Nach stundenlangem Warten gab es am Freitagabend doch noch ein Happy End. Drei junge Forscher waren seit Donnerstagabend im vorderen Teil der insgesamt 50-Kilometer langen Lamprechtshöhle in St. Martin bei Lofer eingeschlossen. Mehr als 24 Stunden später,  kurz vor 19 Uhr, erreichte die Einsatzleitung der Höhlenrettung via Funk  die frohe Botschaft: Den Einsatzkräften war es gelungen, die drei Polen unverletzt in den sicheren Bereich der Höhle zu bringen. Kurz nach der Rettungsaktion waren sie zwar unterkühlt, aber wohlauf.

Zwei von ihnen, der 35-jährige Jacek Szczygiel und der 37-jährige Mateusz Golic, stellten sich nach kurzem Aufwärmen den Fragen der Medien, die  die Rettungsaktion den Tag über, vom Eingang der Höhle aus, verfolgten.

++ HANDOUT ++ SALZBURG: EINGESCHLOSSENE HOeHLENFORSCHER IM PINZGAU AUF DEM WEG INS FREIE
Die geretteten Forscher Michal Ciszewski, Mateusz Golicz und Jacek Szczygiel, Einsatzleiter Manfred Pongruber (BH Zell am See Kat Referent) und Gernot Salzmann (EL Höhlenrettung)
© APA/LAND SALZBURG/MELANIE

Wasserstand nicht bemerkt

„Wir haben den steigenden Wasserstand erst nicht bemerkt“, sagt Szczygiel. Sein Kollege ergänzt: „Erst 30 Minuten vor dem Höhlenausgang haben wir gestern Abend gesehen, dass wir nicht mehr weiterkommen. Zuvor haben wir schon darüber nachgedacht, welche Pizza wir am Abend essen wollen.“ Eigentlich hätten sie die Höhle gegen 19 Uhr, spätestens jedoch in der Nacht, verlassen wollen. Doch daraus wurde  bekanntlich nichts. Die drei polnischen Höhlenforscher saßen  fest. Ein Siphon – eine tiefe Senke, die mit Wasser gefüllt ist – versperrte den Rückweg. Der Wasserstand war aufgrund des ungewohnt vielen Schmelzwassers für diese Jahreszeit überraschend schnell gestiegen und in das  Gangsystem eingedrungen, erklärt Einsatzleiter Gernot Salzmann.

Am Donnerstagabend wurde deshalb eine  Rettungsaktion in Gang gesetzt. Von den 18 Höhlenrettern, die im Einsatz waren, erkundete am Nachmittag immer wieder kleine Gruppe aus zwei oder drei Personen die Höhle. Sie waren  es auch, die am frühen Nachmittag die ersten positiven Nachrichten überbrachten: Der Wasserstand war seit Mittag ständig gesunken, eine erste Funkverbindung in den Bereich vor dem  Siphon konnte aufgebaut werden.

Höhlenretter und Spezialtaucher an Rettung beteiligt

Doch um mit den drei eingeschlossenen Forschern in Kontakt zu treten, reichte das nicht aus. Dafür mussten Spezialtaucher angefordert werden, die aus Niederösterreich und Kärnten anreisten. Einem von ihnen  gelang es am Nachmittag, den ersten Kontakt mit den Polen  herzustellen, nachdem der Wasserstand  in der Höhle innerhalb von Stunden um zwei Meter gesunken war.

Geologe Wolfgang Gadermayr war Teil der Gruppe aus Höhlenrettern, der an der Rettung beteiligt war.   „Der Taucher hat  auf der anderen Seite des Siphons einen Zettel vorgefunden, auf dem die Forscher eine Nachricht mit ihrem Aufenthaltsort in der Höhle hinterlassen haben.“ Das sei in so einem Fall die richtige Vorgehensweise. Anschließend sei der Taucher weiter in die Höhle vorgedrungen – etwa 50 Meter – bis er auf die Forscher traf. „Der Mann hat sie mit Verpflegung, Schlafsäcken, Wärmewesten und Tee versorgt. Das ist in so einem Fall das Wichtigste“, sagt Gadermayr.

“Überrascht, dass schon so bald Hilfe kam“

Die drei polnischen Forscher sagten, sie hätten ihren Ohren kaum glauben können, als sie die Rufe der sich nähernden Höhlenretter wahrgenommen haben. Jacek Szczygiel: „Wir waren so überrascht, dass schon so bald Hilfe kam. Wir haben damit gerechnet, dass wir mindestens bis Sonntag in der Höhle bleiben werden.“ Die Polen hätten bereits ihren  restlichen Proviant – ein paar Würstel – in Portionen aufgeteilt. Doch aufgrund des weiter sinkenden Wasserstands konnten sie die Höhle in Begleitung der Höhlenretter bereits am Freitagabend verlassen. Sie hatten sich entschieden,  eine Strecke von eineinhalb Metern zu tauchen, um auf die andere Seite des Siphons zu gelangen.

Komplett neue Notsituation für die Forscher

Szczygiel und sein Kollege sagten, sie seien noch nie in eine derartige Notsituation gewesen. „Wir sind aber bereits seit 18 Jahren zusammen in Höhlen unterwegs und wissen, wie wir handeln müssen.“ Sie betonen, wie wichtig es sei, immer die volle Notausrüstung mit sich zu führen, auch wenn man nicht davon ausgeht, sie verwenden zu müssen. „Wir hatten zum Glück auch dieses Mal alles dabei, wie einen Kocher und Rettungsdecken.“ Eines bereuen Szczygiel und Golic dennoch: „Wir haben uns den Wetterbericht nicht ausführlich genug angesehen, das werden wir beim nächsten Mal definitiv anders machen.“

Die Forscher kennen die Lamprechtshöhle in St. Martin bei Lofer sehr gut, sagt ihr Salzburger Kollege, der Geologe  Georg Gadermayr. „Seit 1975 kommt immer wieder eine Gruppe aus Krakau in die Lamprechtshöhle, daraus hat sich mittlerweile eine intensive Freundschaft entwickelt.“

Nicht der erste Zwischenfall

In der Lamprechtshöhle waren am Freitag nicht zum ersten Mal Menschen eingeschlossen. Wie es sich anfühlt, in dieser festzusitzen, weiß auch Höhlenretterin Cornelia Feichtner. Angst habe sie keine gehabt, als sie das Wasser vor etwa zweieinhalb Jahren in der Höhle einsperrte. „Ich war mit etwa zehn Höhlenrettern  unterwegs. Das war eine gute Übung, weil wir jetzt wissen, dass wir als Team funktionieren“, sagt Feichtner heute.  Höhlenretter und Forscher haben den Wasserstand immer im Blick. Dennoch komme es vor, dass dieser schneller als erwartet steige, sagt auch Höhlenretter Johannes Lassacher, der am Freitag beim Rettungseinsatz in der Lamprechtshöhle dabei war.  „Das passiert, ist aber nie ein schönes Gefühl. Das Wasser ist der größte Feind in der Höhle.“