Extremes WetterKromp-Kolb: "Wetterextreme haben wir jetzt vor der Haustür"

Unwetter werden heftiger und häufiger. Der Klimawandel sorgt für eine exponentielle Entwicklung, die auch in Europa immer deutlicher spürbar wird. Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb erklärt, was das für uns bedeutet und wie wir uns wappnen können.

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Heftigkeit und Häufigkeit extremer Wettersituationen werden zunehmen © APA, Meteo France, Kleine Zeitung
 

Hitze, Tornados und Rekord-Hagel. Worauf müssen wir uns in den nächsten Jahren noch einstellen?
HELGA KROMP-KOLB: Das Wetter wird extremer werden, das ist klar. Ob die Zahl der Tornados bei uns zunehmen wird, lässt sich nicht sagen. Einer der simpelsten Faktoren ist die Hitze, hier geht die Kurve klar nach oben. Das bedeutet nicht nur, dass es heißer wird, es wird auch länger heiß sein. Die Folgeerscheinungen reichen von steigender Belastung für Menschen oder Tiere über wachsenden Energiebedarf, Nahrungsmittelunsicherheit, zunehmenden Stress für unsere Strom- und Versorgungsnetze bis hin zu permanenter Unbewohnbarkeit ganzer Erdteile. Immer extremeres Wetter ist eindeutig auf den Klimawandel zurückzuführen.

Hagel-Inferno Frankreich

Vor allem im Osten Frankreichs kam es in den vergangenen Tagen zu massiven Unwettern. In Plombières-les-Bains verwandelte der minutenlange Hagel die Straßen optisch in Schipisten. Die Menschen mussten mit Baggern und Schaufeln die Straßen wieder freibekommen.
Ein Kältetief hängt seit Anfang der Woche über Frankreich.Faktbox (9ff665f8)

Trägt extremes Wetter vor unserer Haustüre dazu bei, dass wir die Klimakrise ernster nehmen?
Zumindest können wir nicht mehr sagen: Das ist weit weg, was geht mich das an? Wir müssen erkennen, dass hier gar nichts mehr weit weg ist. Dürren und Ernteausfälle betreffen uns genauso, auch wenn es in anderen Teilen der Welt bereits viel deutlicher spürbar ist. Zecken breiten sich genauso aus wie exotischere Viren, die zuvor bei uns nicht vorkamen. Europa hat keine Sonderstellung, nur weil manche Auswirkung der Klimakrise verspätet auftritt. Ich glaube, viele verstehen noch immer nicht, dass sich die Klimakrise exponentiell entwickelt. Wenn es bei uns durchschnittlich zwei Grad wärmer ist, sind die Auswirkungen mitunter dramatisch, aber wenn noch zwei Grad dazukommen, sind die Folgen nicht doppelt so dramatisch, sondern noch viel schlimmer.

Über 40 Grad: Rekordhitze in der USA und Kanada

Abkühlung gesucht: Eine Hitzewelle im Westen Kanadas lässt die Thermometer auf Rekordwerte steigen.

(c) AFP (JIM WATSON)

In Lytton (British Columbia) sei am Montag mit 47,9 Grad gemessen worden.

(c) AFP (JIM WATSON)

Auch in zahlreichen anderen Orten Nordamerikas, unter anderem im Bundesstaat Oregon im Westen der USA, wurden lokale Rekordtemperaturen von weit über 40 Grad gemessen. Viele Orte stellen gekühlte Hallen für Hitze geplagte Einwohner zur Verfügung.

(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)

Für die kommenden Tage sind weiterhin Hitze und anhaltende Trockenheit in weiten Teilen des Landes vorhergesagt, vielerorts steigt die Waldbrandgefahr. 

(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)

Die derzeit im Westen Kanadas registrierten Temperaturen überstiegen teilweise sogar die von deutlich weiter im Süden gelegen Orten wie der US-Wüstenstadt Las Vegas.

(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)
(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)
(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)
(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)
(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)
(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)
(c) AFP (KATHRYN ELSESSER)
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Das klingt nicht gut.
Nein, aber wenn sie einen positiven Aspekt an der Sache suchen: Noch haben wir es in der Hand und können diese Entwicklung bremsen. Dafür muss aber noch deutlich mehr getan werden als bisher.

Klimapolitik wird immer wichtiger, aber was können Einzelne tun, um sich gegen extremes Wetter zu wappnen?
Was das eigene Zuhause betrifft, geht es nicht mehr nur um (Energie)-Effizienz, sondern immer mehr auch um Resilienz. Begrünte Fassaden bieten etwa guten Schutz vor Hitze, Sandsäcke oder Schwellen im Keller helfen gegen Überschwemmungen. In Zukunft wird wohl interessant sein, welches Dach starkem Hagel standhält, oder ob Solar- oder Fotovoltaik-Anlagen auf Dächern robust genug sind. Es gibt einiges, was man im Kleinen tun kann, um sich zu wappnen. Letztlich liegt es aber an der Politik und ihren Maßnahmen, ob wir und unsere Nachfahren auch in Zukunft noch einen lebenswerten Planeten haben werden.

Rekordhitze in Kanada und den USA

Eine extreme Hitzewelle hat in Kanada zu mehr als 100 Todesfällen geführt. Am Dienstag verzeichnete man am dritten Tag in Folge einen neuen landesweiten Temperaturrekord von 49,5 Grad – das sind die heißesten Temperaturen im Land seit dem Beginn der Aufzeichnungen. Auch die US-Städte Portland, Oregon und Seattle sind von der Hitzewelle betroffen. Unter Hitze leidet man seit Tagen auch in Griechenland und auf Zypern: Am Donnerstag werden dort bis zu 44 Grad erwartet.

Was sollte auf übergeordneteren Ebenen getan werden, um sich zu schützen?
Besonders anfällig sind wir bei der Energieversorgung. Hier müssten unsere Netze dezentraler werden. Die Gefahr von großen Blackouts ist jedenfalls da. Wenn Kraftwerke offline gehen und die Versorgung zusammenbricht, wird das Wiederhochfahren aus technischer Sicht eine große Herausforderung werden. Auch beim Bahnverkehr muss man sich genau überlegen, wo man ausbaut und wie man die Leitungen vor Umwelteinflüssen ausreichend schützen kann.

Sehen Sie die Klimapolitik auf einem guten Weg?
Wir müssen vieles neu denken, um echte Veränderungen zu bewirken. Die Pandemie wäre eine gute Gelegenheit dafür gewesen – das ist sie noch immer. Aber ich denke, dass viele einfach nur zurück zum Status quo wollen. Hier sind Entscheidungsträger oft zu konservativ, und die Strukturen noch konservativer – jedenfalls bei uns. Dabei bräuchten wir Mut und Kreativität, um diese Herausforderungen zu bewältigen.

Tornado in Tschechien

Ein zerstörerischer Tornado hat im Südosten Tschechiens vergangene Woche sechs Menschen getötet, darunter ein zwei Jahre altes Kind. Mehr als 200 Menschen wurden dabei verletzt. Der Tornado hinterließ eine 26 Kilometer lange und 500 Meter breite Schneise der Verwüstung. In sieben Ortschaften wurden rund 1200 Häuser beschädigt oder zerstört. Wenige Tage zuvor wurden im südbelgischen Beauraing 17 Menschen durch einen Tornado verletzt.  Auch in Österreich kommen Tornados vor.

Kommentare (1)
DergeerderteSteirer
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8
Lesenswert?

Wenn man sich nur ein wenig umschaut und die Verhaltensweisen beobachtet ist bei vielen das Verhalten noch immer als gäbe es kein Morgen, leider trauriger Fakt der großen Teile der Konsumrausch, Urlaunsrausch und Feiergesellschaft!!

In diesem Absatz ist alles enthalten worauf es wirklich ankommt :
"Noch haben wir es in der Hand und können diese Entwicklung bremsen!!"
Am Anpassungs und Umstellungswillen, dem "Ich und Egotrip" zu vieler scheitert es noch immer kläglich, wenn's raschelt dann kommt das übliche "warum usw." !!