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Erde zu Erde, Staub zu StaubEine kleine Kulturgeschichte des Friedhofs

Nicht nur an diesem Tag: Nichts geht uns so nahe wie der Tod, und nichts liegt uns so fern. Eine kleine Kulturgeschichte des Friedhofs und eine Erinnerung an ein violettes Haarband.

Kleinod: der Wiener Zentralfriedhof
Kleinod: der Wiener Zentralfriedhof © APA
 

Noch immer liegt sie obenauf, diese Erinnerung, und ist gerade an Tagen wie diesen oft zur Stelle, obwohl sie schon ewig zurückliegt, ein halbes Jahrhundert: Der Großvater, Messner und Totengräber, hebt am Dorffriedhof ein Grab aus. Mühsam mit der Schaufel, schweißverschmiert, ortsunangemessen ächzend und fluchend; gebaggert wurde damals noch nicht. Der Bub, ich, steht daneben und weiß nicht, was stärker ist: das Fürchten oder die Neugier. Letztere siegt natürlich.
Der Blick ins offene Grab also: Ein Skelett liegt dort in der klumpigen Erde, am Schädel klebt noch langes Frauenhaar. Und daran, vor allem dieses Bild wird nie schwinden, ein Band, kunstvoll zur Schleife verknüpft, nahezu unversehrt, auch die Farbe ist noch abrufbereit: Violett. Das bleibt also, muss der Bub gedacht haben, denke ich, ein halbes Jahrhundert später: Knochen, Haare und ein Band. Viel mehr denkt man sich in diesem Alter, fünf, nicht. Die Fragen kommen erst später, viele Antworten bleiben aus. Warum bleibt ein Ding und der Mensch dazu ist weg? Und wo ist er, der Mensch? Und wo ist das, was man Seele nennt? Und ist sie auch so lange haltbar wie ein, sagen wir: Haarband?

Kommentare (1)
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GordonKelz
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3
Lesenswert?

Erde zu ....

EIN ausgezeichneter Artikel , der die Rolle der Kirche auch beleuchtet, hätte gerne noch länger gelesen...zB. dass sich in Großstädten bis zu 90% der Menschen kremieren lassen, wenn wir jetzt noch den Schatten Hitlers, der verfügte auch Asche nur auf einem Friedhof auszustreuen ein Ende bereiten und die freie Verfügung der völlig unbedenklichen Asche den Hinterbliebenen überlassen,.kommen wir langsam dahin wo wir in der Bestattungskultur im 21.Jahrhundert sein sollten .

Gordon Kelz