrt. „Nein, ich bin ein rechter Linker und ein linker Rechter.“

Dass das Polit-Urgestein seit Jahren auf Poloshirts und Jeans setzt, habe keine modischen, sondern schlicht praktische Gründe. „Dann stehe ich in der Früh nicht vor dem Schrank und frage mich: Was zieh ich bloß an? Ich greife rein und nehme das Oberste, weil ich weiß, dass das darunter genau gleich ausschaut.“ So habe er sich „sicher Monate meines Lebens gespart“.

An seine erste Zugfahrt kann sich Pilz gut erinnern. „Das war mit der Schmalspurbahn von Kapfenberg nach Thörl. Und das Wunderbare damals war: Man konnte während der Fahrt aussteigen und Blumen pflücken und trotzdem rechtzeitig in den letzten Waggon einsteigen“, erinnert er sich. „Das haben wir auch immer gemacht, deshalb war die Strecke weitgehend blumenfrei.“

Werner Kogler

"Vielleicht glaubt Glawischnig wirklich, dass sie was bewegen kann"

Werner Kogler hat die Grünen aus dem Tal der Tränen in luftige Umfragehöhen geführt, sie danken es ihm mit Einigkeit. Was den Volkswirt, der in der Schule Strafarbeiten schreiben musste, antreibt. Kogler im Gespräch im "Wahlcast".

Die Bezeichnung „Trümmermann“ lässt Werner Kogler kurz das Gesicht verziehen, während er in die vorbeiziehende Landschaft blickt. Und trotzdem passt sie für den Mann, der jene Aufgabe übernommen hat, um die sich bei den Grünen niemand gerissen hat – den Wiederaufbau.

Den „Betriebsunfall“, wie der 57-Jährige den Rauswurf der Grünen aus dem Parlament nach dem desaströsen Ergebnis bei der Nationalratswahl nennt, habe er schon wenige Tage vor der Wahl kommen sehen und seine Parteikollegen gewarnt. Vergeblich. Statt den Überlebenskampf auszurufen, wurde Zuversicht demonstriert. Das mussten die Grünen mit ihrem Platz im Nationalrat bezahlen. Fördergelder verschwanden, die hohen Schulden aus dem Präsidentschaftswahlkampf blieben.

Auf Drängen der Kollegen ließ Kogler die zweite Reihe hinter sich und übernahm die am Boden liegende Partei. Er musste einen Finanzplan entwickeln, entmutigte Abgeordnete und entlassene Mitarbeiter trösten und ein Kernteam zum Weitermachen animieren. In der Parteizentrale, aus der die Grünen 2017 ausziehen mussten, hatte man Kogler aber ohnehin selten angetroffen, wie er während der Fahrt erzählt. „Ich sitze lieber in einem Gemeinschaftsbüro oder im Kaffeehaus – das ist mein Arbeitsplatz.“

Foto © Kogler im Gespräch mit Politik-Redakteurin Christina Traar, Ambra Schuster (r.) und Sebastian Krause sorgten für den guten Sound.

Folgsame Parteikollegen dank "Betriebsunfall"

Dass die verpatzte Nationalratswahl den Grünen nach wie vor tief in den Knochen sitzt, erleichtert Koglers Arbeit. Denn der Widerstand gegen seine Neuausrichtung der als abgehoben verschrienen Partei bleibt aus. Sogar „schwierigere“ Funktionäre fügten sich den Plänen des hemdsärmeligen Urgesteins. Zu groß ist die Dankbarkeit, dass er sich diese Aufgabe angetan hat. Bereut hat er diesen Schritt nie, wie der Umweltökonom und Volkswirt bei der Zugfahrt erzählt. Den Beruf des Politikers habe er sich nie ausgesucht. „Aber dann habe ich Feuer gefangen – und das ist bis heute da. Wenn der Funke einmal nicht mehr überspringt, sollte man sofort aufhören.“

Ans Aufhören ist derzeit aber nicht zu denken. Umfragen bescheinigen den Grünen nicht nur den Wiedereinzug in den Nationalrat, sondern auch ein gutes Ergebnis. Dass Ökothemen im Wahlkampf überraschend Hochkultur haben, kommt Kogler entgegen. Während andere Partei krampfhaft nach einer Linie suchen, kann der Steirer auf grüne Forderungen verweisen, die seit Jahren bekannt sind.

Glawischnig bei Novomatic: "Da bin ich entspannt"

Für weniger Begeisterung dürfte hingegen so manches Gesicht aus der Vergangenheit sorgen. Doch Kogler, der in einer Lebensgemeinschaft lebt, ist nicht nachtragend, dem Ex-Parteikollegen Peter Pilz wirft er öffentlich ebenso wenig Steine nach wie Vorgängerin Eva Glawischnig. Würde er ihr auf der Straße begegnen, würde er „natürlich“ mit ihr reden, sagt er. Von ihrem Wechsel zu Novomatic habe er in einem Zug erfahren. „Ich war am Weg in ihre Heimat – nach Kärnten. Trotz schlechter Verbindung haben wir dann vereinbart, dass sie ihre Parteimitgliedschaft zurücklegt.“ Glawischnig wolle bei Novomatic etwas bewegen „und vielleicht glaubt sie das wirklich. Ich bin da aber relativ entspannt“, sagt Kogler heute.

Entspannung findet er auch privat im Zug. Seinen Urlaub bestreitet Kogler gern via Schiene, besonders Hafenstädte haben es ihm angetan. „Das geht viel leichter, als man glaubt. Und ich habe ein Faible für Hotels am Bahnhof, weil ich dann gleich weiterfahren kann. Und das sind oft wilde Absteigen.“

"Im Nationalrat kenne ich mich ja aus"

Eigentlich hätte Koglers nächste Station EU-Parlament heißen sollen. Doch der Versuch, neue Gesichter für die Parteiführung aufzubauen, scheiterte an der Neuwahl. Wieder musste Kogler anpacken – und den Umzug nach Brüssel absagen. „Natürlich hat man sich gedanklich schon umgestellt und ich habe mich auch gefreut darauf. Aber bei der EU-Wahl kamen schon die ersten Zurufe, dass ich den Spitzenkandidaten machen soll.“ Jetzt sei er damit zufrieden. „Im Nationalrat kenne ich mich ja aus.“

Dort hat der Grüne jahrelange Erfahrung, ist bekannt für wortgewaltige Reden, die kein Ende kennen. Ob er privat ein mühsamer Gesprächspartner ist? „Vielleicht schon, aber weil ich da eher zu wenig rede. Da fragen sich die Leute, ob ich überhaupt geistig anwesend bin.“ Zu Schulzeiten hat ihn das Schwätzen nicht in Bedrängnis gebracht – sehr wohl aber das Zuspätkommen. Dafür hagelte es Strafarbeiten. „Ich habe mich damals einfach nur für Partys und Fußball interessiert.“ Gut ausgegangen ist es trotzdem, „sogar eine Auszeichnung haben sie mir bei der Matura umgehängt – das war mir fast ein bisschen peinlich“.

Beate Meinl-Reisinger

"Ich mach' ihnen auch die Kanzlerin"

Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger im WahlCast der Kleinen Zeitung - ausnahmsweise am Bahnhof statt im Zug: Ein Gespräch über Kindergärten, unpopuläre Maßnahmen und wie sich Spitzenpolitik mit einem Baby vereinbaren lässt.

"Leben ist das, was einem zustößt, während man dabei ist, Pläne zu machen“. Das mag wie ein Kalenderspruch klingen, wie man ihn zu tausenden von entfernten, ein wenig peinlichen Facebook-Freunden in die Timeline gespült bekommt. Aber wenn ihn Beate Meinl-Reisinger sagt, wirkt das dann doch recht authentisch.

Erst im Vorjahr hat die heute 41-Jährige nach dem Rücktritt Matthias Strolz’ die Führung der Neos übernommen; jener Kleinpartei, die sie einst mitgegründet hat, mit der sie 2013 ins Parlament und 2015 in den Wiener Gemeinderat eingezogen ist – ihr 2017 erzieltes Nationalratsmandat nahm sie zunächst nicht an, erst nach Strolz’ Rückzug rückte sie nach.

Es sollte nicht die einzige Turbulenz im Leben der Wienerin und Wahl-Ausseerin bleiben: vor knapp einem Jahr erklärte die Neo-Parteichefin, ungeplant („der Zeitpunkt ist vielleicht nicht ganz ideal“) schwanger zu sein; im April, mitten im EU-Wahlkampf, kam ihre dritte Tochter zur Welt. Kurz darauf, im Mai, wurde klar, dass Meinl-Reisinger in dieser Situation einen Wahlkampf führen muss.

Was das bedeutet: Zunächst einmal viele Kompromisse. Weil Meinl-Reisinger Wien nur selten verlässt, um Zeit mit ihrer Familie verbringen zu können, lässt sich, eingezwängt im Termin-Korsett zwischen TV-Duellen und Elefantenrunden („ich bin kurz davor, mir ein Feldbett im TV-Studio aufzustellen“) kein Termin für eine gemeinsame Zugfahrt für unser Gespräch finden – babybedingt setzen wir uns schließlich in der ÖBB-Lounge des Bahnhofs Meidling zusammen.

Foto © Bei der Aufnahme in der ÖBB-Lounge in Wien-Meidling

Fragen, wie sich das Leben als Spitzenpolitikerin mit junger Familie ausgeht, stören Meinl-Reisinger nicht: „Ich kann nachvollziehen, dass es die Leute interessiert“, so die Neos-Chefin: „Es ist eine wahnsinnige Strudelei, manchmal auch Management by chaos, so wie bei vielen Eltern, die sich zwischen Beruf und Familie zerrissen fühlen. Leicht ist da gar nichts, aber das erleben ganz viele tagtäglich.“

In politiknahen Kreisen gilt Meinl-Reisinger als Ausnahmetalent: Die Auseinandersetzung und die Arbeit mit Bürgern macht ihr sichtlich Spaß, egal ob im Parlament, im Wahlkampf auf der Straße oder in der TV-Debatte. Locker wechselt sie zwischen persönlichem Gespräch, harten Fakten und vorbereiteten Slogans („Kunasek hat sich damit gerühmt, das Binnen-I beim Heer abgeschafft zu haben; da hat es die FPÖ immerhin geschafft, das Binnen-I ganz, das Heer nur zur Hälfte abgeschafft zu haben.“)

Politisch sozialisiert worden ist Meinl-Reisinger in der ÖVP: nach ihrem Studium war die Juristin unter anderem Assistentin von Othmar Karas im EU-Parlament, später arbeitete sie im Kabinett der ehemaligen Familien-Staatssekretärin Christine Marek und direkt bei der ÖVP Wien, bevor sie zu Neos wechselte.

Was treibt jemanden, der bisher vor allem im staatlichen bzw. staatsnahen Bereich gearbeitet hat, zu einer liberalen Partei, die das Unternehmertum zelebriert? „Es geht immer um die Freiheit des einzelnen“, sagt Meinl-Reisinger, „Das ist gesellschafts- und wirtschaftspolitisch nachvollziehbar.“

Bereit für Regierungsverantwortung

Dass Meinl-Reisinger regieren will, macht sie unmissverständlich klar: „Ich hab nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich finde, die FPÖ ist nicht regierungsfähig“, sagt die 41-Jährige. Und die realistische Alternative dazu oder zu „Stillstand und Postenschacher unter türkis-rot“ sei nun einmal eine Koalition aus ÖVP, Grünen und Neos. „Wir sind bereit Verantwortung zu übernehmen“, sagt sie und kritisiert die Grünen, sich hier nicht eindeutig festgelegt zu haben. Ob sie ein bestimmtes (Regierungs-)Amt im Auge habe, will die Neos-Chefin nicht sagen: „Ich mach ihnen auch die Kanzlerin“, scherzt Meinl-Reisinger, „aber es geht da gar nicht um mich.“

Dass Meinl-Reisinger mit Freude an der Sache ist, merkt, wer sie auf eines ihrer Sachthemen anspricht: Ob Bildung („der Kindergarten muss zur ersten Bildungseinrichtung werden“), CO2-Steuer („Steuern steuern, das ist ein urliberaler Gedanke –und wer nicht verstanden hat, dass man jetzt etwas tun muss, der hat gar nichts verstanden“) oder Pensionen („auch, wenn das unpopulär ist: die Erhöhung ist nicht treffsicher – und unverantwortlich, während gleichzeitig Notstand in Justiz und Bundesheer herrscht“), Programm und Botschaften sitzen.

Wie lange sie in der Politik bleiben will? „Darüber denke ich noch nicht nach“, sagt Meinl-Reisinger, „aber ich weiß, dass ich in mich hineinhören werde – und an meine Familie denken.“