Machtübernahme der TalibanChaos am Flughafen Kabul: Menschen versuchen verzweifelt das Land zu verlassen

Viele Afghanen und Angehörige westlicher Botschaften versuchen nun rasch das Land zu verlassen. Am Flughafen Kabul kam es am Montag zu chaotischen Szenen - Augenzeugen berichteten von mindestens fünf Toten.

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Hunderte Menschen wollen demnach einen Platz in einer Maschine erzwingen, um aus Afghanistan zu fliehen © AFP
 

Die radikal-islamischen Taliban haben nach ihrer überraschend schnellen Einnahme der afghanischen Hauptstadt Kabul die Kämpfe für beendet erklärt und zeigen sich nun gegenüber der internationalen Staatengemeinschaft gesprächsbereit. Dennoch versuchen viele Afghanen und Angehörige westlicher Botschaften, das Land zu verlassen. Am Flughafen Kabul kam es am Montag zu chaotischen Szenen - Augenzeugen berichteten von mindestens fünf Toten.

Hunderte Menschen wollen demnach einen Platz in einer Maschine erzwingen, um aus Afghanistan zu fliehen. Ein Augenzeuge sagt, fünf Leichen seien zu einem Wagen getragen worden. Ein andere Zeuge sagt, es sei unklar, ob sie in der Massenpanik gestorben oder ob sie erschossen worden seien. Davor hatte es Berichte gegeben, US-Soldaten, die den Flughafen absichern, würden Warnschüsse abgeben.

Hunderte Menschen sind seit Sonntag zum Flughafen gefahren und versuchen, auf Flüge zu kommen, wie in sozialen Medien geteilte Videos und Bilder zeigen. Am Montag verbreiteten sich in Kabul zudem Gerüchte, dass jeder, der es zum Flughafen schaffe, evakuiert werde, sagte ein Bewohner der Stadt. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise, dass diese Gerüchte zutreffen. Menschen kletterten über Drehleitern, um in ein Flugzeug zu kommen. Auch Afghanen, die nicht einmal Reisepässe hätten, würden ihr Glück versuchen, sagten Bewohner von Kabul.

In den Straßen von Kabul war es unterdessen ruhig. Geschäfte und Cafés blieben geschlossen. Taliban-Kämpfer besetzten überall in der Hauptstadt Polizeistationen und andere Behördengebäude. Sie begannen damit, Kontrollposten zu errichten und Waffen von Zivilisten einzusammeln. Die Menschen benötigten diese Waffen nicht mehr zu ihrem persönlichen Schutz, sagt ein Taliban-Vertreter dazu.

Diplomaten hätten Vorrang

Unter anderem die USA, Deutschland und Frankreich haben Militärmaschinen geschickt, um ihre Leute auszufliegen. An dem Airport warteten Minister, Regierungsbeamte und andere Zivilisten verzweifelt auf Flüge ins Ausland. Mitarbeiter der US-Botschaft waren per Hubschrauber zum Airport gebracht worden. Die Aktivistin Rakhshanda Jilali, die von Kabul nach Pakistan fliegen wollte, sagte, das US-Militär habe am Airport die Flugsicherung übernommen. Nun würden Diplomaten ausgeflogen, während Afghanen warten müssten. Das sei nicht hinnehmbar.

Taliban übernehmen Macht

"Der Krieg im Land ist vorbei", sagte Taliban-Sprecher Mohammed Naim am Sonntagabend dem Sender Al Jazeera. Bald werde klar sein, wie das Land künftig regiert werde. Zum weiteren Vorgehen äußerte sich Naim überraschend versöhnlich: man wolle mit allen Beteiligten Frieden, schütze afghanische Persönlichkeiten und diplomatische Vertretungen und suche den Dialog mit der Staatengemeinschaft. Erwartet worden war, dass die Taliban hart gegen Gegner vorgehen.

Noch vor wenigen Tagen hatte es in einer Einschätzung der US-Geheimdienste geheißen, Kabul könne noch mindestens drei Monate gehalten werden. Doch dann rückten die Extremisten offenbar ohne nennenswerten Widerstand vor. Am Sonntag besetzten sie nach eigenen Angaben in Kabul den Palast von Präsident Ashraf Ghani, der zuvor ins Ausland geflohen war.

Taliban-Sprecher Naim sagte, man wolle Frieden mit allen Beteiligten. Sorgen der internationalen Gemeinschaft wollten die Taliban im Dialog lösen. Der Kontakt zu anderen Staaten werde gesucht, da man nicht in Isolation leben wolle. "Wir bitten alle Länder und Organisationen, sich mit uns zusammenzusetzen, um alle Probleme zu lösen." Man werde sich nicht in Dinge anderer einmischen und Einmischung in eigene Angelegenheiten nicht zulassen. Rechte von Frauen und Minderheiten sowie die Meinungsfreiheit würden respektiert, wenn sie der Scharia entsprächen.

Der Politbüro-Chef der Taliban, Mullah Abdul Ghani Baradar, erklärte in einer Videobotschaft, nun folge die wirkliche Bewährungsprobe, bei der die Erwartungen der Menschen erfüllt und ihre Probleme gelöst werden müssten.

 

Kritik an Biden

Kritiker von Joe Biden erklärten, das Chaos sei durch eine schlechte Führung des US-Präsidenten verursacht worden. Biden wiederum warnte die Taliban vor Übergriffen auf Amerikaner. Jede Aktion, die diese in Gefahr brächten, werde "mit einer schnellen und starken militärischen US-Reaktion beantwortet". Die USA kündigten an, die Anzahl ihrer Soldaten, die am Flughafen die Ausflüge sichern sollen, binnen 48 Stunden um 1.000 auf 6.000 zu verstärken. Sie hatten nach Angaben eines Regierungsmitarbeiters bis Sonntag 500 Mitarbeiter ausgeflogen. Tausende weitere und auch Tausende Ortskräfte sollen folgen. Russland erklärte, man sehe derzeit keine Notwendigkeit, die Botschaft zu evakuieren. Die Türkei teilte mit, ihre Vertretung arbeite normal weiter.

Die USA, Deutschland und rund 60 weitere Länder forderten unterdessen, Flughäfen und Grenzübergänge in Afghanistan müssten geöffnet bleiben. Jeder Ausreisewillige müsse das Land auch verlassen dürfen. Die Machthaber in Afghanistan trügen die Verantwortung für den Schutz von Menschenleben und die sofortige Wiederherstellung von Sicherheit und bürgerlicher Ordnung.

Präsident Ghani schrieb auf Facebook, er habe das Land verlassen, um Blutvergießen zu vermeiden. Wie Al Jazeera unter Berufung auf einen seiner Leibwächter berichtete, war Ghani auf den Weg in die usbekische Hauptstadt Taschkent.

Viele Afghanen hatten zuletzt befürchtet, die Taliban könnten mit der Rückkehr an die Macht erneut eine sehr strenge Auslegung des islamischen Rechts durchsetzen. Die Islamisten hatten Afghanistan bereits von 1996 bis zu ihrem Sturz durch die US-geführten Truppen Ende 2001 beherrscht. In einer Erklärung hatten sie ihren raschen Vormarsch in den vergangenen Wochen als Beleg für ihre Akzeptanz in der Bevölkerung gewertet.

Kommentare (44)
Zeitgenosse
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Der Kapitän bzw. Präsident hat als erster das sinkende

Schiff verlassen, mit Bergen an Bargeld , wie verschiedene internationale Medien berichten.

Die Amerikaner haben kein nationales Interesse mehr an Afghanistan, sie machen ihren Namen alle Ehre.

zappa1
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taliban

lauter experten im forum
respekt

joektn
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Ich empfehle folgende

Doku die alle Probleme von beiden Seiten gut beschreibt: auf YouTube ZDF Auslandsjournal „Afghanistan nach dem Rückzug der internationalen Truppen“. Dort war eine Reporterin 3 Tage lang mit den Taliban unterwegs und beleuchtet viele Punkte: Medien, Frauen, Militär, Taliban, Zivilbevölkerung, Polizei, Kinder und was von den internationalen Truppen bzw dem Krieg geblieben ist…
Absolut empfehlenswert jedenfalls, auch wenn die Doku bereits nach nur 3 Wochen nicht mehr aktuell ist und sich die Geschichte dramatisch geändert hat.

owlet123
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Taliban

Wer möchte in einem Land leben, dass von den Taliban regiert wird? Vielleicht somlten sich manche hier im Forum diese Frage einmal stellen. In Österreich geboren zu sein ist Glück, keine Leistung

future4you
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Aber das Österreich heute dort ist,

wo es ist, war und ist schon Leistung und nicht nur Glück! Unsere Eltern und Großeltern sind nicht weggelaufen, sondern haben an das Land und die Zukunft geglaubt. Und heute wird es vorwiegend von der Mittelschicht getragen.

Zeitgenosse
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Es haben auch Österreicher nach dem zweiten

Weltkrieg das Land verlassen, genug sind nach dem Krieg ausgewandert.

In Afghanistan leben 38 Millionen Menschen, sie werden nicht das Land verlassen, der Großteil dort arrangiert sich mit dem Regime, egal welches auch an der Macht ist.

Hausverstand100
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Vielleicht

Sollte man einfach einmal aufhören, unsere Massstäbe auf Länder mit so unterschiedlicher Kultur, Tradition und Geschichte anzulegen....

Ragnar Lodbrok
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Wenn ich mir die Kommentare anschaue

schäme ich mich für die xenophoben Österreicher. Ekelhaft

MG1977
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Bitte

Bleibt zuhause!

future4you
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Kulturen verpflanzen zu versuchen


ist vergleichbar, wie wenn man einen alten Baum umsetzen will, oder wenn man ein Edelweiß in der Wüste pflanzen wollte. Der arabische Frühling ist gescheitert, Glasnost ist gescheitert, wie schwer sich ehemalige Staaten der UDSSR tun, erleben wir gerade mit den Visegrad Staaten. Gebiete von Ex-Jugoslawien sind nach wie vor ein Pulverfass. Der Prozess der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland ist noch lange nicht abgeschlossen, ja und wie schwer sich die EU tut, ein Modell zu schaffen, nachdem die Menschen leben wollen, erleben wir selbst tagtäglich.
Der Wunsch nach Veränderung und Frieden muss von der Basis kommen und von einer breiten Basis getragen werden - siehe Weißrussland. Dies kann und soll dann von Außen unterstützt werden. Jedoch jemanden unser Lebensmodell, unsere Kultur aufzupropfen zu versuchen, noch dazu mit Waffengewalt und mit Eigeninteressen, ist zum Scheitern verurteilt.

jaenner61
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38 millionen einwohner

davon aller wahrscheinlichkeit ca 19 millionen männer! wenn davon nur 5 millionen im „wehrfähigem“ alter sind, frage ich mich, warum man 600.000 talibankrieger nicht aufhalten kann! ob es daran liegt, dass die männer dieses alters großteils geflohen sind? 🤔

checker43
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Nein

die sind nicht großteils geflohen. Es gibt keine Wehrpflicht in Afghanistan. Wolltens einen geflohenen Schuster oder Bäcker bewaffnen noch schnell und ihm eine eintägige Grundausbildung geben?

Es konnten auch die Sowjetunion und die USA die Taliban nicht besiegen. Wie soll es dann eine afghanische Armee schaffen?

joektn
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Ganz einfach

Weil es keine Infrastruktur gibt um die 5 Millionen zu erreichen. Die Taliban sind in kleinen Gruppen unterwegs, zerstreut in alle Richtungen und bestens vernetzt. Selbst wenn du 5 Millionen Soldaten hast, ist es unmöglich die ganzen kleinen Ortschaften und entlegenen Regionen zu erreichen um dort zu kämpfen. Wie schaut es mit der Versorgung der Soldaten aus? Wer bezahlt den Einsatz? 90% der Afghanen haben noch nie einen afghanischen Soldaten zu Gesicht bekommen. Sobald du aus den Städten raus bist, ist es vorbei mit Infrastruktur, Informationen und Militär.

GordonKelz
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Weil die Männer anscheinend außer ihrer

Religion nichts aber gar nichts auf die Reihe
kriegen, müssen die Frauen, die ihnen nichts wert sind, leiden! Was für ein Staat....
Wünschte die Frauen würden die Taliban aus dem Land jagen und die Macht übernehmen, die Männer sind überhaupt nicht dazu in der Lage, bestes Beispiel ein " Präsident " der als erster davon läuft! Bestes Beispiel für die jungen Männer, die dann bei uns auftauchen!
Mit dieser Religion ist kein STAAT zu machen, das Land versinkt wieder im Chaos.
Gordon

si1976
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Warum

schreiben so viele Zeitungen Gottestaat und Gotteskrieger, blöder geht es wirklich nicht mehr.
Für mich sind es Steinzeitislamisten die in der Steinzeit leben möchten. Mir tun nur die Frauen
und Kinder leid.

RonaldMessics
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Und jene die....

...flüchten werden wieder SO LANGE ES GEHT zurück gewiesen. Schlimme Gesellschaften

bugproof
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Bitte um Meinungen:

Die Taliban haben nach eigenen Angaben ca. 60.000 Kämpfer, Afghanistan hat 38 Millionen Einwohner.
Was ist da los? Ist die überwiegende Mehrheit für die Taliban?

checker43
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Die Sowjetunion und die USA

hatten noch mehr Einwohner, haben es auch nicht geschafft. Gegen einen Gegner, der in Zivilkleidung und in Guerillagruppen agiert, kann man sich brausen gehen.

Balrog206
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Naja

Warum hat die 180000 Mann starke Armee null Widerstand geleistet ? Als Einheimische sollte ihnen das Agieren der Taliban bekannt sein ! Anscheint wollen sie das was jetzt kommt , und nur wir glauben es müsste anders sein ! Je ärmer desto mehr religions höriger , ist auch nicht immer das beste für einen nächsten Schritt !

SoundofThunder
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🤔

38 Millionen Einwohner:Armee nur 300000 Mann die sich total auf die Amerikaner verlassen haben. Die Kriegsfahne der Afghanischen Armee ist 🏳️

goergXV
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???

sicherlich, ich möchte mit NIEMANDEM tauschen, der sich momentan in Afghanistan aufhält ...
Wenn ich mir die Bilder von dem momentanen Chaos am Flughafen so ansehe, dann sind es überwiegend junge Männer, die zu fliehen versuchen.
Was geschieht mit den ganzen Frauen und älteren Menschen ?
Ich gewinne LEIDER den Eindruck, daß die allermeisten männlichen Afghanen NICHT willig und auch NICHT fähig sind, sich, ihre Familien und ihr Land (selbst) zu verteidigen !
Sie haben offensichtlich KEINE Ei.. in den Hosen.
Sehr, sehr traurig, daß hier hunderte / tausende Männer und Frauen der westlichen Wertegemeinschaft für NICHTS und WIEDERNICHTS ihr Leben gelassen haben und sich in letzten 20 Jahren NICHTS ge- bzw. verändert hat.
Und sehr, sehr Schade um die Milliarden $ und € die in den 20 Jahren von unseren Steuergeldern in das Land geflossen sind.

melahide
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Aha

Also jeder der seine Heimat nicht mit einer Mistgabel gegen trainierte Kämpfer verteidigt, der ist ein Feigling?

RonaldMessics
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Waren bei uns...

....in den Zeiten der Diktatur in den 30er Jahren alle willig das Land gegen Mörder zu verteidigen?

ordner5
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Bizarre Akteure!

Spruch: Es ist besser sich mit zuverlässigen Feinden zu umgeben, als mit unzuverlässigen Freunden. Wahrscheinlich hätten kaum einer flüchten müssen. Hätte, ja hätten die Afghanen die enormen Hilfen des Westens, nicht nur der Amerikaner ernsthaft angenommen. Der afghanischen Armee wurden Waffen in unvorstellbaren Ausmaß geschenkt. Erhielten Ausbildungen in allen Bereichen, nur wehren hätten sie sich damit schon selbst müssen. 20 Jahre hatten die Menschen Zeit ihr Schicksal selbst zu bestimmen. Stattdessen verkauften die Regierungs-Soldaten ihre Waffen, der Rest zog eine rundum Versorgung in Österreich und Deutschland vor.

miranda02
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Schlimm

was sich dort abspielt!! Das kann man sich gar nicht vorstellen...

champion1of1truth
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Ich bin mir nicht ganz sicher, aber waren früher die Talibans nicht ein schreckliches Volk. Heute erobern sie Stadt für Stadt und ein jeder schaut zu. Es wird berichtet, wie wenn eine Katze von der Feuerwehr gerettet wurde. Sterben da keine Menschen, wenn eine Stadt erobert wird.? Wehe, es gibt einen der Corona hat, dann bricht die Welt zusammen. Ich denke, die Jungen Männer fliehen, also werden die Frauen und Kinder die Stadt verdeitigen.

 
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