Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) ist vom Europäischen Jüdischen Kongress (EJC) mit dem Ehrenpreis "Jerusalem Navigator" ausgezeichnet worden. "Sie haben bewiesen, dass Sie ein Mann von Grundsätzen und Visionen sind und ein wahrer Freund des jüdischen Volkes", sagte EJC-Präsident Moshe Kantor am Dienstagabend bei der Übergabe des Preises in Wien.

Bei einem Festessen am Vorabend der von Kurz veranstalteten EU-Konferenz gegen Antisemitismus und Antizionismus in Wien dankte Kantor dem Kanzler dafür, dass er die Frage des Antisemitismus und der Sicherheit des jüdischen Volkes zur Priorität gemacht habe. "Beim Blick auf die dunkelsten Kapitel Österreichs haben Sie sich nicht vor der historischen Wahrheit gedrückt, sondern Sie nahmen sie an mit der Verantwortung eines großen Staatsmannes", sagte der EJC-Präsident bei einem Dinner im Naturhistorischen Museum, an dem auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses (JWC), Ronald Lauder, teilnahm.

Kantor zeigte sich auch erfreut über die "Blüte" der Beziehungen zwischen Österreich und Israel, da der jüdische Staat "unseren Herzen sehr nahe liegt". "Als sie erklärten, dass die israelische Sicherheit Österreichs Staatsräson ist, bedeutete uns das sehr viel." Als Dankeschön "für alles, was sie für Europas jüdische Gemeinden getan haben" überreichte Kantor nach seiner Rede dem Kanzler den Preis "Jerusalem Navigator", den zuvor etwa der belgische Ex-Premier Yves Leterme oder der italienische Außenminister Angelino Alfano erhalten hatten. "Ich bin sicher, dass sie den Weg nach Jerusalem auch ohne Navigator finden werden", fügte Kantor hinzu.

Die Hauptrede beim Festessen im Naturhistorischen Museum hielt der Holocaust-Überlebende Arik Brauer, der heuer schon anlässlich des Staatsakts zum Kriegsende am 8. Mai mit seiner Rede über seine persönlichen Erfahrungen berührt hatte. Kurz und Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) hatte er dabei ins Stammbuch geschrieben, "mit Geduld und Freude die Kritik und Kontrolle der Öffentlichkeit zu ertragen - je mehr davon, umso besser".

Boykott der FPÖ bleibt aufrecht

In Sachen Antisemitismus sei die österreichische Situation "Gott sei Dank eine der besten in Europa". Das attestierte Ariel Muzicant, Vizepräsident des European Jewish Congress (EJC), Österreich im Interview mit der "ZIB 2" des ORF-Fernsehens am Dienstagabend. Dass seine und andere jüdische Organisationen oder Israels Regierung ihren Boykott der FPÖ aufgeben, dazu ist es für ihn aber zu früh.

Für den ehemaligen Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) ist die Distanzierung der FPÖ vom Antisemitismus "noch nicht glaubwürdig genug". Bei Vizekanzler und Parteichef Heinz-Christian Strache sieht Muzicant zwar einen dahin gehenden Willen, bei der "Mannschaft, die hinter ihm steht", hat er mit Verweis auf immer wieder passierende Vorfälle allerdings Zweifel. Muzicant sprach von "Hunderten Einzelfällen" seit Antreten der ÖVP-FPÖ-Bundesregierung. Der EJC-Vizepräsident forderte: Die Distanzierung der Freiheitlichen von der Judenfeindlichkeit müsse "konsequent und komplett" sein.

Im Gegensatz zu Österreich zeigte sich Muzicant über die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in anderen europäischen Ländern wie etwa Frankreich geradezu alarmiert: "Die Situation der Juden in Europa ist schlimm." 60 bis 70 Prozent der Juden überlegten, Europa zu verlassen. In Schweden beispielsweise hätten sich ganze jüdische Gemeinden bereits aufgelöst. Es sei "höchste Zeit zum Handeln", "es geht so nicht weiter". Als Quellen des sich häufendenden Antisemitismus in Europa heute nannte Muzicant: Flüchtlinge, Israel-Feindlichkeit sowie einen immer stärker werdenden Rechtsextremismus.

Hochkarätige Antisemitismus-Konferenz in Wien

An dem Abendessen und der Konferenz hätte eigentlich auch der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu teilnehmen sollen, doch musste er seine Wien-Reise wegen der Regierungskrise in seinem Land kurzfristig absagen. Die Konferenz unter dem Titel "Europa jenseits von Antisemitismus und Antizionismus - Sicherung des jüdischen Lebens in Europa" findet am Mittwoch zwischen 10.00 und 14.00 Uhr in den Börsensälen in der Wiener Innenstadt statt.

Die Konferenz soll mit der Präsentation eines "Handbuchs gegen Antisemitismus" durch die Staatssekretärin im Innenministerium, Karoline Edtstadler (ÖVP), starten. Eine der Eröffnungsreden der Konferenz sollte danach der New Yorker Rabbiner Arthur Schneier halten. Für zwei Podiumsdiskussionen haben unter anderem Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP), EVP-Fraktionschef Manfred Weber, der ukrainische Außenminister Pawlo Klimkin, Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner und EJC-Vizepräsident Ariel Muzicant zugesagt. Angekündigt haben sich auch die Chefhistorikerin der Gedenkstätte Yad Vashem, Dina Porat, der Direktor des American Jewish Committee (AJC), David Harris, sowie Kenneth Jacobson von der Anti-Defamation League (ADL). Ihren Abschluss sollte die Konferenz mit einer Rede von Bundeskanzler Kurz finden.

Kantor und Lauder hatten bereits am Dienstag an einer vom Innenministerium veranstalteten EU-Konferenz zum Thema "Europäische Werte, Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit" teilgenommen. Innenminister Herbert Kickl (FPÖ) sprach bei der Eröffnung der Konferenz am Montag von einer "neuen Intensität der Bedrohung" durch Antisemitismus und verwies diesbezüglich auch auf den politischen Islam.