Österreich, wo ich geboren bin und lebe und vermutlich sterben werde, hat gerade Wahlen hinter sich und eine lange Strecke der Aufarbeitung politischer Skandale vor sich. Von allen Seiten wird der Begriff "Heimat" bemüht, ausdrücklich und bildhaft, mahnend und fordernd. So verkommt das mir Nahestehende zu einem tinnitusartigen Geräusch. Das ist meiner Heimat, Österreich, gegenüber ungerecht.

Und es entspricht auch nicht meinem Heimatgefühl. Leblos mutet es jedenfalls an, Heimat derart zu denken, wie der Sozialphilosoph Jürgen Habermas vorschlägt – als die abstrakte Rechtsform der Verfassungspatrioten, also jener guten Bürgerinnen und Bürger, die sich unter dem Dach der obersten Prinzipien einer liberaldemokratischen Ordnung zusammenfinden.

Trotzdem darf und sollte Österreich mit seiner Verstrickung in den Hitler-Faschismus hier nicht danebenstehen. Doch im sentimentalisch-sinnlichen Gegenzug neigen unsere Kulturinstitutionen dazu, das Erbe der habsburgischen k. u. k.-Tradition, die Zeit der österreichisch-ungarischen Monarchie mit ihrer staatsmännischen Übermutter Maria Theresia, dem aufklärerisch gesinnten Josef II., der ungarnfreundlichen Kaiserin Elisabeth ("Sisi") und dem unselig-seligen Kaiser Franz Joseph zu verklären.

Längst erstreckt sich unser kleines Land vom Burgenland bis zu den Ländern Tirol und Vorarlberg; daher wird sich ein Heimatbegriff, der auf das großstädtische Wien mit seiner historistischen Ringstraße zugeschnitten ist, schwerlich als umschließend bezeichnen dürfen. Was Heimat dem Wesen nach bedeutet, erfahren die Millionen und Abermillionen, die emigrieren mussten und müssen, um zu überleben.
Mir wurde von der Witwe des berühmten Medientheoretikers Vilém Flusser bei einem Rundgang durch ihre Geburtsstadt Prag Folgendes berichtet: Beide mussten als Kinder jüdischer Eltern vor den Nazis fliehen, über England nach Brasilien, um dort – und später auch wieder in Europa – unter fürchterlichem Heimweh zu leiden, viele Jahre lang, bis beide schließlich das Gefühl hatten, keiner Heimat mehr bedürftig zu sein und überall gleichermaßen leben zu können. Angesichts der erzwungenen Heimatlosigkeit des Paares fiel mir ein Wort von Peter Handke ein: "Wunschloses Unglück".

Aber das war vielleicht bloß die Reaktion eines österreichischen Stubenhockers. Denn angesichts einer mobilen und globalen Weltsituation, in welche die jungen Generationen hineinwachsen (und hoffentlich weiterhin hineinwachsen werden), verflüssigt sich – um ein philosophisches Modewort zu verwenden – auch das Heimatgefühl. Man ist nicht mehr an einem einzigen Ort zu Hause, dem Ort der Abstammung, der Geburt, des Familienclans oder einfach des Erwachsenwerdens. Man sucht nicht mehr, mit Goethes Iphigenie gesprochen, "das Land der Griechen mit der Seele". Und so entsteht der Begriff einer nomadisierenden Heimat, einer Menschheit, die durch alle Vielfalt hindurch ein Friedenskollektiv geworden wäre – ach, eine Utopie, die durch die Existenz brutaler Diktaturen zurzeit absurd geführt wird.
Und doch, und doch: Wenn ich morgens aus dem Fenster schaue und auf das Karmelitinnenkloster gegenüber blicke, das jetzt, im Herbst, halbverborgen hinter alten Bäumen verborgen liegt, dann regt sich in mir ein Gefühl, das schwer in Begriffe zu fassen ist. Dieser Ort, kein anderer: Von drüben steigt Rauch auf aus einem Schornstein. Irgendwo in dem alten Klostertrakt wird geheizt, an diesem Ort drüben ist noch Leben, einige alte Frauen, Nonnen, sorgen vermutlich dafür, dass die angebaute Kirche nicht leer steht.

Es ist immer "dieser" Ort: Mir fällt es schwer, wenn ich an meine Heimat denke, nicht an die Bierrösser zu denken, die ich als Kind – ich wohnte in einem stillen Stadtteil – an kalten Tagen dampfend aus dem Fasslager rasseln sah; und jene bereits jahrzehntealte Erinnerung verbindet sich bei mir – das Wort "mythisch" wäre zu stark – mit dem Rauch, der aus dem Schornstein des Karmelitinnenklosters aufsteigt, um sich rasch über den wieder einmal altweibersommerhaft glänzenden Himmel zu verteilen.
Land der Berge, Land der Täler, na schön. Aber es gibt einen Zug des Heimatlichen, der intim ist; der sich nicht über die ganze Welt verstreuen lässt, die durchzogen ist von Elektronik, Kabeln und Warenverkehr rund und rund um den Globus. Auch wenn ich mich über die täglichen Nachrichten hinsichtlich der politischen und ökonomischen Schändlichkeiten im Augiasstall Österreich empöre, etwas in mir will sich nicht mitempören. Dort unten, im Hof, ist die nachschwingende Kinderschaukel, die nun gleich – eben hatte sie ein Mädchen mit flatternden Haaren und einem flatternden Kabel zum Handy laut singend angetrieben – zum Stillstand kommen wird. Bis zum nächsten Mal.

Und da ist es wieder jenes Heimatgefühl, das Mädchen hätte eine meiner Enkelinnen sein können, doch da ist mehr: Hier bin ich zu Hause, in einem tieferen Sinn als dem örtlichen, demzufolge ich hier wohne. Das Klappern der Hufe der Bierrösser auf dem Kopfsteinpflaster ist längst verklungen, der Rauch aus dem Schornstein des Klosters hat sich verzogen, die Schaukel ist zum Stillstand gekommen. In mir wirkt – ich kann das nicht anders sagen – eine Tapisserie der Sehnsucht, die sich aus unzähligen und großenteils unnennbaren Elementen zusammensetzt (und wenn wir den Idealisten glauben dürfen, dann handelt es sich ohnehin nur um schwache Abbilder ewiger Ideen). So kommt mir vor, was in mir als Heimat anklingt, ist das ferne Echo einer Geborgenheit, die wir verloren haben, seitdem wir, Nachfahren des alten sündigen Adam und seiner Gefährtin, auf Erden wandeln.

Ich weiß, dass viele Menschen heute mit solchen Gedanken wenig anzufangen wissen, aber ich weiß auch, dass sie beim Geräusch des Regens auf den Blättern der Bäume vor dem Fenster oder beim stillen Schein der Lampe abends das seltsam vertraute Gefühl haben, die Dinge, die sie umgeben, ragten ein Stück weit in eine jenseitige Welt hinein. So jedenfalls hat es Johan Huizinga in seinem wunderbaren Buch "Herbst des Mittelalters" formuliert.

Und mir kommt vor, er hat uns das Bild einer Heimat vermittelt, die ebenso ortsgebunden ist, wie sie sich allem sterblichen Hier und Jetzt, allen Unzulänglichkeiten des Tages, entzieht: Heimat ist "ewig", sie hat ihre tiefen Symbole und Empfindungen, und deshalb ist das, was uns an unserer Heimat unverlierbar zu sein scheint, an eine Bilder- und Gefühlswelt gebunden, die zum Eigensten gehört, dem Menschen nachsinnen können.

Ich habe dafür einmal den Begriff der Geborgenheit im Schlechten verwendet, denn es wäre eine billige, sentimentale Lüge, wollte man vergessen, dass wir im Tal der Tränen umgehen: Viele sind unglücklich, viele haben kein Dach über dem Kopf, viele suchen unsere Hilfe, die wir ihnen nur widerwillig gewähren. Dagegen hilft die abstrakte Berufung auf unsere mitmenschlichen Verpflichtungen zwar im Sozialstaat, doch wir müssen realisieren, dass wir eine Heimat im intimen Sinne, im Sinne einer höheren Geborgenheit brauchen, um die Not der sogenannten "Anderen" begreifen zu können.

 

 

© Christian Jungwirth