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20 Jahre nach Kaprun"Wir konnten einfach nur auf den Tunnel starren"

Am 11. November liegt die Katastrophe von Kaprun genau 20 Jahre zurück. Was damals geschah und was davon geblieben ist - in Bildern und Geschichten aus dem Archiv der Kleinen Zeitung. Eine Gedenkzeremonie fand am Mittwoch um 9 Uhr in Kaprun statt.

Die Bergung des Bahn-Wracks vor zwanzig Jahren
Die Bergung des Bahn-Wracks vor zwanzig Jahren © APA/Franz Neumayr
 

Es ist eine stille Trauer, die diesen Mittwoch beherrscht. Unweit der Seilbahn-Talstation, bei der Gedenkstätte, die an die Opfer der Katastrophe von Kaprun erinnern soll, versammelten sich um 9 Uhr die Angehörigen zu einem ökumenischen Gottesdienst. Ohne offizielle Redner, ohne Politiker und ohne Medien, und coronabedingt im Freien.

Die Seilbahnkatastrophe von Kaprun jährt sich zum 20. Mal. Am 11. November 2000 sind beim Brand in der Standseilbahn 155 Menschen ums Leben gekommen. Das Inferno gilt als die größte Katastrophe der österreichischen Nachkriegsgeschichte

Der Hergang der Tragödie

"Wir konnten einfach nur auf den Tunnel starren", so titelte die Kleine Zeitung damals, am 12. November 2000, dem Tag nach der Katastrophe von Kaprun. Ein Polizist erzählt darin von den bangen Stunden, in denen die rund 950 Helfer und Retter am Unglücksort unterhalb des "Todeskamins" tatenlos zusehen mussten, wie die Tragödie geschah. Für die meisten in der Bahn Eingeschlossenen war keine Rettung mehr möglich.

Der 11. November 2000 war ein Samstag. Die Standseilbahn "Kaprun 2" fuhr im Salzburger Pinzgau bergwärts – und die Katastrophe nahm bereits nach 20 Metern ihren Lauf. Im talseitigen Führerstand entwickelte sich von einem Heizlüfter ausgehend ein Brandgeschehen. Eine Hydraulikleitung zerriss wegen der Hitze, das ausrinnende Öl entfachte den Brand explosionsartig, und durch die Kaminwirkung im Tunnel breiteten sich die Flammen blitzschnell auf die komplette Seilbahngarnitur aus.

Aus Sicherheitsgründen konnten die Türen nur vom Wagenbegleiter geöffnet werden, die Passagierabteile waren zudem weder mit Handfeuerlöschern noch Nothämmern ausgerüstet. Von den Personen, die sich befreien konnten, liefen die meisten – vermutlich in Panik – vom Brandherd im hinteren Teil des Zuges durch den Tunnel nach oben in die tödliche Rauchgaswolke. Nur zwei Österreicher und zehn Deutsche konnten sich in der Frühphase des Brandes durch eine Scheibe retten, für alle anderen gab es keine Rettung mehr.

Vor 20 Jahren: KAPRUN I

Rauch strömte am 11. November 2000 aus dem Tunnel der Seilbahn.

AP (Georg Koechler)
AP (Georg Koechler)

Bergung der Reste der Gletscherbahn-Garnitur aus dem Tunnel in Kaprun am 16.11.2000

AP (FRANZ NEUMAYR)

Bergung der Reste der Gletscherbahn-Garnitur aus dem Tunnel in Kaprun am 16.11.2000. Am 11. November 2000 wurden bei dem Brand der Standseilbahn auf das Kitzsteinhorn 155 Menschen getötet.

APA (FRANZ NEUMAYR)

Abtransport des Wracks der "Kitzsteingams" am 28.02.2001

APA (CALLE TOERNSTROEM)

Trauernde Menschen vor der Gedenkstätte in Kaprun

Walter Schweinöster

Die Schienen, die zu dem Tunnel führen, in dem sich die Katastrophe ereignete.

AP (Uwe Lein)

Am Salzburger Flughafen wurden die Särge der Opfer aufgebahrt

AP

Mehrere hundert Personen, darunter viele Freunde und Angehörige der 155 Toten des Bergbahnunglücks von Kaprun, kamen am ersten Jahrestag des Unglücks in die Nähe der Talstation der Bahn, um den Opfern zu gedenken. (Foto vom 11.11.01).

dapd (Franz Neumayr/ddp)

2010: Eine Angehörige kniet bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des zehnjährigen Gedenkens in der Gedenkstätte vor den Kerzen. 155 Menschen fanden am 11. November 2000 bei der Fahrt auf das Kitzsteinhorn bei einem Brand in der Bergbahn den Tod.

APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Ein Rosenstrauß in Gedenken an ein Opfer bei der Gedenkveranstaltung anlässlich des 10. Jahrestages der Kaprun-Katastrophe am Donnerstag, 11. November 2010 bei der Gedenkstätte in Kaprun.

APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)

Kreuze wurden bei der 10-jährigen Gedenkfeier 2010 getragen.

EPA
EPA (BARBARA GINDL)
APA/BARBARA GINDL (BARBARA GINDL)
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Sohn erzählt von dem Unglück, das ihm seine Eltern nahm

Zwei der Todesopfer waren Karin und Horst Konrad, beide 29 Jahre alt und aus St. Veit in Kärnten. Sie ließen ihren Sohn, Maximilian Konrad - damals drei Jahre alt - zurück. Er erzählt, zwanzig Jahre nach der Katastrophe, von seinem Schmerz, aber auch von seiner Dankbarkeit. "Mein größter Dank gilt meiner Oma und meinem Opa, die mir trotz allem eine echt schöne Kindheit ermöglicht haben", so Konrad. Was damals passierte, habe er erst später begriffen. In der Pubertät sei die Trauer über ihn hereingebrochen.

Manchmal verspüre der 23-Jährige neben seiner Trauer auch so etwas wie Wut oder ein gewisses Hadern. "Ich habe viel über den Unglückshergang gelesen, Bücher und Zeitungsartikel besorgt. Und ich empfinde es als Ungerechtigkeit, dass niemand für diese Katastrophe zur Verantwortung gezogen wurde. Das hat mir sehr zugesetzt", sagt er.

Maximilian mit seinen Eltern Karin und Horst Konrad Foto © Phino KK

Keine Schuldigen gefunden

Im Strafverfahren konnte die Justiz keine Schuldigen finden, alle 16 Beschuldigten wurden freigesprochen. Laut Urteil ist der Brand wegen eines Gebrechens im Heizlüfter ausgebrochen, durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen sei es in der Folge zur Katastrophe gekommen. 

Viele Hinterbliebene können bis heute nicht abschließen, zweifeln offen die Gerichtsurteile an und kämpften lange um neue Verfahren: "Es kann nicht sein, dass 155 Menschen sterben und niemand schuld ist."

Die Hinterbliebene stützten sich auf deutsche Gutachter, denen zufolge nicht ein Fehler im Heizlüfter das Unglück verursacht haben soll, sondern der unsachgemäße Einbau des Gerätes, das für eine Standseilbahn gar nicht geeignet sei. Mehrere Opferanwälte stellten im Vorfeld riesige Summen in Aussicht, letztlich waren aber häufig sie die Profiteure und nahmen den Hinterbliebenen zum Teil mehr als die Hälfte des Schmerzengeldes als Honorar ab.

Verfahren nicht mehr eingeleitet

2007 wurde eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zurückgewiesen, 2008 schlossen sich Angehörige und Opfer der Strafanzeige eines Sachverständigen gegen die im Prozess eingesetzten Sachverständigen an. Dieses Verfahren wurde – wie viele andere – nicht (mehr) eingeleitet.

Zehn Jahre nach dem Unglück haben sich die Gletscherbahn-Verantwortlichen offiziell entschuldigt: "Mit anhaltender Trauer und Erschütterung bitten wir von den Gletscherbahnen Kaprun um Verzeihung." Die Katastrophe "geschah in unserem Betrieb, also unter unserer Verantwortung. Zu dieser Verantwortung bekennen wir uns", hieß es in einer Stellungnahme zum 10. Jahrestag.

Salzburgs Landeshauptmann: "Die Narben sind auch zwei Jahrzehnte danach noch immer vorhanden"

Auch der damalige Bürgermeister und heutige Vorstand der Gletscherbahnen, Norbert Karlsböck, erklärte jüngst in einer Aussendung: "Das, was geschehen ist, tut uns unendlich leid."

Für Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer ist der Tunnelbrand die größte Katastrophe seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Österreich gewesen, die den Einsatzkräften eine "fast übermenschliche" Leistung abgerungen habe. "Die juristischen und technischen Folgen sind zwar aufgearbeitet, doch die Narben sind auch zwei Jahrzehnte danach noch immer vorhanden. Doch ebenso wirkt der Zusammenhalt der Bevölkerung in der schweren Zeit nach dem Unglück noch nach", so Haslauer.

Für den damaligen Landeshauptmann Franz Schausberger war es "sicher die größte emotionale Herausforderung in meiner Zeit als Landeshauptmann".

Olympiasiegerin entkam Katastrophe um Haaresbreite

Eine, die unglaubliches Glück hatte und der Katastrophe um Haaresbreite entging, ist Julia Dujmovits. Die erfolgreiche österreichische Snowboarderin erzählte dem Kleine Zeitung-Redakteur Max Ischia in Sotschi 2014 - als sie Olympia-Gold im Parallelslalom gewann - dass sie damals als 13-Jährige mit dem burgenländischen Snowboard-Kader auf Trainingskurs in Kaprun war. Gemeinsam mit ihren Teamkollegen stand sie am 11. November 2000 in der Menschenschlange vor der Standseilbahn, die Minuten später für 155 Menschen zur Todesfalle werden sollte.

Während sie und ihr Bruder Georg den schicksalhaften Entschluss fassten, die Gruppe zu verlassen, um stattdessen mit der Gondel hochzufahren, kamen all ihre Freunde ums Leben. Sie war traumatisiert, schwor sich, niemals mehr ein Snowboard anzurühren und kämpfte sich dann doch zurück. Sie fasste den Entschluss, "für meine Freunde irgendwann Olympia-Gold zu holen". Was sie dann in Sotschi auch tat.

Julia Dujmovits 2014 beim Olympia-Empfang Foto © APA/ERWIN SCHERIAU

DVI-Team seit dem Unglück im Einsatz

Seit dem Katastrophenunglück gibt es in Österreich das DVI-Team, das auch zu Einsätzen im Ausland ausrückt. DVI (Disaster Victim Identification) steht für Katastrophen-Opfer-Identifizierung. Das DVI-Team, damals über 235 Spezialisten, darunter 20 Zahnärzte und zehn Gerichtsmediziner, sorgte dafür, dass keiner der 155 Verunglückten namenlos geblieben ist. 

Eine Besucherin in der Gedenkstätte bei der Talstation für die 155 Opfer, am zehnten Jahrestag Foto © APA/BARBARA GINDL

Den Opfern zu Ehren wurde 2004 eine Gedenkstätte eröffnet. In der Gedenkstätte ist jedem Toten eine eigene Nische gewidmet. Viele wurden liebevoll dekoriert, mit Fotos, Sprüchen und persönlichen Erinnerungsstücken versehen.

 

Kommentare (3)
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Franz 99
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11
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Ich

bin immer noch sprachlos wenn ich zurückdenke.Ich glaube die meisten werden sich noch Erinnern können wo Sie waren als Sie vom Unglück hörten.
Egal wer Schuld war,es ist für mich heute noch immer unfassbar dass sowas bei uns passiert ist.

petera
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17
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Da kommen einem die Tränen

wenn man das liest.

Wie viele Schicksale da dran hängen.

Leider wirft die Aufklärung (wieder einmal) kein gutes Licht auf Österreich.

Die Konstruktion an sich mit Tunnel, Heizstrahler, Türen die nicht öffnen, wohl keine Notausgänge,... ist mehr als verheerend.

Hoffentlich hat man wenigstens daraus gelernt damit so etwas nie mehr passieren kann.

ModellR2d2
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13
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Wahrheitsfindung

wie das heutige Beispiel Ischgl zeigt, hat sich am Verhalten der Mächtigen nicht viel geändert. Starke Lobbys im Hintergrund verhinderten offenbar eine schonungslose Aufklärung.

Es mag zwar nichts mehr ändern und niemand hat absichtlich so eine Katastrophe gewollt, aber für viele Hinterbliebene hat die Katastrophe nie aufgehört. Es hat ja niemand die Verantwortung übernommen.
Bis heute gibt es nur Beileidsbekundungen.

Es bleibt nur zu Hoffen, dass man aus den Fehlern trotzdem gelernt hat und so etwas nie wieder passiert.