Ajatollah Ali Khamenei starb bei den neuen Luftangriffen von Israel und USA am Samstag, wie israelische Staatsmedien am frühen Sonntagmorgen bestätigten. Ganze Generationen von Iranern kennen keinen anderen Mann an der Spitze des Staates.

Vielen Iranern war Khamenei verhasst. Sie nannten ihn einen Diktator und hoffen nun auf den Sturz seines Regimes. Der 86-jährige iranische Revolutionsführer wollte die Islamische Republik retten, doch als Veteran der Revolution von 1979 blieb sein Handeln in ideologischen Denkmustern verhaftet, die sich längst überlebt hatten. Khamenei war taub für innenpolitische Reformforderungen und manövrierte den Iran in die außenpolitische Isolation.

Tausende Demonstranten getötet

Im Januar ließ er eine landesweite Protestwelle niederschlagen und tausende Demonstranten töten. Die Schuld dafür suchte er nicht bei den Missständen im Land, sondern bei angeblichen Aufrührern aus dem Westen. Selbstkritik war ihm fremd.

Khamenei wurde im nordost-iranischen Maschhad geboren und schlug schon früh die Laufbahn eines Geistlichen ein; Ende der 1950er-Jahre studierte er bei dem späteren Staatsgründer Ajatollah Ruhollah Khomeini, den er zwei Jahrzehnte später als Revolutionsführer beerben sollte. Als Aktivist im islamistischen Widerstand gegen das Schah-Regime wurde Khamenei mehrmals verhaftet. Als 1978 die Revolution begann, gehörte er zur Führungsriege der Islamisten; nach Khomeinis Rückkehr aus dem französischen Exil ein Jahr später stieg Khamenei zu einem engen Berater des neuen starken Mannes auf. 1981 wurde Khamenei zum Präsidenten gewählt, nach Khomeinis Tod 1989 rückte er an die Spitze der Islamischen Republik, wo er bis zu seinem Tod blieb.

Verfolgung, Umsturz und Überfall des Iran

Der nun getötete Revolutionsführer gehörte zu einer Generation, die Verfolgung, Umsturz und nach dem Überfall des Iraks auf den Iran 1980 auch Krieg erlebte. Im Jahr 1981 wurde Khamenei bei einem Attentat schwer verletzt und konnte seitdem seinen rechten Arm nicht mehr gebrauchen.

Khameneis Weltsicht wurde von diesen Kämpfen geprägt: Er zählte die Gegner der Islamischen Republik im Innern ebenso zu seinen Feinden wie die USA und Israel und lieferte sich einen jahrelangen Machtkampf mit dem 2017 verstorbenen Präsidenten Ajatollah Akbar Haschemi Rafsandschani, der Pragmatismus in der Außenpolitik und eine wirtschaftliche Öffnung des Landes forderte. Khamenei stand bis zu seinem Tod an der Spitze der Konservativen, der Revolutionsgarde und der Hardliner, die dem Westen tief misstrauen.

Oberste Prioritäten

Oberste Prioritäten Khameneis waren die ideologische Festigung und der Fortbestand der Islamischen Republik; diese Ziele waren ihm wichtiger als die demokratische Legitimation des Regimes durch Wahlen oder der Wohlstand der Bürger. Der Revolutionsführer spielte immer wieder andere Akteure im Iran gegeneinander aus und konnte sich so fast vier Jahrzehnte lang an der Macht halten: Als Khamenei 1989 Regimechef wurde, hatte in den USA gerade die Amtszeit von Präsident George Bush dem Älteren begonnen.

Khamenei war überzeugt, dass die Islamische Republik nur zu retten sein würde, wenn die Hardliner das gesamte Regime beherrschten, wie der Iran-Experte Alex Vatanka vom Nahost-Institut in Washington in einem Buch über Khamenei und Rafsandschani schrieb. Vereinbarungen mit dem Westen wie dem Atomabkommen von 2015 stand Khamenei immer skeptisch gegenüber, auch wenn der Vertrag vorübergehend einen Wirtschaftsboom im Iran auslöste.

Mikromanager

Persönlich sei Khamenei ein Mikromanager gewesen, sagt Vatanka: stur und nicht oft in der Laune, sich andere Meinungen anzuhören. Damit entfernte sich Khamenei mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit vieler Iraner. Forderungen der jungen Generation nach mehr persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten und der Abschaffung von sozialen Vorschriften wie der Kopftuchpflicht für Frauen waren ihm suspekt. Als vor vier Jahren hunderttausende Iraner mehr politische Teilhabe verlangten, ließ Khamenei die Revolutionsgarde auf die Demonstranten los. Der Revolutionsführer ließ Wahlen zugunsten der Hardliner manipulieren. Die wachsende Korruption der Elite nahm er hin.

In der Außenpolitik verwendete der Regimechef viel Geld und politisches Kapital darauf, ein Netzwerk aus Verbündeten gegen Israel zu schaffen. Diese „Achse des Widerstandes“ sollte Israel unter Druck setzen und den Iran vor Angriffen der Amerikaner und Israelis schützen. Doch der Überfall des iranischen Verbündeten Hamas auf Israel im Oktober 2023 leitete Khameneis Scheitern ein. Israel besiegte die Hisbollah im Libanon, der syrische Präsident Baschar al-Assad stürzte nicht, und schließlich griff Israel den Iran direkt an. Dabei zeigte sich, wie stark der israelische Geheimdienst Mossad den iranischen Staatsapparat unterwandert hatte.

Herrschaft der Hardliner

In den letzten Jahren seines Lebens konzentrierte sich Khamenei darauf, die Herrschaft der Hardliner über seinen Tod hinaus zu sichern, doch auch das gelang ihm nicht. Der 2021 gewählte Präsident Ebrahim Raisi galt als Khameneis Favorit für das Amt des Revolutionsführers, doch Raisis Tod bei einem Hubschrauberabsturz im vorigen Jahr durchkreuzte Khameneis Plan für eine Machtübergabe an einen treuen Gefolgsmann.

Nun ist das Gegenteil von dem eingetreten, was Khamenei immer gewollt hatte: Die Islamische Republik ist nach seinem Tod nicht stärker, sondern schwächer denn je. Khamenei hat zudem keinen designierten Nachfolger – und es ist nicht sicher, ob es überhaupt einen weiteren iranischen Revolutionsführer geben wird.