Wäre Dietrich Mateschitz noch am Leben, und ich wäre von der Kleinen Zeitung gebeten worden, etwas über ihn zu schreiben, hätte ich ihn gefragt, ob ihm das recht ist, und er hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gesagt, was er immer gesagt hat, wenn es um Öffentlichkeit ging: Nein. Und ich hätte das akzeptiert und abgesagt. Jetzt ist er nicht mehr am Leben, ich habe zugesagt, und ich glaube, es wäre ihm nicht recht. Eigentlich würde ich darauf gern Rücksicht nehmen, aber die Verbundenheit mit dieser Zeitung, das Wissen um seine Verbundenheit mit dieser Zeitung, und vor allem die Bestürzung über das, was ich seit Samstagnacht nicht nur in der Buchstabenhölle der asozialen Medien, aber auch in serösen Publikationen gelesen habe, drängt mich dazu, über den Toten ausschließlich Gutes zu sagen.

Ich sage es aus Überzeugung, nicht zuletzt deshalb, weil ich zu den vielen Menschen gehöre, denen Dietrich Mateschitz dabei geholfen hat, eine Idee zu verwirklichen. Wir haben gemeinsam ein Medium namens "Addendum" gegründet, das sich zum Ziel gesetzt hat, den konformistischen Strom des Nachrichtenwesens, der dadurch gekennzeichnet ist, dass er die passenden Tatsachen zu den bereits existierenden Meinungen schwemmt, durch eine Art Entlastungsgerinne zu ergänzen, in dem Fakten und Daten gesammelt werden, auf deren Grundlage sich jede Konsumentin und jeder Konsument vor dem Hintergrund seiner weltanschaulichen oder biografischen Prädispositionen seine eigene Meinung bilden kann. Das ist uns einmal besser und einmal schlechter gelungen, unsere Einschätzungen darüber, wie gut es uns im Einzelfall gelungen ist, waren nicht immer deckungsgleich, es wurde gerungen und gelegentlich auch gestritten, immer auf Augenhöhe, immer im Wissen um das gemeinsame Anliegen.

Das Leben des Dietrich Mateschitz in Bildern

Auch das Ende von "Addendum", das für mich und meine Kolleginnen und Kollegen schmerzhaft war, spielte sich in diesem Rahmen ab, und schon damals haben mich die primitiven Reaktionen, die davon wissen wollten, dass da ein weltanschaulich entgleister Superreicher die Lust an seinem "Spielzeug" verloren hätte, weil es nicht so tat, wie er wollte, empört. Ihm war das immer egal, mir nicht. Jetzt, nachdem er viel zu früh gehen musste, spielt sich dasselbe noch einmal ab: Eh Respekt vor der unternehmerischen Leistung, aber dann doch eine Lawine absurder Mutmaßungen und Zuschreibungen, geraunte Hinweise auf Sektentum, Machtfantasien oder gar Umsturzpläne, alles unter dem Deckmantel der "Differenzierung".

Der Tod kennt keine Differenzierung. Das, was in den vergangenen Tagen in der öffentlichen Beurteilung eines Menschen, dessen Kraft und Energie, dessen Freude am Schaffen und Erhalten, dessen Großherzigkeit und Offenheit unzähligen Einzelnen und Institutionen die Verwirklichung ihrer Ideen und Träume ermöglicht hat, als "Differenzierung" präsentiert wurde, wird nicht nur dem Menschen Dietrich Mateschitz nicht gerecht, es ist in meinen Augen eine Schande.

Dietrich Mateschitz hatte alles, was wir alle bräuchten, um in dieser Zeit und unter der Herrschaft ihres Geistes nicht verrückt zu werden: materielle, aber vor allem innere Unabhängigkeit, einen unbändigen Freiheitsdrang, Freude am Versuch, Großzügigkeit gegenüber dem Scheitern, Resistenz gegen Konformismus, Loyalität gegenüber Gefährten, Respekt vor Gegnern, einen fast naiven Gerechtigkeitssinn, Starrsinn und Empathie. Unverstellt war er, es war eine Freude, mit ihm zu lachen, es war beeindruckend, ihn aus allem etwas machen zu sehen. Sein oft zitierter Satz, nicht er sei wichtig, sondern die Marke, war vollkommen ernst gemeint, und er bezog sich nicht nur auf die Marke, die er zur Weltmarke gemacht hat. Dietrich Mateschitz war für so viele so wichtig, weil er sich nicht so wichtig nahm.

Ich glaube, es war Peter Sloterdijk, der einmal gesagt hat, dass es heute besonders wichtig sei, das ganz Große und das ganz Kleine gleichzeitig denken zu können, weil es uns auferlegt ist, die komplexen Zusammenhänger des Globalen zu durchdringen und zu nutzen, was uns nur gut gelingen kann, wenn wir gleichzeitig den Bezug zum Regionalen, zum Lokalen nicht verlieren. Genau das konnte Dietrich Mateschitz. Er war Kosmopolit und Heimatgesinnter, er beherrschte die Klaviatur des Globalen und liebte die Klänge des Regionalen, beides aus vollem Herzen, ohne Größenwahn und ohne Enge.

Michael Fleischhacker
Michael Fleischhacker war nach Stationen bei der Kleinen Zeitung und beim "Standard" von 2004 bis 2012 Chefredakteur bei "Die Presse", ab Mitte 2014 bei NZZ Österreich, bei der Rechercheplattform "Addendum", jetzt freier Publizist und "Talk im Hangar-7"-Moderator bei ServusTV
© ServusTV / Neumayr

Was mich am meisten fasziniert hat, war, glaube ich, dass dieser Mann so etwas wie ein Sinnesorgan zur Wahrnehmung von Qualität hatte. Man sagt oft, dass Menschen, die in einer bestimmten Sparte oder auf einem bestimmten Feld besonders erfolgreich sind, irgendwann glauben, sie wüssten zu allem und jedem etwas zu sagen, und das wäre dann nicht selten ein bisschen peinlich. Dietrich Mateschitz war weit davon entfernt. Er nahm sich auch in dieser Hinsicht nicht wichtig, war sich vollkommen bewusst, dass er in vielen der Projekte, die er anstieß und begleitete, finanzierte und beschützte, nicht derjenige war, der über die konkrete Expertise verfügte. Aber wenn etwas da war, konnte er mit untrüglicher Sicherheit sagen, ob es gut war oder nicht. Ich habe das selbst oft erlebt, wenn wir über fertige Rechercheprojekte und ihre handwerkliche Umsetzung sprachen. Es ging dabei nie darum, ob er mit den Ergebnissen und ihrer Einordnung einverstanden war, und naturgemäß brachte ich eine Reihe von Argumenten vor, warum das nur so und nicht anders gehen konnte, aber nicht nur einmal musste ich zumindest mir selbst eingestehen, dass er recht hatte.

Die gröbste Fehleinschätzung in der öffentlichen Wahrnehmung von Dietrich Mateschitz sehe ich in der weitverbreiteten Einschätzung, er habe die von ihm gegründeten Medien als Mittel zur Verbreitung und Durchsetzung seiner Weltanschauung benutzt. Es sei denn, man würde seine fast körperliche Ablehnung von Konformismen und Meinungsdiktaten als Weltanschauung betrachten. Die wollte er tatsächlich durchsetzen, und das war auch gut so. Aber der Versuchung, seine eigene Sicht der Dinge und der Welt auch anderen aufzuzwingen, also auf der einen Seite den Konformismus anzuprangern und ihn auf der anderen Seite einzufordern, hat er immer widerstanden.

Über den Unternehmer und Sportpionier Dietrich Mateschitz wurde alles gesagt, und zwar von allen. Sein mediales, kulturelles und soziales Engagement wurde gewürdigt, und zwar zu Recht. Und es steht mir natürlich nicht zu, öffentliche Kritik an einem Verstorbenen, dessen Wirken so große öffentliche Wirkung entfaltet hat, zu kritisieren oder gar zu unterbinden. Aber ich möchte noch einmal betonen, was mir angesichts des Todes von Dietrich Mateschitz vor allem wichtig scheint: Die Trauer um einen menschenfreundlichen, großherzigen, hilfsbereiten, weltoffenen und heimatverbundenen Mann, dessen Größe sich nicht am wirtschaftlichen Erfolg bemisst, den er hatte. Er wird sehr vielen fehlen, und er fehlt schon jetzt.