Pro

Ein Blick auf Fakten und Risiken zeigt, dass eine
nachhaltige Energiezukunft ohne Atomkraft
gestaltet werden kann und auch sollte. 

Christoph Pistner, Physiker

Fakt 1: Die Welt von morgen ist auf Strom gebaut. Ob Elektroautos oder grüner Wasserstoff – mit der steigenden Elektrifizierung wird der Stromverbrauch allein in Deutschland bis 2030 gegenüber 2018 um etwa neun Prozent oder 51 Terawattstunden wachsen. Dafür müssen innerhalb kurzer Zeit die Kapazitäten zur Stromerzeugung massiv ausgebaut werden – das ist in der Kürze der Zeit nur mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien möglich. Die Studie „Klimaneutrales Deutschland 2045“ zeigt, dass dafür die Offshore-Windkraft auf 25 Gigawatt, die Windkraft an Land auf 80 Gigawatt und die Fotovoltaik auf 150 Gigawatt ausgebaut werden muss und kann.

Fakt 2: Strom aus Atom spielt schon heute nur noch eine kleine Rolle im Strommix. Weltweit wurden im Jahr 2020 nur rund zehn Prozent der Elektrizität und damit rund fünf Prozent des Primärenergieverbrauchs mit Strom aus Atomkraftwerken gedeckt.

Fakt 3: Europas laufende Atomkraftwerke sind alt und risikoanfällig. Die weltweit im Betrieb befindlichen Reaktoren sind im Schnitt älter als 30 Jahre. Wollte man aus „Klimaschutzgründen“ die heutigen Reaktoren weiterlaufen lassen, muss klar sein, dass ihr Betrieb mit zunehmenden Risiken verbunden ist. Verschleiß und Materialermüdung können die Technik störanfälliger machen. Sicherheitsanforderungen sind heute deutlich höher als bei der damaligen Planung der Anlagen. Nachrüstungen, die das Schutzniveau auch gegen Erdbeben, Extremwetterereignisse oder Angriffe von außen anheben, sind nur begrenzt möglich.

Fakt 4: Atomkraft ist gegenüber den Erneuerbaren sehr teuer. Laut dem World Nuclear Industry Status Report 2020 betragen die Kosten für die Stromerzeugung aus Atomkraft heute 15,5 Cent pro Kilowattstunde, verglichen mit 4,9 Cent für Solarenergie und 4,1 Cent für die Windkraft. Selbst in Frankreich, das derzeit mit dem Prototyp des EPR-Reaktors in Flamanville ein neues Kernkraftwerk baut, warnt der Rechnungshof vor den hohen Kosten für die Gesellschaft.

Auch ohne weitere Probleme zu nennen, wie die Gefahr schwerer Unfälle, den Umgang mit den hoch radioaktiven Abfällen oder die Gefahren einer Nutzung ziviler Anlagen und Materialien für Kernwaffenprogramme, ist der Bau und Betrieb von Atomkraftwerken mit hohen Kosten und Risiken verbunden. Wollen wir künftigen Generationen diese Risiken hinterlassen oder heute eine sichere und klimafreundliche Stromversorgung mit erneuerbaren Energien starten? Ich meine, die Antwort ist klar.

Zur Person

Christoph Pistner ist Physiker und leitet den Bereich
Nukleartechnik und Anlagensicherheit am Öko-Institut e.V. in Deutschland. Er ist Mitglied der Reaktor-Sicherheitskommission in der Bundesrepublik.

Contra

Ganz ohne Atomkraft geht’s nicht. Europa soll aus Kohle und Öl aussteigen, um bis 2050 klimaneutral zu sein. Einige Staaten werden Atomkraft übergangsweise brauchen.

Martin Selmayr, Vertreter der EU-Kommission in Österreich

Wenn man in diesen Tagen einige Zeitungen liest, könnte man den Eindruck bekommen, da werde gerade in einem Hinterzimmer irgendwo in Brüssel entschieden, dass Österreich die Atomkraft wieder einführen oder die Nuklearenergie als „grün“ klassifiziert werden soll. Beides ist natürlich Unsinn.

Die 27 EU-Mitgliedstaaten haben in vielen Bereichen beschlossen, gemeinsam Politik zu betreiben, von der Landwirtschaft bis hin zur Währungspolitik. Die Energiepolitik gehört bisher nur ansatzweise dazu. Zu unterschiedlich ist der Energiemix, für den sich jeder Staat aus wirtschaftlichen, geographischen und historischen Gründen entschieden hat. Während Frankreich, Tschechien und die Slowakei (ebenso wie zehn andere EU-Staaten) stark auf Atomkraft setzen – allein in Frankreich gibt es 56 Atomkraftwerke –, hat sich Österreich per Volksabstimmung 1978 gegen die Atomkraft entschieden, Deutschland wird bis Ende 2022 aus dieser Energiequelle aussteigen. Die EU hat die energiepolitische Grundsatzentscheidung jedes Mitgliedstaats zu respektieren. Genauso wenig wie die EU die Atomkraft in Österreich oder Deutschland wieder einführen darf, kann die EU Frankreich, Tschechien oder der Slowakei verbieten, Energie in Atomkraftwerken herzustellen.

In einem wichtigen Punkt aber haben die EU-Mitgliedstaaten heute ihre Souveränität über den Energiemix beschränkt. Im Pariser Klimaabkommens 2015 haben sie sich dazu verpflichtet, die Erwärmung durch den Klimawandel auf 1,5 °C zu begrenzen. Und mit dem EU-Klimagesetz 2021 haben sie (mit starker Unterstützung Österreichs) beschlossen, die Treibhausgasemissionen in der EU „bis spätestens 2050“ auf netto null zu reduzieren, also als Kontinent klimaneutral zu werden. Das bedeutet eine Rechtspflicht, aus allen fossilen Energieträgern, den Hauptverursachern von CO2, auszusteigen, vor allem aus der Kohle. Dies ist eine gewaltige Herausforderung. Nur 15 Prozent des gesamten EU-Energieverbrauchs kommen derzeit aus erneuerbaren Energiequellen wie Solar, Wind oder Wasserkraft, 70 Prozent nach wie vor von fossilen Energieträgern.

Wenn Europa die Klimaneutralität bis 2050 schaffen will, braucht es Investitionen von mindestens 350 Milliarden Euro pro Jahr. Deshalb will die EU verstärkt private Investitionen in die Energiewende lenken. Helfen soll die „Klima-Taxonomie“, die das Europäische Parlament und die 27 EU-Regierungen 2020 als Gesetz verabschiedet haben. Sie enthält Kriterien, um zu bewerten, welche Anlageform in welchem Maße dazu beiträgt, dass wir unsere Klimaziele erreichen. Kann auch die Investition in ein Atomkraftwerk in Frankreich, Tschechien oder der Slowakei einen Beitrag zur Erreichung der Klimaneutralität leisten? Die EU-Kommission meint: unter bestimmten, auf 38 Seiten detailliert geregelten Voraussetzungen kann dies der Fall sein. Denn der Bau und Betrieb von Atomkraftwerken verursacht etwa so viel CO2 wie der von Windkraftanlagen. Explizit sollen Atomkraftwerke jedoch nicht als „grün“, wie Wind- oder Solarenergie, sondern nur als „Übergangstechnologie“ klassifiziert werden, was bis 2045 gelten soll. Eine Bank oder ein Investor, der mit ökologisch nachhaltigen Anlageformen um Kunden wirbt, muss zudem offenlegen, welcher Anteil der Investition in Atomkraft geht, so dass der Kunde selbst entscheiden kann, ob er sein Geld so anlegen möchte. Voraussetzung ist ferner, dass die Kraftwerke die höchsten Sicherheitsstandards einhalten, sie regelmäßigen Stresstests unterzogen werden und der betreffende Mitgliedstaat für die Kosten der sicheren Endlagerung des entstandenen Atommülls und der Stilllegung des Atomkraftwerks aufkommt. Ausgenommen sind schließlich Investitionen in den Abbau und die Anreicherung von Uran, da dabei viel CO2 ausgestoßen wird.

Über diese Regelung wird in den kommenden Monaten im Europäischen Parlament und unter den EU-Regierungen diskutiert werden. Dabei sollten wir nicht aus den Augen verlieren, dass es in der EU zwar keine Einigkeit über die Nutzung der Atomkraft gibt, wohl aber darüber, dass wir dem Kampf gegen die Klimakrise dringend Priorität einräumen müssen. Der Weltklimarat, der die wissenschaftlichen Grundlagen für unsere Klimapolitik liefert, räumt aber in allen seinen Szenarien der Atomkraft eine relevante Rolle beim Erreichen der Klimaziele ein. Der steirische „CO2-Terminator“ Arnold Schwarzenegger ist sogar ein bekennender Atomkraft-Fan. Und auch Greta Thunberg, die (wie der Autor dieser Zeilen) persönlich gegen Atomkraft ist, sieht sie als „einen kleinen Teil einer sehr großen CO2-freien Energielösung, vor allem in Ländern und Gebieten, die nicht die Möglichkeit haben, sich umfassend mit erneuerbaren Energien zu versorgen.“

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat das Erreichen der Klimaneutralität sehr zu Recht als Europas „Mann auf dem Mond-Moment“ bezeichnet. Wir sollten angesichts dieser Herausforderung ehrlich sein: Wenn wir neben den Kohlekraftwerken jetzt auch die Atomkraftwerke überall auf dem Kontinent abschalten, werden wir die Klimaneutralität bis 2050 nicht schaffen. Man kann nicht mit demselben Raumschiff gleichzeitig auf dem Mond und auf dem Mars landen.

Zur Person

Martin Selmayr ist Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Österreich. Unter Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker war der deutsche Jurist Generalsekretär der Kommission und damit höchster Beamter der Union, davor Junckers Kabinettschef.