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"Was zählt" mit Historiker Rathkolb"Wir haben die erste globale Seuche verdrängt"

Die aktuellen Beschränkungen der Grund- und Freiheitsrechte mit Dollfuß in Verbindung zu bringen, sei deplatziert, erklärt der bekannte Zeithistoriker Oliver Rathkolb.

 

Erstaunt zeigt sich der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, wie wenig die erste große globale Seuche, die Spanische Grippe des Jahres 1918/1929, in unserer Erinnerung präsent ist. „Wir haben uns in der Geschichte des 20. Jahrhunderts stets auf die beiden Weltkriege konzentriert und haben die erste große globale Seuche, die Spanische Grippe, die mehr Opfer als der Erste Weltkrieg gefordert hat, aus dem historischen Gedächtnis verdrängt.“ Erst in diesen Wochen sei ihm selbst bewusst geworden, dass sein Großvater, ein Lehrer aus der Oststeiermark, an dieser Krankheit verstorben ist. Die Spanische Grippe sei eine Folge der Globalisierung gewesen.

In den Kontext der Globalisierung stellt Rathkolb auch die Corona-Pandemie. Man werde später einmal analysieren können, ob es möglich gewesen wäre, die Pandemie frühzeitig zu stoppen. Es sehe so aus, als ob die Nationalstaaten wie auch die EU nicht gewillt gewesen sind, „sofort auf die Stopptaste des Turbokapitalismus zu drücken“, so der Historiker in der Interview-Serie mit Peter Pelinka aus den Räumlichkeiten der Wiener Redaktion der Kleinen Zeitung.

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Die aktuellen Einschränkungen der Grund- und Freiheitsrechte mit den Maßnahmen von Dollfuß im Jahr 1933 in Verbindung zu bringen, findet Rathkolb deplatziert. Seiner Ansicht nach mache es die Regierung, die bei der Bekämpfung der Seuche „auf Sicht“ fahre, durchaus gut. Er glaube nicht, dass die Grundrechte auch in Zukunft Beschränkungen unterworfen werden. „In den Menschen ist in diesen Wochen ein Freiheitsbewusstsein gewachsen.“ Die Politik müsse aufpassen, dass es „keinen Backlash gibt, wenn man nicht zu den verbrieften Grund- und Freiheitsrechten zurückkehrt.“ Das könne sich niemand leisten. Löblich sei, dass der breiteren Öffentlichkeit die Bedeutung der Verfassung und des Verfassungsgerichtshofs bewusst geworden sei.

Rathkolb wünscht sich, dass die Regierung eine zweite Taskforce einsetzt, die sich den „langfristigen Auswirkungen von Corona“ widmet, nicht nur im wirtschaftlichen Bereich, sondern auch bei Kunst und Tourismus. „Diesen Fragen muss man sich mit mehr planerischer Kapazität stellen.“ Die EU, die in der Seuche kläglich gescheitert sei, müsse wieder initiativ  werden.

Kommentare (1)

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marijo
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1
Lesenswert?

EU - scheitert die nicht ùberall kläglich

Gibt es irgendwas, wo die EU nicht klæglich scheitert. Also entgegen der Empfehlung besser erst gar nicht weder zu arbeiten beginnen.

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