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Nach FlugzeugabsturzIran wehrt sich gegen Abschuss-Vorwurf

Die Führung in Teheran spricht von "psychologischer Kriegsführung", der Flugschreiber sollen geöffnet werden. Die AUA streicht indes Teheran-Flüge bis 20. Jänner.

© AP
 

Zwei Tage nach dem Absturz eines ukrainischen Passagierflugzeugs im Iran heizt der Streit über die Unglücksursache die Spannungen in der Region zusätzlich an. Führende westliche Staaten gehen mittlerweile von einem versehentlichen Raketenabschuss durch die iranische Luftabwehr aus. Die Regierung in Teheran wies diese Darstellung zurück und sprach von "psychologischer Kriegsführung" gegen ihr Land.

Aufklärung soll die Auswertung der Flugschreiber bringen, die am Freitag geöffnet werden sollten. Diese Aufgabe will der Iran selbst übernehmen, gegebenenfalls aber Hilfe bei den ebenfalls von dem Absturz betroffenen Ländern einholen. Die AUA entschied unterdessen, dass die beiden täglichen Flüge zwischen Wien und Teheran bis einschließlich 20. Jänner gestrichen werden. Die Entscheidung sei "aufgrund der aktuellen Meldungen und der veränderten Einschätzung der Sicherheitslage für den Luftraum rund um den Flughafen in Teheran" erfolgt, teilte die Lufthansa-Tochter der APA am Freitag mit. Dieselbe Entscheidung verkündete später auch die Konzernmutter Lufthansa für ihre Teheran-Flüge.

Iran signalisiert Kooperationsbereitschaft

Der Iran war am Freitag bemüht, Transparenz und Kooperationsbereitschaft zu signalisieren. So meldete die staatliche Nachrichtenagentur Irna, dass sich auch Vertreter der USA, Kanadas und Frankreichs an den Ermittlungen beteiligen werden. Auch die Daten der Flugschreiber könnten bei Bedarf nach Russland, Kanada, Frankreich oder die Ukraine geschickt werden, sagte der Chef der iranischen Behörde für die zivile Luftfahrt, Ali Abedsadeh, auf einer Pressekonferenz. Die meisten der 176 ums Leben gekommenen Passagiere waren Iraner oder iranischstämmige Kanadier, die über die Ukraine nach Kanada weiterreisen wollten. In Frankreich befindet sich der Sitz des Unternehmens, das die Triebwerke der Boeing 737-800 von Ukrainian International Airlines hergestellt hatte.

Die Auswertung der Kommunikations- und Flugdatenaufzeichnungen könne ein oder zwei Monate, die gesamten Ermittlungen ein bis zwei Jahre dauern, ergänzte Abedsadeh. Seine Behörde hatte bereits am Donnerstag überraschend schnell einen vorläufigen Bericht vorgelegt, worin von einem technischen Problem kurz nach dem Start die Rede war. Sicherheitskreisen zufolge waren auch westliche Geheimdienste zunächst von einer technischen Absturzursache ausgegangen.

Unabsichtlicher Abschuss?

Später wurde zuerst in US-Regierungskreisen und dann vom kanadischen Ministerpräsidenten Justin Trudeau die Vermutung geäußert, das Flugzeug sei unabsichtlich von der iranischen Luftabwehr mit einer Rakete abgeschossen worden. Ein US-Regierungsvertreter verwies auf Daten heimischer Satelliten, Trudeau auf Geheimdienstinformationen verschiedener Herkunft. US-Präsident Donald Trump sprach von einem tragischen Fall und sagte: "Jemand könnte einen Fehler gemacht haben - auf der anderen Seite." Anschließend schloss sich auch der britische Premierminister Boris Johnson der Abschuss-Theorie an.

Die EU gab sich indes abwartend. Es gebe noch keine umfassenden Beweise für die Ursache, sage ein Sprecher der EU-Kommission am Freitag. "Wir warten noch auf die Ergebnisse der laufenden Ermittlungen", forderte der Sprecher eine "unabhängige und glaubwürdige" Untersuchung. Der Flugzeugabsturz dürfte wohl auch Thema beim Sondertreffen der EU-Außenminister am Freitagnachmittag in Brüssel sein, bei dem es vor allem um die Rettung des Iran-Atomdeals gehen wird.

Alarmbereitschaft

Zum Zeitpunkt des Absturzes befand sich der Iran in Alarmbereitschaft. Er stellte sich auf einen Gegenschlag der USA ein, nachdem er selbst zuvor Stützpunkte der von den USA geführten Truppen im Irak mit Raketen beschossen hatte. Dieser Beschuss war seinerseits eine Vergeltung für die Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani im Irak durch einen gezielten Luftangriff des US-Militärs vor einer Woche.

Die "New York Times" veröffentlichte Videos, die zeigen sollen, wie eine iranische Rakete nahe eines Teheraner Flughafens ein Flugzeug trifft. Das Video sei "verifiziert" worden, betonte das Blatt. Abedsadeh bestritt dies. Er rief die USA und Kanada dazu auf, ihre Informationen an die Internationale Zivilluftfahrtorganisation ICAO zu übergeben. Auf Internetplattformen zeigten sich iranische Bürger empört über die Behörden, weil diese den Flughafen nach den Raketenabschüssen auf US-Ziele nicht geschlossen hatten.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj schloss einen Abschuss der Maschine nicht aus. Aber diese Erklärung sei bisher nicht bestätigt, fügte er hinzu. Als mögliche Ursachen hatte die Ukraine neben einem Raketentreffer und einer Triebwerksexplosion auch "Terrorismus" und eine Kollision genannt. Die Regierung in Kiew hatte zudem den Wunsch geäußert, die Absturzstelle nach etwaigen Trümmerteilen einer vom Iran benutzten Rakete russischer Bauart abzusuchen. Außenminister Wadym Prystaiko schrieb am Freitag auf Twitter, dass er selbst und Präsident Selenskyj "wichtige Daten" aus den USA zum Absturz erhalten habe.

Aufklärung gefordert

Der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian sagte im RTL-Hörfunk, es sei wichtig, dass so schnell wie möglich für Klarheit gesorgt werde. Ähnlich äußerte sich sein deutscher Amtskollege Heiko Maas. Der schwedische Ministerpräsident Stefan Löfven forderte auch eine Beteiligung seines Landes an den Ermittlungen und verwies auf die beim Absturz getöteten Schweden.

Indes wurde bekannt, dass vier in Deutschland lebende Menschen bei dem Absturz starben, darunter eine Doktorandin aus Mainz und eine Mutter mit zwei Kindern im Alter von fünf und acht Jahren. Hinweise auf Österreicher an Bord gibt es laut dem Außenministerium in Wien nicht.

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