Mit läutenden Glocken und Gesängen haben orthodoxe Christen in Kiew am Sonntag Weihnachtsgottesdienste besucht – in einem trotzigen Bruch mit der religiösen Führung in Russland, die erst in zwei Wochen Weihnachten feiert. Die Entscheidung einiger ukrainischer Kirchen, Weihnachten am 25. Dezember statt am 7. Jänner zu feiern, wie es bei orthodoxen Christen üblich ist, unterstreicht die Kluft zwischen den Kirchen in Kiew und Moskau, die durch den Krieg tiefer geworden ist.

Kirchgängerin Olga Stanko unterstützt nach eigenen Worten jede Maßnahme, mit der die Ukraine auf Distanz zu Russland geht. Sie halte die Verlegung des Weihnachtsdatums für überfällig, sagt sie.

"Der Krieg hat uns so viel Leid gebracht", sagt die 72-Jährige. Den Tränen nahe erzählt sie, dass ihr Sohn in der Nähe von Bachmut im Einsatz ist, in der Ostukraine, wo derzeit am heftigsten gekämpft wird. "Wir haben vergessen, dass sie unsere Feinde waren, wir waren so leichtgläubig. Und nun haben wir hier Krieg."

Feiertag soll vorgezogen werden

Laut einer Umfrage von Interfax-Ukraine ist fast die Hälfte der ukrainischen Bevölkerung dafür, den Feiertag vorzuziehen – gegenüber 26 Prozent im Jahr 2021. 31 Prozent lehnen dies aber weiterhin ab.

Die ukrainisch-orthodoxe Kirche gehörte seit dem 17. Jahrhundert als Zweig der russisch-orthodoxen Kirche zum Moskauer Patriarchat. Teile von ihr brachen Anfang 2019 mit Moskau infolge der russischen Annexion der Krim und seiner Unterstützung der pro-russischen Separatisten in der Region Donbass im Osten des Landes. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine sagte sie sich im Mai ganz von Moskau los.

Am Sonntagmorgen sitzen die Gläubigen dicht gedrängt in einer Kirche in der Nähe des St. Michaelsklosters. Zum Schutz vor der Kälte haben sie ihre Mäntel anbehalten. Zu den Gesängen eines Männerchores entzünden sie Kerzen und stellen sich zur Beichte an.

Hohepriester Mychailo Omeljan geht in seiner Predigt offensichtlich auf die durch russische Angriffe verursachten Strom- und Heizungsausfälle ein, unter denen Millionen Menschen im ganzen Land leiden.

"Das Volk, das in der Finsternis saß, sah ein helles Licht, und denen, die im Land und im Schatten des Todes sind, ist das Licht aufgegangen", sagt er und fügt in einer harschen Anspielung auf die russischen Angreifer hinzu: "Nicht alle nehmen das Licht an, das gestrahlt hat ... Es gibt diese Menschen, welche die Dunkelheit mehr lieben als das Licht, weil ihre Taten teuflisch sind."

Vor der Kirche erinnert ein ausgebrannter russischer Panzer an den Krieg, und während des Gottesdienstes ertönt 25 Minuten lang Luftalarm.

Olena Sacharowa-Gorianska sagt, sie sei froh, Weihnachten zum ersten Mal am 25. Dezember zu feiern. Dies sei ihre freie Entscheidung, nachdem sie die russische Besatzung ihrer Stadt Hostomel nördlich von Kiew überlebt habe. "Ich möchte nichts mit den Besatzern, dem Feind, zu tun haben", sagt sie.

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Bewohner von Kiew singen Weihnachtslieder in der U-Bahnstation
© APA/AFP/SERGEI CHUZAVKOV

Aber die Orthodoxe Kirche wird auch am 7. Jänner einen Weihnachtsgottesdienst abhalten für diejenigen, die nicht zu dem Wechsel bereit sind, wie Pater Andrij sagt. "Meiner Meinung nach ist dies eine Übergangsphase. Es gibt ein paar Dinge, die wir nicht von heute auf morgen radikal ändern können", fügt er hinzu. Es werde einige Jahre dauern, bis sich die Feiern am 25. Dezember durchgesetzt haben.

"Tatsächlich müssen wir uns daran erinnern, dass wir nicht das Datum, sondern das Ereignis feiern – die Geburt unseres Erlösers", sagt er.

Omeljan verweist darauf, dass die lauten Forderungen nach einer vollständigen Abschaffung der Weihnachtsfeiern am 7. Jänner nicht dem Willen aller oder der meisten gläubigen ukrainischen Orthodoxen entsprechen. Genaue Zahlen lägen nicht vor, aber nur eine "Minderheit" der Kirchen hätten am Sonntag Weihnachtsgottesdienste abgehalten. "Ein wirklich großer Teil der Gesellschaft will weiterhin am 7. Jänner feiern", sagt er.