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Mein Exit aus dem BrexitLiebe in Zeiten des Abschieds

Auch wenn die Briten heute Europa verlassen, an der Beziehung zu meinem Herzensland wird das nichts ändern. Erklärungsversuch eines nicht anonymen Anglophilen.

Zelle mit Aussicht
Zelle mit Aussicht © Melichar
 

Statt „Rule, Britannia“ geht es jetzt also innerhalb der EU ans symbolische Einrollen Britanniens. In Brüssel wurden an einigen Institutionen britische Flaggen entfernt. Hinter den Kulissen, außerhalb der Bürozeiten, ohne Beisein von Kameras. Eine Flagge soll im Haus der europäischen Geschichte in Brüssel aufbewahrt werden. Die Insel reif fürs Museum! Britische Abgeordnete haben noch eine Woche Zeit, ihre Büros im EU-Parlament zu räumen. Auch dieser Kehraus soll möglichst fernab der gaffenden und wohl auch geifernden Öffentlichkeit stattfinden. Es seien private, emotionale Momente, so der Mitarbeiter eines Abgeordneten.

Blende, Zeitenrolle rückwärts, wir schreiben das Jahr 1977. Hier der Punk, dort der Pomp. Hier die rotzigen Revoluzzer, dort die rigiden Royals. Hier die Zukunft, dort die Vergangenheit. Die „Sex Pistols“, die rotzigsten unter den Punk-Buben, schießen mit ihrem Song „God Save the Queen“ aus vollen Rohren auf Königin Elizabeth II., selbige feiert in diesem Jahr mit großem Brimborium und noch größerer Gelassenheit ihr „Silver Jubilee“. Ungeheuerlich, aber typisch britisch: So gegensätzlich und inkompatibel es auch sein mag, beides hat Platz in den Herzen und Hirnen dieses Volkes. Die Tradition – und das wütende Aufbegehren dagegen. Die Village Green Preservation Society – und potthässliche Industriemoloche. Exzessiver Individualismus – und kollektive Mannschaftsmanie. Erklär mir Britannien! Hier ein Versuch.

Die ersten Schritte auf die Insel

1977 also, London Calling. Ich bin 14 Jahre alt, als ich das erste Mal ins geheimnisvolle Albion, das ich bisher nur pflichtschuldig aus „Ann and Pat“-Schulbüchern kenne, eintauche. Die Zugfahrt dauert 24 Stunden und die Fähre bügelt dann durch jenen Ärmel, der bis heute die Wasserscheide zwischen zwei Welten darstellt. „Nebel über dem Kanal: Kontinent ist abgeschnitten.“ Kein Witz, sondern eine ernst gemeinte „The Times“-Schlagzeile aus den 1920ern.

Die ikonischen White Cliffs of Dover, die jetzt auftauchen, symbolisieren diese Bruchstelle. Dann die Begrüßung der Gastfamilie. Die Kinder, Glen und Stephan, bestaunen den Exoten aus Austria. Marion und Derek, die Eltern, umarmen mich. „Welcome, Bernd!“, sagen sie und lächeln. Und in diesen ersten Worten, in diesem wohligen Gefühl des Angekommenseins liegt der erste Keim einer innigen Beziehung, die bis heute andauert. Später werde ich lernen müssen, dass die offenen Arme noch nicht bedeuten, dass die Briten ihre Herzen öffnen – das tun sie ohnehin meist nur für ihre Hunde –, denn diese Insulaner sind trotz aller Freundlichkeit ein hermetisches, enigmatisches Volk.

Ich fühle mich an- und aufgenommen

Die Jahrzehnte ziehen ins Land – und ich, ein manisch-treuer Wiederkehrer, Jahr für Jahr durch die britischen Landschaften und Städte. Und ob in den 80er-Jahren auf dem Campingplatz in Crystal Palace oder in den 2000ern im Luxushotel in Chelsea: „Meine Briten“ haben mich immer gleich behandelt. Gleich anständig, gleich freundlich, gleich, ja, auch das, gleich würdevoll. Ob mit wenigen Traveller Cheques im Rucksack oder mit etwas mehr Pfunden in der Geldbörse: Ich habe mich an- und aufgenommen gefühlt, aus dieser wiederkehrenden Erfahrung entwuchs eine tiefe Verbundenheit und Vertrautheit mit Land und Leuten. Ich als Wesen war willkommen, nicht mein Marktwert.

Was ich an Britannien liebe? Ach, wo denn beginnen? Bei der Sprache und den Spleens der Sprechenden? Bei Charles Dickens und Ian McEwan? Bei Lucian Freud und Damien Hirst? Bei den Beatles und den Kinks? Bei Laurence Olivier und Maggie Smith? Bei Mr. Bean und Monty Python? Bei Winnie Puuh und Paddington Bear? Bei Carrot Cake und Yorkshire Tea? Und wo enden? Am Primrose Hill oder im William-Turner-Licht in den Norfolk Broads? Im süffigen Pub oder im sanften Park? Im Pilcher-Picturebook Südenglands oder im schroffen, schiefergrauen Norden? In den aus der Zeit gefallenen Dörfern oder am wuseligen Pier von Brighton? Beim Doktor und dem lieben Vieh oder in den Buchläden von Hay-on-Wye?

Aber über allem steht der Mensch – und der britische Mensch ist eine multiple Persönlichkeit; so wechselhaft wie das Wetter, über das er zwar ständig spricht, das er aber hartnäckig ignoriert. Der Brite ist Prolo, Snob und Diva; ist Fool On The Hill und Nowhere Man; ist ein Jekyll und Hyde; ist ein Nice Guy wie Paul McCartney und eine genial-gallige Hexe wie John Lennon selig. Aber so zerrissen und zerfleddert der britische Mensch auch ist, am Ende des Tages passt alles zusammen und das Paradoxon des harmonischen Widerspruchs ist perfekt.

Herzensland versus Heimatland

Diese Erklärung birgt die Gefahr der Verklärung in sich. Man verzeiht dem Herzensland viel mehr als dem Heimatland. Im einen ist man amused über die Marotten, im anderen erbost über die Malaisen. Im einen ist der Regen flüssiger Sonnenschein, im anderen Scheißwetter. Aber natürlich weiß ich um die Schatten- und Schlagseiten des UK-Kahns, der schon lange vor dem Brexit in Richtung Exit geschlingert ist. Es ist cool, durch die wohlduftende Brick Lane im Londoner East End zu flanieren. Aber wenn ich hier wohnen würde, könnte ich mir selbst das billigste Curry nicht leisten, weil mein kleines Gehalt für eine noch kleinere Schuhschachtel-Wohnung draufgehen würde. Es ist intellektuell pfiffig, über die Ästhetik des Hässlichen in den taubengrauen Vororten zu philosophieren, die Frustrierten, Verlierer und Abgehängten dort pfeifen aber auf jedwede Ästhetik und verlassen sich lieber auf billigen Alkohol und billige Parolen – unter anderem jene von „Leave!“.

Tief empfundene Zuneigung

Little Britain und ich. Gemeinsam sind wir älter und wunderlicher geworden. Vermutlich fühlt man sich in jenem Land am wohlsten, das geografisch die eigene Seelen-DNA widerspiegelt. Das wirft natürlich Fragen über das eigene Ich auf. Aber das ist eine andere Geschichte.

Diese hier soll so enden: In der grandiosen Briten-Serie „Fleabag“ sagt der genervte Vater zu seiner bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs verhaltensauffälligen Tochter folgenden Satz: „Ich liebe dich, mein Kind, aber ich weiß nicht, ob ich dich auch mag.“ Es gibt einige gute Gründe, dieses Land nicht zu mögen, aber an meiner tief empfundenen Zuneigung wird das nichts ändern.

Wer verliebt ist, blendet Negatives aus. Wer liebt, hält es aus.

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